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    TV-Tipp: Der emotional berührendste Film 2019 – pure Kinopoesie mit einem DC-Star in Bestform
    Benjamin Hecht
    Benjamin Hecht
    -Redakteur
    Weil Hayao Miyazaki ihn träumen lässt, Sergio Leone ihm den Schweiß auf die Stirn treibt und Stanley Kubrick seinen Grips fordert: Dafür liebt Benjamin das Kino!

    FILMSTARTS-Redakteur Benjamin erlebte mit „Beale Street“ einen der schönsten Kinoabende der letzten Jahre. Das mitreißende Drama ist eine Lehrstunde in Sachen intimer Inszenierung – inklusive einer oscarprämierten Performance von DC-Star Regina King.

    Mars Films

    +++ Meinung +++

    Als ich am 19. März 2019 das Kino verließ und mich auf meinem abendlichen Gang nach Hause befand, hatten meine Gedanken den Saal immer noch nicht verlassen. Mein Herz klebte weiterhin an der Leinwand des Berliner Rollberg-Kinos und wälzte sich in den atmosphärischen Gefühlspartikeln, die das gut zweistündige Kunstwerk aus Bild, Ton und Emotion in dem Raum hinterlassen hatte. „Beale Street“ hat mich berührt wie kaum ein anderer Film der letzten Jahre. Am heutigen Samstag, den 18. September, läuft die Romanadaption von Barry Jenkins um 22.50 Uhr auf 3sat.

    Barry Jenkins, das ist der Regisseur, der vor allem dafür bekannt ist, weil er mit „Moonlight“ dafür sorgte, dass „La La Land“ nicht den Oscar als Bester Film gewann. Doch während ich sein sensationelles Oscar-Drama nur gut bis sehr gut fand, hat mich sein darauffolgender Liebesfilm wirklich umgehauen. In „Beale Street“ spielt Jenkins erneut seine Stärken aus: Das Porträtieren intimer Gefühle, umhüllt in ein gefühlvoll-poetisch audiovisuelles Erlebnis, das bei vielen anderen Regisseur*innen in Kitsch ausarten würde, bei Jenkins jedoch als ungemein stilsicher rüberkommt.

    Darum geht es in "Beale Street"

    „Beale Street“ basiert auf dem Roman „Beale Street Blues“ (Originaltitel: „If Beale Street Could Talk“) von James Baldwin,  spielt im Harlem der 70er-Jahre und handelt von der Liebesbeziehung zwischen der 19-jährigen Verkäuferin Tish (Kiki Layne) und dem 22-jährigen Handwerker Fonny (Stephan James).

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    Deren Beziehung wird auf eine harte Probe gestellt, als Fonny plötzlich beschuldigt wird, eine Frau vergewaltigt zu haben. Zwar hat der Angeklagte ein wasserdichtes Alibi, aber die Tatsache, dass das Opfer ihn als Täter identifiziert, gepaart mit dem üblichen institutionellen Rassismus, führt dazu, dass er im Knast landet. Doch dann folgt gleich der nächste Paukenschlag: Tish ist von Fonny schwanger!

    Dieser Umstand führt dann auch zum Konflikt zwischen den beiden Familien, die durch das Schicksal von Fonny und Tish nun auch miteinander in einem Boot sitzen – ob sie wollen oder nicht...

    Eine Meisterklasse in intimer Inszenierung

    Für mich ist Barry Jenkins der Meister der Intimität. Kaum ein anderer Regisseur schafft es, die komplexen Innenwelten seiner Figuren für das Publikum auf so sensible Art so greifbar zu machen – und dazu braucht er gar nicht mal viel: Er bleibt einfach immer sehr nahe an den Gesichtern der Fühlenden, lässt den Hintergrund in maximaler Unschärfe verschwinden und nutzt bei Dialogen gerne mal statt der üblichen Schuss-Gegenschuss-Methode langsame Kameraschwenks, die dem Geschehen einerseits mehr Authentizität (alles passiert in einem Take, kein Schnitt unterbricht die Illusion) und eine gewisse Schwermütigkeit verleihen.

    Doch all das würde nicht dieselbe Wirkung entfalten, hätte „Beale Street“ nicht diese grandiose Darstellerriege. Die sensiblen Nahaufnahmen erfordern von den Schauspielerinnen und Schauspielern ein Maximum an authentischen Emotionen. Hier wird draufgehalten, wenn Figuren ihr Herz ausschütten und nahtlos von oberflächlicher Lockerheit zum realen Ausdruck ihrer innersten Emotionen wechseln.

    Ein beeindruckendes Ensemble

    Zum Glück erfüllen nicht nur die Hauptstars Kiki Layne und Stephan James die hohen Ansrpüche mit Bravour, auch der Nebencast um Brian Tyree Henry („Godzilla Vs. Kong“), Teyonah Parris („WandaVision“), Colman Domingo („Fear The Walking Dead“), Regina King („Watchmen“-Serie) und vielen mehr ist hier zu jeder Zeit den mal sinnlichen, mal gemäßigten und mal aggressiv ausbrechenden Gefühlen gewachsen, die der Film braucht.

    Gerade King, unter anderem bekannt für ihre Hauptrolle in der Serienfortsetzung des DC-Comic-Meisterwerks „Watchmen“ überzeugt in ihrer Rolle als Tishs Mutter Sharon. Mit ihrer aufopferungsvollen und trostspendenden Art ist sie immer dann zur Stelle, wenn Tish mal wieder alles zu viel wird und wird damit auch schnell zur wichtigen emotionalen Stütze für das Publikum. Dass King den Oscar als Beste Nebendarstellerin gewann, ist verdient – obwohl oder gerade weil es wirklich schwer ist, in dem ohnehin schon beeindruckenden Cast positiv hervorzustechen.

    Ein Fest für die Sinne

    Die packende Geschichte, die gefühlvolle Inszenierung und das authentische Schauspiel würden schon ausreichen, um „Beale Street“ zu einem sehr guten Film zu machen. Doch was das Liebesdrama für mich dann endgültig zum Meisterwerk macht, ist der brillante Score von Nicholas Britell, der mit melancholischen Klavier-Akkorden untermalt, doch stets auch hoffnungsfrohe, gar verspielte Klänge anstimmt und damit das Thema des Films perfekt einrahmt: Dass auch die schwersten Zeiten einen Hauch von Schönheit haben, wenn wir dabei Liebe erfahren.

    Durch die Kombination all dieser Faktoren fühlte ich mich dem Geschehen auf der Leinwand so nah wie selten zuvor oder danach. „Beale Street“ ist ein zutiefst tragischer Film, der mit seiner hoffnungsfrohen Botschaft doch zugleich den Balsam für die Seele mitliefert und dazu einlädt, sich in einer wunderschön-komplexen Aura der Gefühle zu verlieren.

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