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    TV-Tipp: Heute läuft einer der größten Hits der deutschen Kinogeschichte – und er ist ganz anders als typische Blockbuster!
    Sidney Schering
    Sidney Schering
    -Freier Autor und Kritiker
    Sein erster Kinofilm war Disneys „Aladdin“. Schon in der Grundschule las er Kino-Sachbücher und baute sich parallel dazu eine Film-Sammlung auf. Klar, dass er irgendwann hier landen musste.

    Frei nach einem unfassbaren, wahren Leben wird in „Papillon“ eine hochspannende, intensive und überaus gefühlvolle Geschichte erzählt – frei von den meisten Blockbuster-Mechanismen. Und dennoch wurde aus ihm ein Riesenhit. Heute läuft er im Free-TV.

    +++ Meinung +++

    Die Geschichte eines fälschlich inhaftierten Mannes, der große Folter erdulden muss, bietet enormes cineastisches Potential in mehreren Genres. Wäre sie ein adrenalingeladener Mix aus Abenteuer und Action, würde es wohl niemanden überraschen, sollte sie zudem zum Superhit werden. Vor allem aus heutiger Sicht, da zunehmend Balanceakte aus Thrill und Unterhaltung die Kasse klingeln lassen. Eine dramatische Nacherzählung eines solchen Lebens wie in „Papillon“ würde man heute bestenfalls als Kino-Achtungserfolg erwarten – oder direkt als (Mini-)Serie im Streaming.

    In den 1970ern galten jedoch andere Kino-Gesetzmäßigkeiten. Solcher Wandel bezüglich Geschmäcker, Kinogewohnheiten und Konsumverhalten liegt in der Natur der Sache. Dennoch ist es rückblickend erstaunlich, wie erfolgreich „Papillon“ war: Das Drama mit Steve McQueen und Dustin Hoffman erreichte in den deutschen Kinos mehr Menschen als der Original-„Star Wars“! Dass dieser historische Hit auf keinem der einschlägigen Streamingdienste zu finden ist, ist ein echter Jammer.

    Doch heute, am 17. Oktober 2022, läuft „Papillon“ im Fernsehen – ab 23.15 Uhr im NDR!

    "Papillon": Schweiß, Dreck, Freundschaft und wenig Hoffnung

    Marseille in den 1930er-Jahren: Kleingauner Henri Charriere (Steve McQueen), genannt „Papillon“, landet unschuldig in einer Strafkolonie in Französisch-Guyana. Auf der sogenannten „Teufelsinsel“ soll er für einen Mord büßen, den er nie begangen hat. Das Einzige, was Papillon davon abhält, komplett zu verzweifeln, sind seine Fluchtpläne. In die weiht er einen Mitinsassen ein: Geldfälscher Louis Dega (Dustin Hoffman). Nach langem Zittern scheint Papillons Plan eines Tages wie geschmiert zu laufen. Doch dann kommt es zu einem gewaltigen Rückschlag. Kann Henri sich davon erholen und Mut für einen weiteren Fluchtversuch sammeln?

    Mit sensationellen 8,5 Millionen verkauften Eintrittskarten ist das von Franklin J. Schaffner inszenierte Historiendrama „Papillon“ nicht nur Deutschlands größter Kinoerfolg des Jahres 1973. Die vor Staub, Schweiß, Schmutz, Siff und Elend triefende Geschichte ist noch immer auf einem beachtlichen Platz in der ewigen Bestenliste der größten Kinohits. Ganz konkret befindet sich „Papillon“ auf Rang 48 der meistbesuchten Filme seit 1958 – und damit unter anderem über „E.T. – Der Außerirdische“ (Platz 51 mit 8,33 Millionen) und „Krieg der Sterne“ (Platz 53 mit 8,19 Mio.)!

    Allein schon aus filmhistorischer Neugier ist es spannend, sich „Papillon“ (erstmals oder wieder) anzuschauen – schließlich gibt es nur 47 Geschichten, die in Deutschland mehr Menschen ins Kino lockten. Das will geschätzt und bewundert werden. Zumal „Papillon“ selbstbewusst einen Gros seines Abenteuer- und Thrill-Potentials links liegen lässt. Schaffner und die Drehbuchautoren Lorenzo Semple Jr. („Batman hält die Welt in Atem“) sowie Dalton Trumbo („Ein Herz und eine Krone“) legen den Schwerpunkt auf die Dynamik zwischen Henri und Louis.

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    Diese zeitlos erzählte Freundschaft voller Widerhaken ist letztlich der Hauptgrund, dass „Papillon“ weit mehr ist als ein Kuriosum der Kinochart-Historie: McQueen als zielstrebiger, verschlagener sowie tatkräftiger Kerl und Hoffman als sein hoch intelligenter, aber auch neurotisch-passiver, nahezu willenloser Kompagnon sind ein ungleiches Duo. Nicht aber im Buddy-Action-Sinne. Sie sind kein sich Sprüche um die Ohren hauendes Doppel, das sich ununterbrochen gegenseitig anregt, über den eigenen Schatten zu springen.

    Viel mehr geht es im Film darum, ihnen zuzuschauen, wie sie aus einer Zweckfreundschaft blindes Vertrauen formen und eine nahezu wortlose Kommunikation entwickeln. Die zwei Freunde halten sich trotz unterschiedlicher Lebensziele und völlig entgegengesetzter Mechanismen, mit ihrer niederschmetternden Lage umzugehen, emotional über Wasser. Das ist eine bewegende Komplizenschaft, die dennoch nicht vom sie umgebenden Grauen ablenkt.

    Die FSK-Freigabe ab 16 Jahren, die „Papillon“ weiterhin trägt, ist angesichts heutiger Sehgewohnheiten keineswegs ein Muss. Dennoch ist sie noch immer nachvollziehbar – nicht aufgrund irgendwelcher für Teenager im Mittelstufe-Alter unzumutbarer Gewaltspitzen. Sondern weil Schaffner sein Publikum so effektiv in eine Welt der versetzt, in der Körperkräfte zerschunden und geistige Kräfte durch Verzweiflung gebrochen werden. Die Bildsprache von „Papillon“ sorgt dafür, dass Hoffnung wie Schweiß davon fließt und die langen, langen Strecken ohne Filmmusik provozieren ein Gefühl des Verlorenseins.

    Wenn Jerry Goldsmiths sehnsüchtig-romantischen und exotisch arrangierten Impressionen auftauchen, verschmelzen in ihnen das karibische Setting und ferne Erinnerungen an Papillons Heimat. Sie machen die seelische Desorientierung der Hauptfigur deutlich, wirken in ihrer Harmonie und melodischen Greifbarkeit jedoch zugleich wie ein Rettungsring in einem Meer des Kummers. Die Musik ist daher ein wertvoller Beitrag zu „Papillon“, schließlich verhindert sie, dass wir uns einen raschen Gnadenschuss von einem Ende wünschen. Sondern zehrend darauf warten, dass dieser Schmetterling endlich seine Flügel ausbreitet.

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