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Kinobengel
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4,0
Veröffentlicht am 3. April 2026
FAMILIE
Le Havre in den 1980ern: Eine alleinerziehende Mutter (Golshifteh Farahani) nimmt ihren drogenabhängigen, HIV-positiven Bruder Amin (Tahar Rahim) bei sich auf. Er teilt zunächst das Kinderzimmer mit seiner 13-jährigen Nichte Alpha (Mélissa Boros), die nach einer Party ein Tattoo trägt. Die als Ärztin tätige Mutter befürchtet die Infektion durch eine neue Krankheit, welche derzeit die Krankenhäuser sehr belastet. Alpha wird in der Schule angegriffen.
Julia Ducournau hat mit „Raw“ (2016) und „Titane“ (2021) für Aufsehen gesorgt. Für Letzteren erhielt sie die Goldene Palme in Cannes. Die französische Filmemacherin verleiht ihren Hauptcharakteren wegen oder trotz ihrer Neigung zum Body-Horror eine beachtliche Tiefe, was in dem Genre üblicherweise nicht gezeigt oder nicht verlangt wird. Ein diesbezüglich hohes Niveau gelingt ihr ebenso bei „Alpha“ und das liegt nicht ausschließlich an ihrem bewährten Team (Kamera: Ruben Impens, Editor: Jean-Christophe Bouzy). Die 3 Kinofilme der Regisseurin zeigen, chronologisch gesehen, einen tendenziell steigenden Hang zum Dramatischen. Im aktuellen Werk wird die Angst um die Gesundheit deutlich herausgearbeitet, auch der Aberglaube bekommt seinen Platz. Gepaart an die emotional aufreibende Familienlage um Alpha sieht das Publikum einen gewaltigen Mix, der konzentriert auf die Leinwand gebügelt und der fantastischen Ebene zum Teil vorangestellt wird. Ducournau bestimmt nach eigenem Drehbuch aussagekräftige Situationen um die Erlebnisse des 13-jährigen oder in Rückblenden 5-jährigen Mädchens (hier: Ambrine Trigo Ouaked), die in ideenreichen Einstellungen schonungslos intensiv bebildert sind, begleitet von einem abwechslungsreichen, aber stets zum Geschehen außerordentlich gut passenden Score. Durch das zudem herausragende Schauspiel entsteht von Beginn an eine ergreifende Atmosphäre, die in 128 Minuten Spielzeit nie abebbt. Hier sei insbesondere die Szene genannt, in der Alpha ihren Onkel versöhnlich umarmt. Dabei liefert Ducournau keine ausgefeilte Story, sondern aufwühlendes Beobachtungskino um Coming-of-Age, Fürsorgewillen sowie Desillusion, nichts für schwache Nerven. Nur selten übersteuert der im Gleichgewicht bleibende Film.
Zu Recht stellt sich die Frage, ob die ansteckende „Marmorkrankheit“ inhaltlich notwendig erscheint. War der Autorin das Thema HIV vor etwa 40 Jahren nicht offenkundig genug? Ungeachtet dessen bekommt der verwöhnungsbedürftige Fan des Body-Horrors dennoch zu wenig entartet Ekliges.
„Alpha“ ist ein mehr als sehenswerter Beitrag zum dramatischen Film. Und er trägt die Handschrift der Julia Ducournau.
Diese Eröffnungsszene wirkt so unschuldig, und dann wird sie völlig herzzerreißend, wenn man begreift, was genau vor sich geht. Seien Sie auf einen Schock gefasst, denn so etwas habe ich noch nie im Film gesehen, und es ist wirklich unbeschreiblich. Wir erhalten nun einen erfrischenden Einblick in das Familienleben inmitten des Traumas, mit dem diese Menschen konfrontiert sind, und das ist wunderbar tröstlich. Ich habe die zugrunde liegende Epidemie, mit der diese Familie zu kämpfen hat, noch nie aus dieser Perspektive gesehen, und sie wird auf die eindringlichste Weise dargestellt, die ich je erlebt habe. Der Film ist visuell sehr anspruchsvoll, und man ist sich nicht sicher, wie man sich fühlen soll oder ob in diesem Wahnsinn überhaupt ein Sinn steckt. Inmitten der Tragödie, die das Schicksal der Filmfiguren bestimmt, gibt es einen rebellischen Ausbruch, der den Lebenswillen zeigt.