STANDING ALONE
USA, 1943: Nach der Premiere des Maßstäbe setzenden Musicals „Oklahoma!“ braucht der berühmte Musical Songwriter Lorenz Hart (Ethan Hawke) erst mal einen Whiskey, denn der Text stammt nicht von ihm. Sein langjähriger beruflicher Partner, Komponist Richard Rogers (Andrew Scott), arbeitete mit Oscar Hammerstein II (Simon Delaney) für dieses Engagement. Hart ist zudem unglücklich in die 20-jährige Elizabeth (Margaret Qualley) verliebt, die er an diesem Abend in einer Bar erwartet.
Richard Linklater präsentiert oft interessante Ideen auf der Leinwand, größtenteils hervorragend umgesetzt. Hier sei „Boyhood“ aus dem Jahr 2014 genannt, wofür die Dreharbeiten über einen Zeitraum von 12 Jahren verteilt wurden, damit man die Hauptfigur in der Altersspanne 6 bis 18 „tatsächlich“ aufwachsen sieht. Bei der Before-Trilogie verhält es sich ähnlich, da die Geschichte um eine verblühende Liebe mit denselben Hauptfiguren in den Jahren 1995, 2004 und 2013 verfilmt worden ist. Hawke spielte in den 4 vorgenannten Filmen entweder die Hauptrolle oder eine wichtige Nebenrolle. Linklater kann auch auf Turbo: 2025 erschienen „Nouvelle Vage“ und „Blue Moon“. Beide Filme laufen derzeit in den deutschen Kinos, Letzterer wiederum mit Hawke in der Hauptrolle als Lorenz Hart.
Abgesehen von einigen Minuten zu Beginn sieht das Publikum ein etwa in Echtzeit erzähltes Kammerspiel in besagter Bar, offensichtlich die Stammkneipe von Hart, denn der hinter der Theke tätige Eddie (Bobby Cannavale) kennt seinen Kunden ganz genau. Der Autor ist eloquent, sarkastisch, von selbstverspottender Gleichgültigkeit, in alberner Hoffnung, fragt nicht viel, sondern redet und redet und redet, das Ganze in einem ausdrucksstarken, exakt bis schnodderig gesprochenen Englisch. Hier steht schon mal die hammermäßige Leistung von Hawke. Damit nicht genug: „Blue Moon“ enthält schnell geschnittene, gefühlt unendlich viele Einstellungen, die einfach unglaublich gut fließen. Das ist vortrefflich durchdacht, zusammengefügt, ohne Haken, ohne Hänger. Der Charakter Hart wird gnadenlos entblättert, insbesondere wenn die Macher und Gönner rundum „Oklahoma!“ in die Bar strömen, und steht am Ende wie ein isoliertes Stück besoffene Bitterkeit im Raum, inszeniert zum Schmunzeln und Staunen.
Linklater macht erneut sein Ding. „Blue Moon“ ist nicht für diejenigen geeignet, die sich von einem BioPic mehr erhofft haben als 90 Minuten tragikomisches, monologlastiges Geschehen um ein paar geleerte Gläser Whiskey. Dennoch vermag der US-amerikanische Filmemacher deutlich veranschaulichen, wie Lorenz Hart getickt hat und in welchem Zustand er sich wenige Monate vor seinem Tod befand.