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Rob T.
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3,0
Veröffentlicht am 7. Januar 2026
Der Franzose Meursault (Benjamin Voisin) lebt in Algier. In den 1930ern ist Algerien von den Franzosen besetzt. Für die Algerier selbst bedeutet das oft, scheinbar Menschen zweiter Klasse zu sein. Meursault ist das alles mehr oder weniger gleichgültig. Der Nachbar schlägt den Hund? Egal. Ein anderer Nachbar mit von algerischen Jugendlichen verprügelt? Scheint ihn nicht zu berühren. Als er die Nachricht vom Tod seiner Mutter erhält, fährt er zur Beerdigung - bleibt aber ohne Emotionen. Er beginnt eine Affäre mit Marie (Rebecca Marder), sie liebt ihn und will ihn heiraten. Er stimmt zu, aber eher deshalb, weil sie es ja will. Er ist ach hier weitgehend frei von Emotionen. An einem Strand kommt es dann aber zu einer Begegnung, die für ihn schwere Folgen haben wird. Er tötet einen Mann.
Meursault ist "Der Fremde". Weil er fremd ist, überall, mit allen Leuten. Immer steht er distanziert daneben. Immer handelt er, weil es eben so gewünscht ist. Nur einmal zeigt er Emotionen, dann brechen sie regelrecht aus ihn heraus - in einem Gespräch mit einem Pfarrer, der ihm wiederum seltsam emotionsfrei begegnet, weil der Pfarrer in dem Moment tut, was er als Pfarrer zu tun hat. François Ozon legt mit "Der Fremde" einen Film nach dem Roman von Albert Camus vor. Der Film ist in Schwarzweiß, und er wirkt auch auf merkwürdige Weise blass. Das liegt nicht an den schauspielerischen Leistungen. Alle Darsteller, allen voran Hauptdarsteller Benjamin Voisin als scheinbar emotionsloser junger Mann, spielen gut. Die Frage ist immer nur, was uns das Gesehene sagen soll. Die Handlung verläuft relativ spannungsarm, sie bietet keinen wirklichen Plot-Twist, sie strebt langsam einem unvermeidlichen Ende zu. Es gibt einige besinnliche Stellen, die Kamera genießt es sichtlich, die Darstellenden ins Bild zu setzen - aber alles Sinnliche prallt ja am Ende an Meursault fast immer ab. Das Ende ist folgerichtig und sorgt schließlich auch beim Zuschauer nur kaum für Emotionen. Vermutlich hätte aus dem Stoff wesentlich mehr rausgeholt werden können.
Der Fremde wäre vielleicht besser als befremdet zu bezeichnen. Wenn man erregungslos den Tod der Mutter einfach annimmt ohne sich zu äußern. Und wenn man die sexuelle Bedürfnisse des Mannes auf einer Seite ausführlich nachgeht, aber auf der anderen Seite die Freundin nichts nachgibt und sich nur distanziert verhält. Und er lässt sich in den blöden unmoralischen Handlungen seines Nachbarns reingesaugt werden, bis er die Rache des Mistkerls von einem Kumpel auf einen Einheimischer ausübt. Stylistisch sehr tief und intensiv gedreht und dargestellt, ein Kunstwerk definitiv, aber was habe ich daraus gewonnen oder erlebt - ja, befremdlich, oder jemand der sich als der Fremde von verschiedenen Perspektiven berechtigt nennen darf. Voisin meisterliche Leistung
Eine langsame, leise schwarzweiß Verfilmung von Albert Camus Klassiker, der vom Regisseur François Ozon mit Blick auf die Nuancen im Text neu gelesen wird. Der politische koloniale Kontext wird ganz folgerichtig hier adressiert. Irritierend ist nach diesem Film wie unpolitisch die Rezeption von Camus Text bisher war. Der Film wird nicht nur von großartigen Schauspieler:innen getragen, auch die schwarzweiß Bilder tragen zu einer erstaunlichen Intensität bei, die einen nicht unberührt lässt. Der Film entlässt einen mit der Frage, wie jede:r individuell mit der Gleichgültigkeit anderen Menschen und der Gesellschaft gegenüber nicht nur zu Unrecht beiträgt, sondern auch ungewollt Kipppunkte hervorruft.