Erschreckend seelenlose Verfilmung des berühmten Horror-Stoffs!
Mary Shelleys „Frankenstein“ ist seit zwei Jahrhunderten aus der Popkultur nicht mehr wegzudenken. Doch nimmt man die ikonischen und klischeehaften Darstellungen des Zombie-ähnlichen Monsters und dem verrückten Doktor Frankenstein mal beiseite und liest das Buch, so entdeckt man vermutlich eine der tragischsten Geschichten des Horrorgenres. Für mich ist „Frankenstein“ nicht mal wirklich Horror, sondern eine Tragödie, die in meinen Augen große Klassiker von Shakespeare oder Schiller vollkommen in den Schatten stellen.
Verfilmungen des Stoffes gibt es bereits seit über einem Jahrhundert und die Referenzen sind bis heute tief in der Popkultur verwurzelt. Eine Neuverfilmung des Stoffes im Jahre 2025 unter der Regie von Guillermo del Toro klang für mich nach einer wunderbaren und perfekten Kombi. Del Toro ist seit Jahren eine perfekte Wahl für blutigen und kreativen Horror im Gothic-Stil und auch seine Filme, die in eine stilistisch andere Richtung gehen („The Shape of Water“ oder „Pinocchio“), haben etwas Faszinierendes und Packendes. Doch del Toro ist nicht immer so stark: „Pacific Rim“ und „Crimson Peak“ haben mich beide sehr enttäuscht. Und nun… ist es leider wieder soweit. Seine Verfilmung von „Frankenstein“ war ein Herzensprojekt und die ersten Ideen für den Film entstanden vor fast 20 Jahren. Dass das Endprodukt nun so lasch geworden ist, verblüfft mich dann doch. Viele Fans feiern den Film und der Großteil der Kritiken fiel positiv aus, ich bin mit meiner Meinung also ganz klar in der Minderheit, aber ich möchte doch gern erläutern, warum diese Verfilmung so Vieles falsch macht.
Die Story spielt in den ersten Jahrzehnten des 19: Jahrhunderts: Der junge Chirurg, Viktor Frankenstein, will die Grenzen der Medizin und der Wissenschaft sprengen. Er sucht nach Möglichkeiten totes Gewebe wieder zum Leben zu erwecken. Seine Forschungen sind dabei nicht selten unmoralisch, doch er hat Erfolg. Mit der Hilfe des Investors und Waffenherstellers Henrich Harlander, bekommt Frankenstein die finanziellen Mittel für sein großes Experiment. Und es gelingt, er kreiert eine Art neuen Mensch, der zwar geistig auf dem Niveau eines Neugeborenen agiert, aber übermenschliche Kräfte besitzt…
Del Toros Film ist zunächst mal sehr nah am Buch, was viele Freunde des Stoffes freuen dürfte. Das hat jedoch auch seine Schattenseiten in meinen Augen, auch wenn es ein paar kreative Änderungen gibt, die gar nicht schlecht sind. Kommen wir aber erst mal zum Guten: Der Film hat einige schicke Sets und tolle Effekte. Die Kostüme sind prachtvoll und imposant, wie ein Großteil des Designs dieser Welt. Und auch der romantische, teilweise heitere Score von Alexandre Desplat gefällt mir. Und wie gesagt: Ein paar Änderungen gefallen mir auch, wie etwa die Rolle der Elizabeth, die hier deutlich mehr Präsenz hat als im Buch.
Dann wird es aber leider schon schwierig positive Dinge zu benennen. Zunächst mal der Cast: Der ist mit großen Namen geschmückt, doch ein Großteil der Darsteller*innen zeigt nicht unbedingt eine grandiose Performance. Das liegt zum einen am Drehbuch (dazu später mehr!), zum anderen aber sind einige der Leute hier einfach nicht so stark. Oscar Isaac liefert eine solide und stellenweise sehr tolle Leistung ab, während Jacob Elordi als Monster seine starken, aber auch schwachen Momente hat. Wieso del Toros Liebling, Doug Jones (er spielte in fast allen seiner Filme eine Art Monster oder Kreatur), nicht diese Rolle bekam, ist sehr überraschend für mich gewesen, da Jones nicht selten in seinen Figuren brilliert hat. Jones war übrigens auch anfangs vorgesehen, doch am Ende ging der Part an Elordi.
Waltz macht sein Ding und spielt leider immer wieder das Gleiche in den meisten seiner Filme, Mia Goth hingegen hat ihre Momente.
Das eigentliche Problem ist jedoch die Inszenierung und das Drehbuch, welches von del Toro selbst stammt, denn ich habe den ganzen Film über fast nichts gefühlt. Wir haben hier eine unfassbar tragische Geschichte über ein armes Geschöpf, welches sein ganzes Leben lang nur leidet und immer verstoßen wird. Eine Geschichte, die mich beim Lesen gerührt und auch wütend gemacht hat (im positiven Sinne), weil sie so nah an der Realität dran ist. Die Verfilmung von 2025 konnte diese Tragik leider kaum wiedergeben. Auf dem Papier sind all die Punkte da und del Toro verfilmt den Stoff sehr nah am Buch. Doch das Endergebnis erinnert mich an die ersten beiden „Harry Potter“-Verfilmungen: All die wichtigen Dinge sind da, aber die Emotionen fehlen. In „Frankenstein“ von 2025 sehen wir viel Drama, welches sich jedoch nie wirklich natürlich entwickelt. Alles passiert einfach, egal wie, egal wann. Viktor selbst ist ein Paradebeispiel: Er erschafft das Monster, scheint es auf eine gewisse Art zu lieben, ist dann innerhalb von fünf Minuten von ihm genervt, weil es nur seinen Namen sagen kann und hasst es dann auf einmal? Und auf diesem Hass basiert der Großteil des Films, das ganze zukünftige Drama entsteht aus diesem Konflikt. Und der Film rotzt ihn gefühlt einfach hin? Die Beziehung zwischen Frankenstein und seiner Kreatur hätte den Großteil des Films einnehmen können, hier wäre so viel Potential gewesen. Stattdessen wird Frankenstein einfach zum widerwärtigen Antagonisten und jede Szene, in der ein Konflikt entsteht, wird peinlichst plump forciert, wie etwa die Szene mit dem Monster und dem blinden Mann oder auch die Hochzeitsszene… Dabei sprechen die Figuren über ihren Schmerz und all das, aber wir sehen es nie wirklich. Im Buch funktioniert das natürlich deutlich besser, im Film aber wirken die Dialoge steif und bedeutungslos. Ich habe nie wirklich verstanden, was Frankenstein oder auch Elizabeth wollen. Sie erzählen viel bedeutungsschwangeren Kram, aber der Kern der Figur ist schwammig und leblos. Das trifft auf den Großteil der Charaktere zu und macht dadurch den Großteil des Films leer und frustrierend.
Und das von einem del Toro, der eigentlich tolle Figuren schreiben kann, siehe „The Shape of Water“. Aber hier? Man hat das Gefühl ein Anfänger hätte das Script geschrieben, so kitschig und vorhersehbar sind die Dialoge.
Zu guter Letzt muss ich auch die VFX-Effekte schelten: Während die praktischen Effekte toll sind, ertrinkt der Film in Unmengen an CGI-Momenten, die oftmals gar nicht mal so gut aussehen. Feuereffekte und besonders die Tiere sehen sehr künstlich aus. Der Film wirkt nicht selten wie ein Videospiel. Dabei hätte man immer wieder auf Computertechnik verzichten können. Robert Eggers hatte es mit seinem „Nosferatu“-Film (2024) ja auch gut hinbekommen. Auch hier bin ich erstaunt, dass dieser Film von del Toro kommt. Der hatte sonst immer ein Händchen für visuell beeindruckende Filme. Ebenso sein typischer Einsatz von exzessiver Gewalt wirkt hier umso obsoleter, besonders gegen Ende.
Fazit: Del Toros „Frankenstein“ ist eine große Enttäuschung für mich geworden! Der wunderbare Stoff von Shelley wird hier nicht mal ansatzweise so kraftvoll wiedergegeben, wie er eigentlich sein könnte. Das liegt an einem sehr schwachen Drehbuch, viel zu vielen VFX-Effekten und blassen Figuren. Ich musste mehr lachen, als dass ich Schmerz oder Trauer empfunden habe und das ist kein gutes Zeichen bei einem Film dieses Kalibers!