Es wird die Geschichte vom Psychiater Dr. Malcolm Crowe (Bruce Willis) erzÀhlt, der selbst nach einer Auszeichnung nicht mit seinen Leistungen zufrieden ist. Das mag daran liegen, dass er einen Patient nicht heilen konnte, welcher ihn in seiner Wohnung aufsuchte und sich vor Crowes Augen erschoss.
Ein Jahr spĂ€ter bekommt den jungen Patienten Cole (Haley Joel Osment), der glaubt tote Menschen zu sehen. Schnell wird dem Seelenarzt klar, dass einige Parallelen zu seinem damaligen Fall existieren. In der Hoffnung das damalige Geschehen vergessen zu machen, bemĂŒht der sich intensivst der Heilung seines jungen Patienten und vernachlĂ€ssigt dabei sein eigenes Leben.
Nehmen Sie die Storybeschreibung nicht allzu ernst. Mist geschrieben haben wir zwar nicht, der Zuschauer erkennt jedoch beim grandiosen, höchst subtilen Finale, das doch alles anders ist. Noch nie wurde der Kinobesucher so geschickt hinters Licht gefĂŒhrt wie hierÂder mit Abstand grandioseste âA-ha Effektâ der Filmgeschichte.
Faszinierende Enden hat man auch schon in anderen Filmen gesehen: âSawâ beispielsweise begeisterte mit seinem alptraumhaften Finale und auch David Lynchs âMulholland Driveâ kann trotz fehlender AufklĂ€rung seines Puzzles mit toll inszenierten Enden begeistern.
Doch nicht nur im Wettkampf um das beste Finale hat âSixth Senseâ die Nase vornâŠ.
Die Geschichte wird mit unglaublichem FeingefĂŒhl erzĂ€hlt. Dass dies auch Shyamalans Ziel war, erwĂ€hnte er vor einiger Zeit in einem Interview. Auf die Frage, warum er eigentlich nur Horrorfilme drehe, antwortete er sinngemĂ€Ă: Damit die Leute fest im Kinosessel sitzen und alles wahrnehmen. Von den Charakteren ĂŒber die sensible Inszenierung der SchlĂŒsselszenen. Der Zuschauer muss von der Spannung gefesselt werden, damit er genau zuhört.
Da können wir nur sagen: richtig gemacht, Manoj!!! Bei einer Komödie oder einem Drama wĂŒrden die vielschichtigen Charaktere beim Zuschauer nicht in dem MaĂe zur Geltung kommen.
Und vielschichtig sind sie allemal: Bruce Willis verkörpert einen in seinen Augen gescheiterten Psychologen, Haley Joel Osment spielt den verĂ€ngstigten Jungen, der krampfhaft nach Hilfe sucht und deshalb eine tiefe Bindung zu Crowe aufbaut. Doch auch bis in die Nebenrolle sind Charaktere sauber gezeichnet. Sei es Coleâs Mutter, die sich immer mehr um ihren Sohn sorgt oder Crowes Frau, die es dem Psychologen ĂŒbel nimmt, dass er ihren Hochzeitstag vergessen hat.
Man fĂŒhlt daher mit jedem Charakter mit und gerĂ€t so immer tiefer in den Filmsog, der einen so schnell nicht mehr loslĂ€sst.
Ganz besonders Bruce Willis begeistert hier mit seiner Darstellung des angeschlagenen Seelendoktors. Kante man ihn aus frĂŒheren Jahren eher als Actionheld, so ist Es hier einfach ĂŒberraschend, mit welcher bravour er diese Rolle meistert. Nur kleine schauspielerische Defizite zeigen manchmal, dass es wirklich seine erste Rolle in einem tiefgehenden Drama ist.
Haley Joel Osment spielt verkörpert seinen Charakter mit bravour. Er spielt den jungen VerÀngstigten mit solch einer Klasse, dass man glaubt, man hÀtte einen erfahrenen Schauspieler vor sich. Leider konnte er in seinen Folgefilmen nicht mehr die gleiche Leistungen wie hier bringen.
Unterhaltungsdefizit???
SIxth Sense besticht teilweise durch seine ruhigen Momente, die sehr gefĂŒhlsintensiv sind. Dabei schwenkt die Kamera lange ĂŒber eine Person, um die AtmosphĂ€re zu intensivieren.
Zur Folge hat das natĂŒrlich auch, dass im Film nicht sonderlich viel passiert. Das bedeutet in keinster Weise, dass man sich langweilen muss, Horrorfilmfraks, die auf den satten, brutalen Horror stehen, werden allerdings enttĂ€uscht. SO ist der Film vom Unterhaltungswert her gesehen also nicht jedermanns Sache. Die anspruchsvollen GemĂŒter unter ihnen jedoch, die auch noch lange nach dem Film ĂŒber Story, Wendungen und Aussage diskutieren wollen, kommen an diesem Werk nicht vorbei und können auch ĂŒber die kurzen Durststrecken hinwegsehen.
HÀufig bemÀngeln wir nicht mangelnde Aussage in Filmen. Selbst hochkarÀtige Streifen kommen aufgrund des Aussagedefizites nicht in die höheren Wertungsregionen. Warum werden Filme heute nur oberflÀchlich gestaltet? Muss ein Literaturklassiker beispielsweise nicht auch eine Message transportieren? Sicherlich! Aber warum dann nicht auch ein Film?
Shyamalan sieht das wohl aus einer etwas anderen Perspektive: Er beschĂ€ftigt sich wohl eher nicht mit dem Gedanken, Wie man etwas aussagekrĂ€ftiges in einen Film einbaut, sondern eher, wie man den Aussagekern in filmische Mittel umwandelt. Nie wurde in Filmen so deutlich wie hier ĂŒber menschliche Grundfragen philosophiert. Doch nicht nur der eigentliche Storyrahmen bietet viel Lernâ und Denkstoff, denn selbst in Dialogen werden immer neue, brisante zum Nachdenken anregende Fragen aufgeworfen, ĂŒber die sich der Zuschauer wohl auch lange nach dem Film noch seine Gedanken machen wird.
Ein gutes Drama musste schon laut Goethes Faust alle Instanzen des Daseins abarbeiten. SinngemÀà mĂŒsste laut dem groĂen Dichter eine Tragödie also vom Himmel durch die Welt zur Hölle gehen. Wir können mit Fug und Recht behaupten, dass dies Shyamalan eindeutig gelungen ist. Denn nicht nur das weltliche spielt in diesem Film eine groĂe RolleâŠ..
Wer also neugierig geworden ist und mehr ĂŒber den Film wissen will, kann hier ein paar Informationen einholen.
Soundfetischisten, die auf krachende Lautsprecher Ă la âIndependence Dayâ stehen, werden hier wohl eher nicht das Richtige finden. Auf der DVD (als Premium Edition und als normale Version erhĂ€ltlich) findet sich zwar auch eine Dolby 5.1 Tonspur, mit schepperndem Sound kann der Film gerade wegen seiner ruhigen Art nicht aufwarten.
Um nochmal auf die Premium Edition zu sprechen zu kommen: Sie besteht aus zwei DVDâs, wobei letztere nur mit Extras bestĂŒckt sind. Die haben es aber in sich: Interviews von Shyamalan, Willis und Osment, Szenen, die nicht ihren Weg ins finale Werk gefunden haben aber trotzdem sehenswert sind.
Fazit:
Sixth Sense ist schon seit langer Zeit der beste Film meiner Meinung nach beste Film aller Zeiten. Er befriedigt mit seiner Vielschichtigkeit fast jeden Fan, regt stark zum Nachdenken an und besticht durch eine traumhafte AtmosphĂ€re. Hoffentlich bleibt er nicht so unangefochten an der Spitze, wir hoffen auf baldige Konkurrenz. Nicht weil wirâs Shyamalan nicht gönnen, sondern weil wir nochmal in eine solche fantastische Welt eintauchen wollen