Titane
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FILMGENUSS
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4,0
Veröffentlicht am 4. November 2021
LIEBE GEHT DURCH DEN WAGEN
von Michael Grünwald / filmgenuss.com

Im niederösterreichischen Krems konnte man diesen Sommer im Rahmen einer bemerkenswerten Ausstellung über Patricia Piccinini Mutationen aus Mensch, Tier und anorganischen Elementen begegnen. In einem Raum widmete die australische Künstlerin ihr Werk der Hybris zwischen Mensch und Automobil. Seltsame Wesen aus Fleisch und Karosserie, kaum mehr als Organismus erkennbar. Dennoch schienen sie zu atmen.

Wer die Idee hinter Piccininis Werk verstehen kann, dürfte auch einiges mit dem diesjährigen Gewinner der Goldenen Palme von Cannes anfangen können: Titane von Julia Ducournau. Doch selbst dann, wenn der Zugang und das Verständnis für das Abnorme gegeben wäre, wird dieser Film sein überschaubares Zielpublikum längst nicht durch die Bank begeistern. Gefallen wird Titane vermutlich niemanden. Aber faszinieren. Zugegeben: mich hat er fasziniert. Und ja, ich konnte mich für dieses bizarre Werk, das im Grunde seines Wesens mit nichts anderem herumexperimentiert als mit dem Mythos von Frankensteins Monster, zu meinem eigenen Erstaunen ganz gut erwärmen.

Wie schon in Ducournaus vorherigem Werk Raw steht auch hier eine junge Frau im Zentrum, die nicht der Norm entsprechen und daher freilich auch ihren Platz in der Gesellschaft nicht finden kann. Warum sie das nicht tut, liegt an einem Autounfall aus Kindertagen, der dazu führte, dass Alexia eine Titanplatte im Kopf herumträgt. Seit diesem Zeitpunkt fühlt sie sich zu fahrbaren Untersätzen auf seltsame Weise hingezogen. Gut, jedem sein Fetisch, doch Alexia hat eigentlich ein ganz anderes Problem: sie mordet all jene, mit denen sie auf die eine oder andere Weise in sexuellen Kontakt gerät. Von der Polizei gesucht, taucht sie unter – und schafft es, die Identität eines Jungen anzunehmen, der seit vielen Jahren von seinem Vater, einem Feuerwehrhauptmann, vermisst wird. Und es kommt noch dicker: Denn nach dem Geschlechtsakt mit einem Auto (ja, ihr habt richtig gelesen) ist Alexia obendrein noch schwanger – und kann diesen Umstand bald nicht mehr verbergen.

In Anbetracht dieser anderen Umstände erscheint David Cronenbergs Crash geradezu hausbacken. Soweit ich mich erinnern kann, holen dort Holly Hunter und James Spader ihren sexuellen Kick bei Belastung der Knautschzone. In Titane wird der Partner einfach durch die Maschine selbst ersetzt. Ganz klar geht es aber vorrangig nicht darum. Sondern um den Zustand, als missgestaltetes Wesen in einer Welt aus Ablehnung und Erniedrigung Nähe zu finden. Diesen Zustand des Aufbäumens setzt Ducournau in drastische Bilder um, die mit Gewaltspitzen irritieren und physische Entstellung mit gebannten Blicken voller Abscheu betrachten. In Raw war es das Heranreifen vom Mädchen zur Frau. In Titane ist es der Prozess der Schwangerschaft. Mit beiden scheint Dacournau zu hadern, und sicher nicht von ungefähr ist das Automobil die Metapher einer brutalen Welt voller Ecken und Kanten, die eine Fusion mit der menschlichen Physis verlangt, um weiteren Verletzungen zu entgehen. Titane scheint ein sehr persönlicher, Vieles verarbeitender Film zu sein, der einer akuten Furcht vor körperlichen Handicaps entgegentreten muss.

Titane ist überdies eine Suche nach Identitäten, die bereits schon bei der Bestimmung der eigenen Spezies mehrere Antworten entdeckt. Durch die Titanplatte im Kopf beginnt Alexia, zu einer anderen Art zu transformieren. Die nichtbinäre Autorin, Fotografin und Schauspielerin Agathe Rousselle verkörpert diese oscarverdächtige Rolle und auch diesen Weg der Erkenntnis mit schmerzlicher Opferbereitschaft, mit Zärtlichkeit und psychopathischer Brutalität. Erinnerungen an Hilary Swanks Spiel in Boys Don’t Cry werden dabei wach, nur ist es hier um einiges monströser. Vincent Lindon als kaputte Vaterfigur brilliert ebenfalls und belastet in seinem Schmerz die Grenze des Erträglichen.

Das schonungslose Drama wird vielen nicht gefallen. Titane ist abstoßend, schwer nachvollziehbar und extrem körperlich. Andererseits aber auch ästhetisch, mitreißend impulsiv und regelrecht spürbar. Bereit für diese filmische Grenzerfahrung kann man aber niemals sein. Für abenteuerliche Kinogänger, die Piccininis Arbeit mit Verständnis begegnen würden, ist es ein lohnenswerter Trip in die mit Wut hingeworfene Vision einer neuer Ordnung. Wer oder was man selbst ist, scheint darin nicht mehr wichtig. Die Nähe zu wem auch immer ist das, was in einer Welt der Einzelgänger zum seltenen Gut wird.
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Kino:
Anonymer User
5,0
Veröffentlicht am 25. Oktober 2021
Ein phantastischer Film, der sicher keine Kost für Unterhaltungs-Cineasten darstellt, aber für Liebhaber eine ganz einzigartige Mischung aus Gore, Musik, Emotionalität, Körperlichkeit und Geschlechterdiskussion darstellt.

Meiner Meinung nach ist "Titane" nicht, ebenso wenig wie der Vorgänger "Raw", als Horrorfilm einzustufen. Viel mehr sind es Studien über die menschliche Natur: ungeschönt werden Triebe, Bedürfnisse, Gefühle der Protagonisten schonungslos in Bilder verarbeitet, während sich konventionelles Kino eher auf verbaler Ebene diesen Themdn nähert. So sieht man zwar viel nackte Haut, aber diese ist nicht - wie sonst so oft - nur Symbol sexueller Lust, sondern auch Spielwiese für Gewalt, für entstehendes Leben, eine Leinwand die eine gemarterte Psyche ausdrückt, ein Hinweis auf Vergänglichkeit und Verfall (etwa wenn der Feuerwehrkommandant an einer sportlichen Übung verzweifelt und seinen Körper mit Injektionen jung zu halten sucht).

Besonders gefallen hat mir das Spiel mit der Geschlechtlichkeit der Protagonisten: Alexia ist sowohl Projektionsfläche männlicher Triebe, wenn sie in Netzstrumpfhosen auf Autoshows tanzt, sie durchbricht das Klischee der sinnlichen Frau aber mit ihren Gewaltexzessen. Sie hat sexuelle Erfahrungen mit Autos - einem Symbol für Männlichkeit - nähert sich aber gleichzeitig einer anderen Tänzerin an, spoiler: bevor sie eine männliche Rolle einnimmt und gleichzeitig ihr schwangerer Bauch wächst und die Brüste Flüssigkeit abgeben.

Ihr "Adoptivvater" lebt seine Männlichkeit durch eine Überfokussierung auf seine Muskeln und einen harschen Kommunikationsstil aus. Dabei bleiben sein Schmerz, seine Verzweiflung und die langen Jahre der Einsamkeit und Angst in seinem Habitus lesbar, er findet aber keinen verbalen Zugang zu seinen Gefühlen. Wenn er mit "Adrian" tanzt, dann hat dies durchaus homosexuelle Konnotationen, ebenso das enge Zusammenleben der jungen Feuerwehrmänner und ihre exzessiven Parties.

Die häufigen Rollenwechsel der Hauptfiguren lösen auch familiäre Stereotype vollständig auf: spoiler: das unschuldige Kind Alexia wird zum mordenden Sexsymbol, dann zum schweigsamen Adrian, zur Lebensretterin als Feuerwehrmann und schließlich zur Spenderin neuen Lebens als Mutter, deren letzte Worte sich um das Wohlbefinden des Neugeborenen sorgen. Der Feuerwehrmann, der Jahre der Angst mit dem scheibaren Wiederfinden des Sohnes abschließt, der vom verwaisten zum sorgenden Vater wechselt, der seine Versäumnisse mit seinem leiblichen Sohn gut zu machen versucht und in dieser Bringschuld selbst zum Mörder wird bevor er eine unbelastete Möglichkeit bekommt, seine Vaterrolle gänzlich neu zu finden
.

Fazit: ein Film, der sich nicht so leicht in ein Genre oder eine bekannte Schablone pressen lässt und gerade deshalb sehenswert und fesselnd ist.
beco
beco

83 Follower 435 Kritiken User folgen

2,5
Veröffentlicht am 14. Oktober 2021
Viel kann ich mit dem Film nicht anfangen. Die Motive vom Alexia, ihr Hass auf Männer und auf sexuellem Verlangen (auch von Frauen) bleibt ungeklärt. Welche Rolle spielt ihr Vater? Hat er sich an ihr vergangen? Hat ihre Mutter sie nicht beschützt? Man kann darüber spekulieren, man braucht nicht zu einem schlüssigen Ergebnis zu kommen, aber die Vereinigung und Schwangerschaft mit und durch ein Auto, ist doch schon sehr schräg. Die Liebe des Feuerwehrhauptmannes zu ihr als Adrian, dem verlorenen Sohn, der zurückkehrt, dem er aber auch als Alexia die Liebe nicht verweigert, ist anrührend, aber auch der Commandant bleibt im Kontext mit seinen Kameraden eine Gestalt, zu der ich keinen rechten Zugang finde. Fazit, viel Gewalt, der man nicht Zeuge werden möchte und eine „Schwangerschaft“, die den Film auf eine Ebene wirft, der ich nicht folgen kann.
Ein sehr zwiespältiges Kinoerlebnis (die Bewertung 2,5 = "durchschnittlich" trifft nicht wirklich zu)
Petra Schönberger
Petra Schönberger

31 Follower 195 Kritiken User folgen

3,0
Veröffentlicht am 12. Oktober 2021
„Titane“ ist ein Film, der schnell überwältigt und das Atmen aussetzen lässt. Die Geschichte handelt von einem jungen Mädchen zwischen Mensch und Maschine, das zur Serienmörderin wird und handelt von den Abgründen zwischen Familie und Identität in der überschärften Ästhetik eines explosiven und radikalen Fantasy-Dramas…
„Titane“ ist ein sehr spannender und fesselnd erzählter Film über eine junge Frau deren Kindheit schon alles andere als gut verlaufen ist. Wenn man zu Beginn genau aufpasst, wird man schnell merken, dass sie bereits als Kind alles andere als ein Vorzeigemädchen war und immer ihren Kopf durchsetzen wollte.
Die Geschichte erzählt eine wunderschöne Geschichte über einen Vater, der auf der verzweifelten Suche nach seinem Sohn ist. Auf alle Fälle sehr rührend dargestellt, besonders das Ende ist zu Tränen rührend. In der fesselnd erzählten Geschichte geht es aber nicht nur um Vatergefühle, sondern auch um Gefühle der jungen Frau, die sich nach Liebe und Nähe sehnt.
Die Geschichte ist so spannend erzählt, dass man genau aufpassen muss, was als nächstes kommt. Ein wenig verwirrend ist die Geschichte auch, denn bis man endlich dahinter kommt, was es mit der jungen Frau, die eine Mischung zwischen Mensch und Maschine ist, auf sich hat.
Ansonsten aber eine sehr spannend erzählte Geschichte mit einer wunderschönen Thematik, in der es um Vatergefühle geht.
Alles in allem aber auf alle Fälle ein ganz besonderer Film, zu dem es garantiert jede Menge zu diskutieren gibt und mit einer großartigen Besetzung überzeugt.
Futurechild
Futurechild

1 Kritiken User folgen

4,0
Veröffentlicht am 11. Oktober 2021
Starker Film, überzeugender Gewinner der Goldenen Palme! Tolle Schauspieler, unbedingt mehr von dieser Regisseurin.
Kino:
Anonymer User
3,5
Veröffentlicht am 6. Oktober 2021
Meine Video-Kritik zum neuesten „Skandalfilm“ TITANE der französischen Regisseurin Julia Ducournau (RAW), die mit ihrem Machwerk bei den Filmfestspielen in Cannes 2021 die Goldene Palme gewann – und definitiv ein ganz besonderes Filmerlebnis schuf, über das es viel zu diskutieren gibt.

https://www.vilmferrueckt.de/kritiken/titane/
Riecks-Filmkritiken
Riecks-Filmkritiken

34 Follower 212 Kritiken User folgen

3,0
Veröffentlicht am 1. Oktober 2021
Gewinner der goldenen Palme und schon jetzt unter Genre-Fans als Publikumsliebling betrachtet, bietet uns TITANE das etwas andere Kino, welches es 2021 nur selten auf die Leinwand geschafft hat. Nachdem mit RAW bereits ein skandalträchtiger Film geschaffen wurde, der sehr gemischt aufgenommen wurde, aber letztlich doch großen Erfolg einfahren konnte, geht Regisseurin Julia Ducournau auch mit dem hiesigen Film ungewöhnliche Wege und zeigt uns einen vielseitigen Film, der zwischen Mitgefühl und totalem Wahnsinn alles parat hält. Brutal und geprägt von teils erotischer Nacktheit kombiniert mit einer spirituellen Selbsterneuerung bilden sich hier zwei sehr unterschiedliche Filmhälften, die in ihrer Darstellung viel Verwirrung parat halten, aber ein breites Interpretationsspektrum eröffnen. Ich persönlich finde den Film dennoch schwierig, weil er einfach viele ungeklärte Fragen zurücklässt und man auch in der Nachbetrachtung nicht deutlich entnehmen kann, ob der Regisseurin das Bedeutungsspektrum bewusst war und sie darauf abzielte. Durchaus kann TITANE einige wirklich starke Momente bieten und wird auf jeden Fall Gesprächsstoff sein, konnte aber dennoch nicht so überzeugen, dass ich von einer Begeisterung dafürsprechen könnte. Zudem erklärt sich mir bis heute nicht der überragende Erfolg bei der goldenen Palme.

Die gesamte Kritik gibt es auf Riecks-Filmkritiken
Liboki
Liboki

4 Follower 26 Kritiken User folgen

4,5
Veröffentlicht am 28. September 2021
Unbegreiflich das sich der Sneaksaal von Frauen fast vollständig entleerte,
obwohl die überwiegend weibliche Jury von Cannes die Horrorfilm Macherin mit dem Hauptpreis kürte:) Andersartig vielfältig atemlos gehaltender FSK 16 Film der eigentlich nur für Erwachsene zugänglich sein sollte hat mich total verstört versuchte biblisches darin zu verstehen. Wenn auch völlig unverstanden, bis auf das Abnormales mehr respekt verständis bedarf, fühlte ich mich von Titane wundersam unterhalten. Klar dieser Film wird keine Menschenmasse libokisieren aber ist ein Besuch zum eigenen Urteil allemal wert.
BrodiesFilmkritiken
BrodiesFilmkritiken

11.853 Follower 5.015 Kritiken User folgen

3,0
Veröffentlicht am 27. September 2021
Ich weiß daß die Regisseurin einen sehr speziellen Film namens „Raw“ gemacht hat der sich einer gewissen Beliebtheit erfreut, ich habe diesen nie geschaut und war auch nicht auf diesen neuen Film gespannt. Da er mir in der Sneakpreview vorgesetzt wurde saß ich relativ unvorbereitet davor, konnte aber aus den Reaktionen meines Umfeldes schnell entnehmen daß meine Fassungslosigkeit geteilt wurde. Der Film lässt sich ebenso wenig auf eine Handlung eingrenzen wie auf das was er sein will: man hat Szenen brutaler Gewalt, eine absurde Sexszene mit einem Auto, Comedymomente und ab der Hälfte wechselt das alles in ein absurdes Melodram mit einem Ende das sich mir nicht erschließt. Das ist alles stark gespielt, ich bin aber eben überfordert von der Symbolik, der Doppeldeutigkeit und dem Wahnsinn. Oder sind dies hohle Effekte die keinen wirklichen Hintersinn haben? Das sollen Andere festlegen.

Fazit: Kunstfilm zwischen lauter Genres!
Videoreview von mir: https://youtu.be/xin7de8ImWQ
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