Mad God
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FILMGENUSS
FILMGENUSS

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4,5
Veröffentlicht am 24. September 2023
DES HANDWERKERS INFERNO

Hier bracht es keinen Ring, um sie zu knechten, um sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden. Es reicht ein über Leichen gehender Fortschritt, die gnadenlose Industrialisierung und technologische Übermannung arg- und ahnungsloser Seelen, die manipuliert und gehirngewaschen werden für die Gier der Wenigen. In dieser ungebändigten Geister- und Grottenbahnfahrt in die Tiefe des Menschenverstands ist ein sogenannter Sauron – wenn wir schon bei Tolkien bleiben wollen – die Summe vieler Teile, eine intrinsisch entstandene, gestaltlose Aura, die als Deus ex Machina eine Maschinenwelt antreibt, die die Gekechteten vor sich hertreibt. Es wird düster, in Phil Tippetts Opus Magnum, an dem er rund 30 Jahre lang, natürlich mit Pausen, gearbeitet hat. Immer wieder kamen andere Projekte dazwischen, darunter auch Steven Spielbergs Jurassic Park. Doch vor 30 Jahren, da waren die goldenen Jahre für den Gott der Stop-Motion schon vorbei. Vor 30 Jahren, da kam eben genannter Dino-Blockbuster ins Kino und läutete das Zeitalter der computeranimierten Special Effects ein – die größte Niederlage für einen Analogkünstler wie Tippett, einem akribischen und von seiner Leidenschaft fürs Kreative besessenen Meisterklassler, der seine liebevoll geformten Dinosauriermodelle nun anderswo aufstellen durfte, nur nicht vor der Kamera. Phil Tippett – er ist schließlich ein Begriff für all jene, die mit der Originaltrilogie von Star Wars groß geworden sind. Für all jene, die niemals vergessen können, wie es sich angefühlt hat, als Luke Skywalker auf seinem Tauntaun über die Eiswüste von Hoth galoppiert war, die vierbeinigen AT-ATs angegriffen haben oder das Rancor-Monster in Jabbas Grube zum Angriff überging. Tippett und das Team von Industrial Light & Magic waren es auch, welche die Effekte für Polstergeist oder Ghostbusters kreierten – im Grunde so gut wie alles, was damals an Phantastischem auf die Leinwand kommen sollte. Bis heute hat Tippett die Freude am Reiz der Stop-Motion nicht verloren. Aus Liebe zu seiner Arbeit, als devotes Geständnis und hingebungsvolle Verbeugung vor dem, was ohne CGI alles möglich ist; aus Liebe zu allem Monströsen in unseren Köpfen entstand das hier: Mad God – ein elektrisierendes Unikum, ein bizarres Denkmal, ein so wunderschönes wie erschreckendes filmisches Evangelium über den Albtraum der Neuzeit.

Es reicht nicht, Mad God einfach nur zu sehen und dabei vielleicht völlig unsinnigerweise darauf zu achten, Distanz zu wahren. Mad God muss man erfahren, man muss sich ihm hingeben und vor allen Dingen: sich darauf einlassen, ohne groß mitzudenken oder während des Erfahrens herausfinden zu wollen, was uns diese finstere Oper eigentlich sagen will. Dass es etwas zu vermitteln gibt, scheint immer wieder mal klar, doch dann auch wieder nicht. Dann stößt uns Tippett noch viel tiefer in Dantes technologisierte Hölle, es geht nach unten, immer nur nach unten.

Einer, der sich The Assassin nennt – ein Krieger mit Atemmaske, Stahlhelm und einem Koffer – steckt in einer Kapsel, die an den Schichten der Erdzeitalter vorbeikommt, durch eine riesige Kaverne aus allen möglichen, von Menschen erdachten Gottheiten, an gequälten und quälenden Ungeheuern und eigentümlichen Wesen, die, in ihrem Tun gefangen, ihre Ausweglosigkeit grunzend, schreiend oder in unverständlichem Gebrabbel in die Düsternis zetern. Dieser Krieger hat eine Mission. Doch er beobachtet erstmal nur, wartet auf den richtigen Zeitpunkt. Kann vielleicht selbst nicht fassen, was er sieht oder sehen muss. Gigantische Kreaturen unter Strom gebären die Masse, aus der wie von Prometheus aus Lehm geformte Humanoide entstehen, die als schuftende Sklaven meist mit grausamen Toden bestraft werden oder Unfällen zum Opfer fallen, wenn kubrick’sche Monolithen in Kopfhöhe dahinrasen.

Leicht könnte man sich einen von Pink Floyd ersonnenen Score dazu vorstellen, eingestreut deren Klassiker We don’t need no Education. Symbolsprache und Zitate aus Klassikern fantastischer Literatur häufen sich. Später erinnert so manches ans abgründig Surreale eines Michael Ende (Der Spiegel im Siegel), wenn ein entstellter Zwerg das kreischende Monsterbaby aus David Lynch’s Eraserhead entgegennimmt, um dieses seiner Bestimmung zuzuführen. Nebenher prügeln sich zwei Oger und vernachlässigen dabei ihre Arbeit, denn sie müssen schaufeln, schuften, arbeiten, werden mit Elektroschocks gequält, um dann wieder aufeinander einzudreschen, weil Triebe immer noch stärker sind als der Gehorsam. Michael Ende hätte diese surreale Welt wohl gemocht, er hätte sich und seine Kreaturen darin wiedergefunden. Doch auch das ist nicht alles. Mad God bricht all die verrückten Götter, die der Mensch seit dem Holozän errichtet hat, auf eine entfesselte Phantasmagorie herunter, ausgestattet mit enormem Detailreichtum und einer Soundkulisse, die den Wahnsinn aus unzähligen Miniaturen und Modellen so richtig zum Leben erweckt. Sogar Live-Act als ergänzendes Tool findet in diesem Experimentalfilm seine Notwendigkeit, wenn ein klauenbewährter Magier, erinnernd an Terry Gilliams Visionen, seine Krieger ausschickt, um den Kreislauf der immerwährenden Knechtschaft zu durchbrechen.

Mal ist Mad God psychedelischer Experimentalfilm, mal blutrünstiger Horror aus der Puppenstube, dann wieder Steampunk mit Schlachtenszenarien aus dem ersten Weltkrieg, Schläuchen und Sekreten, Flüssigkeiten und organischem, undefinierbaren Leben, das sich irgendwo und irgendwie räkelt, dabei aus vielerlei Augen beobachtet wird, als Symbole des Erkennens und Wahrnehmens prekärer Umstände. Dann ist Mad God wieder wunderschön und berauschend, und ganz plötzlich nachdenklich, philosophisch, an Terrence Malicks Tree of Life und seinen Darstellungen von den Anfängen des Lebens erinnernd. Tippett taucht dann ein ins Universum, distanziert sich von dem Wahnsinn aus Monstern, Mutanten und grimmigen Gutenachtgeschichten mit Trauma-Garantie. Mad God erklärt mehr, als man vermuten würde. Krallt sich den auseinanderdriftenden roten Faden eines Fiebertraums und biegt ihn, nicht mit Gewalt, aber mit dem Willen, seine Komposition einer Conclusio zuzuführen, zu einer Endfrage über Leben und Sterben, über Anfang, Ende und Bestimmung zusammen.

Phil Tippetts dreißig Jahre Arbeit haben sich ausgezahlt. Sowas entsteht, wenn man machen kann, was man will. Dieses Werk ist ein Erlebnis, ein wilder Ritt für die Mutigen, für alle Freunde des Phantastischen, die überrascht und überwältigt werden wollen. Die Stop-Motion lieben und neben Aardman, Laika und dem tschechischen Trickfilm-Virtuosen Jan Svankmajer (u. a. Little Otik) noch einen anderen Weg out of the box finden wollen. Dieser führt eben durch die Finsternis, womöglich aber ans Licht.
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Sebastian Schlicht7
Sebastian Schlicht7

11 Follower 371 Kritiken User folgen

3,5
Veröffentlicht am 13. März 2025
Die fleischgewordene Stop-Motion-Hölle!

Phil Tippett kennen sicherlich viele, auch wenn ihnen der Name nichts sagt. Doch Tippetts Arbeit ist in der Filmwelt war essentiell. In den 70ern begann seine Karriere in als Stop-Motion-Animateur und seine großartigen Arbeiten konnte man in den frühen „Star Wars“-Filmen bestaunen, aber auch in „Willow“ und „RoboCop“. Sein Sprung zu CGI kam bekanntermaßen mit „Jurassic Park“: Spielbergs Film sollte ursprünglich mit Stop-Motion-Dinosauriern animiert werden, bis dann aber die berühmten Computereffekte das Ruder übernahmen. Dennoch bleib Tippett relevant in der Industrie und gewann zwei Oscars in seiner Laufbahn.
Doch schon in den 90ern hatte Tippett die Idee zu einem Stop-Motion-Horrorwerk namens „Mad God“, welches er aufgrund von „Jurassic Park´s“ CGI-Durchbruch jedoch für viele Jahre verwarf. Doch zum Glück kam Tippett auf das Projekt zurück und konnte durch die Hilfe von Kickstarter und vielen Freunden seine Vision 2021 verfilmen. „Mad God“ nutzt dabei aber auch Animationen, die mittlerweile schon über 20 Jahre alt waren (diese entstanden offenbar in den 90ern, als Tippett die Idee für den Film bekam) und ist dadurch ein wirklich magisches Stück Film, das nun in seiner vollen Gänze genossen werden darf.
Doch bevor man sich „Mad God“ anschaut, sollte man sich mental auf eine ganz besondere Erfahrung einstellen. Tippetts erster eigener Film besticht durch teils spektakuläre Effekte und eine mitreißende Atmosphäre, doch es ist ein eher abstrakter Film, der nahezu keine stringente Story aufweist und in dem kein einziger Dialog zu hören ist. Zudem ist das Ganze ein wirklich düsteres und teilweise deprimierendes Werk. Ich selbst musste den Film zwischendrin stoppen, weil ich eine Pause von der dystopischen Brutalität brauchte. Doch schauen wir uns „Mad God“ genauer an…

DIe Story ist wie gesagt sehr vage: Wir folgen einem Mann, der in einer Art faschistisch regierter Hölle herumwandert, auf der Suche nach etwas. Dabei sehen wir vor allem, das, was er sieht: Grausamkeiten, Unterdrückung, Mord und alle anderen Arten des Bösen.

„Mad God“ wirkt durch seine kaum vorhanden Geschichte eher wie ein Anthology-Film mit vielen kleinen Szenen, die sich gegenseitig in ihrer Brutalität versuchen zu übertrumpfen. Denn das scheint das Thema des Ganzen zu sein. Wir sehen jede Form der Brutalität und das kann schon erdrückend sein, wenn man nicht der Typ für so etwas ist. Die spektakuläre, dunkle Welt des Films ist eine wahr gewordene Hölle, voll mit Monstern, Dämonen und verzerrten Figuren, die an Menschen erinnern. Dabei erleben wir Formen von faschistischer Sklavenhaltung, in der Figuren aus Exkrementen geformt und zum Arbeiten gezwungen werden. Dann erleben wir einen Kriegsschauplatz, eine absurd blutige Operation und wie eine haarige, fleischgewordene Form einer Seele zerquetscht wird.

Einen Zusammenhang gibt es nicht wirklich, auch die Absicht des Mannes mit der Gasmaske ist nie wirklich eindeutig. Und das ist wahrscheinlich auch der größte Kritikpunkt des Films. Denn so eindrucksvoll die Welt und diese Monster auch sind, es fehlt ein roter Faden, der das Ganze zusammen hält. Das heißt aber nicht, dass mich der Film gelangweilt hat, ganz im Gegenteil. An vielen Stellen hat mich „Mad God“ sogar inspiriert durch seine kreative, brutale Art. Der Film ist wie ein wirklicher Trip durch eine grausame Welt, die nur von Tod, Brutalität und Gewalt beherrscht wird. Das Ganze hat dabei nicht selten Parallelen zu anderen abstrakteren Werken wie „2001“ von Stanley Kubrick oder auch die Verfilmung von „The Wall“ von Pink Floyd.

Das Highlight ist natürlich der visuelle Aspekt, die großartigen, fantastischen und kreativen Stop-Motion-Szenen, aber auch viele Puppeneffekte und Miniaturen. Gerade für das Horror-Genre ist diese Art des Filmemachens absolut perfekt. „Mad God“ ist voll von grotesken Kreaturen und Ideen. Besonders die Atmosphäre, die durch diese Effekte entsteht, ist mitreißend und hypnotisierend.
Nur die Szenen mit echten Menschen haben mich irgendwie immer heraus gerissen. Einige Momente waren toll, weil durch die abgehackte Framerate ebenfalls der Eindruck eines Stop-Motion-Films entstand, doch an anderen Stellen bricht der Film diese Idee und zeigt ganz offen normale Schauspieler*innen in teils lachhaften Kostümen. In diesen Momenten wirkt „Mad God“ leider etwas billig, was sicherlich auch an einem begrenzten Budget lag. Dennoch waren dies in meinen Augen die visuell schwächsten Momente.

Der Score von Dan Wool hat mir sehr gefallen, vor allem weil die Musik ab und zu diesen sphärischen Pink Floyd-Vibe hatte (wieder eine Referenz zur britisch, ikonischen Band).

Fazit: „Mad God“ ist für Freunde des Horrors und der Stop-Motion-Animation definitiv ein Muss und bietet stellenweise atemberaubend, verstörende Bilder. Wäre die Story etwas stringenter und durchdachter, hätte dies ein modernes Genremeisterwerk werden können. Sehenswert ist dieses filmische Experiment trotzdem. Man sollte nur wissen, auf was man sich einlässt!
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