Klondike
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Kino:
Anonymer User
4,0
Veröffentlicht am 24. Mai 2023
Der Titel ist etwas irreführend, der Inhalt des Films dokumentiert seherische Fähigkeiten seiner Macher. Wer allerdings hofft, in die Goldgräberzeit versetzt zu werden, wird enttäuscht. Und wer die Visionen der jungen Regisseurin Maryna Er Gorbach betrachtet und die Umsetzung des völkerrechtswidrigen imperialistischen Überfalls durch den momentanen Kreml-Herrscher auf eine ehemalige Republik der Sowjetunion mitzuerleben, kann sich nur verwundert die Augen reiben und versuchen nicht an der Welt zu verzweifeln.
Wir sind im Donbass an der ukrainisch – russischen Grenze. Hier steht das Haus von Tolik (Evgeniy Efremov) und seiner Frau Irka (Oxana Cherkashina). Sie ist hochschwanger, ihr Haus teilweise zerbombt. Als die Wehen einsetzen will Tolik seine Frau ins Krankenhaus fahren, aber ein Trupp Bewaffneter verlangt, dass Irka ihnen etwas kocht. Dann konfiszieren sie sein Auto.
Das Schimpfwort Separatist wird öfters verwendet und unterstreicht die Feindschaft unter den Männern. Die Kamera betrachtet die Handlung aus der Distanz und schnelle Schnitte besorgen den Rest. Der Anführer der Soldateska befragt die Anwohner, ob sie etwas über den Absturz einer Passagiermaschine wissen. Tolik soll einen Separatisten erschießen, als der sich weigert, gibt der Soldat die Waffe dem anderen. Und jetzt geht es alles ganz schnell. Schusswechsel! Freund und Feind liegen am Boden. Erschreckend die gefühllose Teilnahmslosigkeit der Soldaten, die mit ihren Waffen wieder abziehen. Keiner beachtet Irka, die auf einem Sofa unter Schreien und Stöhnen ein Kind zur Welt bringt. Soweit können Menschen sinken. Dagegen steht der ungebrochene Wille zum Überleben, im Chaos das ganz normale Leben scheibchenweise genießen. Noch während des Bombardements mauert Tolik bereits wieder oder schaut ein Fußballspiel im Fernsehen inmitten der Trümmer. Irka wischt Staub. Nur der Titel bleibt das Geheimnis von Maryna Er Gorbach. Griffig, ja! Ein Anreiz für westliche Abenteuerfans?! Egal. Ja, wir sind geschockt und betroffen. So kriecht der Krieg unter die Haut.
FILMGENUSS
FILMGENUSS

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4,0
Veröffentlicht am 11. Mai 2023
MIT DEM KRIEG AUF DER COUCH

Manche Filme stellen Dinge mit einem an, die lassen sich nicht voraussehen. Damit meine ich nicht, dass sie nachhaltig verstören und man als Zuseher Zeit braucht, um das Gesehene zu verarbeiten. Manchmal braucht es nicht den Schockeffekt als alleiniges Mittel, um das Publikum mitzureißen. Manchmal sind es höchst ungewöhnlich gesetzte Prioritäten oder eine der dramatischen Intensität des Gezeigten entgegenlaufende Dynamik, die erstmal irritiert, dann vielleicht sogar langweilt – in letzter Instanz aber genau dadurch zu einer Conclusio findet, die sowohl auf der Metabene des Films als auch in der ganzen augenscheinlichen Handlung funktioniert. Klondike von Maryna Er Gorbach ist so ein Werk. Ein nüchterner Lokalaugenschein, eine semidokumentarische Chronik unheilvoller Ereignisse und ein zutiefst humanistisches Manifest gegen den Irrsinn eines politischen Konflikts, dem nichts heilig ist, außer dass er die menschenverachtenden Mittel heiligt, die dem Zweck dienen sollen.

Zu solch ähnlichen Erkenntnissen kommen Antikriegsfilme des öfteren. Alles sinnlos: Der Krieg, die Opfer, der Konflikt um gezogene Grenzen – letzten Endes nichts wert. So auch im Osten der Ukraine im Jahr 2014. Separatisten, die den Donpass längst schon unter russischen Fittichen sehen wollen, kämpfen gegen die ukrainische Regierung. Es herrscht lokaler Bürgerkrieg, der autoritäre Nachbar füttert von jenseits der Grenze seine Stellvertreter. Wir wissen längst, und spätestens seit Februar 2022, wohin das führen wird. Damals noch war alles etwas anders, aber nicht weniger erschütternd. In Klondike (naheliegend, dass dieser Titel auf den amerikanischen Goldrausch und seine Folgen anspielt – der auch anderswo entsprechend eskaliert, nur ist es eben Kohle statt Gold) steht ein Ehepaar im Mittelpunkt, das ihren kleinen Bauernhof unglücklicherweise direkt im Kriegsgebiet zur Selbstversorgung betreibt. Toliks Frau Irka ist hochschwanger und müsste bald ins Krankenhaus. Dumm nur, dass die Region von Separatisten abgesperrt wird, die beiden können nirgendwo hin. Ein Passagierflugzeug der Malaysian Airlines wird abgeschossen – ich bin mir sicher, wir alle erinnern uns noch, als dieses Unglück die Titelseiten dominierte. Die Gegend ist von Trümmern des Wracks übersät, überall liegen Leichen. Um der ganzen zerfahrenen Situation auch noch die Krone aufzusetzen, wird das Haus von Tolik und Irka von einem Geschütz getroffen und reißt die ganze Wohnzimmerfront ein. So sitzen die beiden nun auf der verstaubten Couch direkt vor dem klaffenden Loch mit Blick aufs Kriegsgebiet, von wo aus bald selbstgefällige Warlords heranrücken werden, um den beiden auch noch den letzten Rest nicht nur an Würde, sondern auch an Nahrung zu nehmen.

Wie sich erkennen lässt, ist Klondike wahrlich kein Film, der für gute Stimmung sorgt. Er stochert aber auch nicht zum Selbstzweck in offenen Wunden herum, nur um die Latte der Betroffenheit beim Publikum in schwindende Höhen zu treiben. Filmemacherin Gorbach, eine Ukrainerin, die mit ihrem erst 2022 beim Sundance Filmfestival ausgezeichneten Werk auch anderswo für Aufsehen gesorgt hat, schafft durch ihre bemerkenswerte filmische Reduktion eine völlig entrückte, sich fremd anfühlende Atmosphäre, in die Zuseher ohne viel Bezug zur Materie nur schwer einsteigen könnten. Das liegt auch an der nüchternen Betrachtung der Situation, die durch seine langen, langsamen Kamerafahrten und den fast schon selbstvergessenen Beobachtungen eines mühsam zusammengehaltenen Alltags, bestehend aus Sicherheit schaffenden Ritualen, die Geduld auf die Probe stellt. Oftmals verlässt die Kamera den Ort des Geschehens und studiert im 360°-Schwenk die ganze Umgebung, um letztlich wieder an den Ausgangspunkt zurückzukehren. Das ist seltsam. Und doch erstaunlich. Mit dieser Methode kommt Klondike durch die Hintertür ins Oberstübchen seines Betrachters. Genau diese höchst ungewöhnliche Erzählweise schafft letzten Endes einen beklemmenden Sog, obwohl der Film seine Figuren auf Distanz hält – nur Irka rückt als Close-up ins Bild. Schließlich liegt in dieser Person die Kampfbereitschaft um Würde, liegt die Angst vor einer globalen Eskalation, liegt die Sorge um die nächste Generation, die als Baby ans Licht des Tages will.

Wie Gorbach alle Ereignisse zu einem bedeutungsvollen Schlussakt bündelt, gerät zum Meisterwerk des anderen Blicks. Gerät zu einem ikonischen Bild, dass mehr verkündet als jedes gesprochene Wort. Das einerseits an die Nieren geht, andererseits so sehr verblüfft und überrascht angesichts dieser schmerzvollen wie traurigen Konsequenz.
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