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Kinobengel
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4,5
Veröffentlicht am 19. Januar 2025
Warten auf Aliens
Pedro (Raúl Briones) ist einer der illegal eingewanderten Köche des Restaurants „The Grill“ am Time Square in New York City. Er betet die von ihm schwangere Servicekraft Julia (Rooney Mara) an, eine US-Amerikanerin. Pedro gibt ihr Geld für die Abtreibung, obwohl er das Kind haben möchte. Als in der Kasse ungefähr dieser Betrag fehlt, kommt Unruhe auf.
Alonso Ruizpalacios inszeniert seinen aktuellen Film nach eigenem Drehbuch, basierend auf einem Theaterstück des Briten Arnold Wesker (1932 - 2016). Der mexikanische Regisseur, der nach seiner Angabe vor vielen Jahren selbst als Tellerwäscher und Kellner gearbeitet habe, greift zu einigen künstlerischen Freiheiten für die Realisierung seines Werks. Dies gelingt ihm durch eine geschickte Überzeichnung der Situationen über die gesamte Länge von 139 Minuten auf gleichbleibend hohem Niveau. Die schwarzweiße Aufmachung unterstützt den Kontrast der intensiv angesprochenen Gegebenheiten: Herkunft sowie Hautfarbe der Menschen, Migrantenrollen, Hierarchie.
Ruizpalacios lässt sein Publikum zusammen mit der eben erst angereisten Estela (Anna Díaz) in den Mikrokosmos der Restaurantküche eindringen. Dort herrscht ein harter bis heiterer Ton, ideal zum Kennenlernen der Charaktere, von denen der sehr extrovertierte Pedro vornehmlich im Fokus steht. Die Verkörperung seiner reichlich vorhandenen positiven und negativen Eigenschaften bewältigt Raúl Briones grandios. Der Küchenchef (Lee Sellars) kämpft um Disziplin, Lokalinhaber Rashid (Oded Fehr), abgehoben wie markant, sieht sich wie selbstverständlich als fürsorglicher Arbeitgeber. In turbulenten Einstellungen, die ausgezeichnet zusammengebaut sind, wird die stressige Küchen-Rush-Hour dargestellt (das Lob darf gerne höher ausfallen, da Küche und Gastraum an unterschiedlichen Drehorten aufgenommen wurden). Ein Orderdrucker bestimmt quasi den Herzschlag des Unternehmens; auch dieses Detail wird besonders hervorgehoben, begleitet durch einen der Hektik scheinbar entgegenwirkenden Chorgesang. Das sind bestens aromatisierte Unterhaltungswerte.
Ein einziger Tag bildet den zeitlichen Rahmen des Plots. Teile des Personals verbringen die Arbeitspause auf dem Hinterhof, wo philosophiert oder Unsinn getrieben wird; eine Traumgeschichte, die von der Entführung eines abgelehnten Einwanderers durch Außerirdische erzählt, ist ein kleines Highlight. Pedros ständiges Flehen nach Anerkennung wird in der verwobenen Lovestory, die vor einer Entscheidung steht, deutlich herausgestellt. Rooney Mara verleiht Julia eine beeindruckende Ausstrahlung, mit der die Kellnerin diversen Konfrontationen begegnen kann, allerdings nicht nur zu ihrem Vorteil.
Das Kribbeln in der Lage wird stets aufrechterhalten, da einerseits die Ermittlungen in der Diebstahlsache vorankommen, andererseits droht Pedros Bemühen um Julia zu straucheln. Alles mündet in einem furiosen Finale, welch eine Sauerei.
Wer Rezepte für Romantik in hoher Farbsättigung benötigt, ist auf „Madame Mallory und der Duft von Curry“ angewiesen (2014 von Lasse Hallström). Eine Message möchte Ruizpalacios nicht anbieten, ein großartiges, atmosphärisch dichtes Kinoerlebnis ist „La Cocina – Der Geschmack des Lebens“ jedoch allemal.