Rückkehr nach Ithaka
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Lemmiblog
Lemmiblog

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2,0
Veröffentlicht am 9. Dezember 2025
NICHT DER ODYSSEUS, DEN MAN KENNT

Nach zwanzig Jahren Irrfahrt strandet Odysseus auf Ithaka. Aber statt Heimkehr und Heldentum findet er eine Insel voller Freier, die sein Haus, seine Insel und am liebsten auch seine Frau besetzen würden. Der Krieg endete nicht in Troja, manchmal fängt er erst im eigenen Wohnzimmer an.

Rückkehr nach Ithaka geht ca. 110 Minuten, ist ab 16 Jahren freigegeben und bietet eine sehr freie Interpretation der Rückkehr des berühmtesten Vielgereisten der Mythologie.
So frei, dass man sich manches Mal fragt, ob Poseidon nicht einfach das Drehbuch geschrieben und zwischendrin wütend zerknüllt hat.
Ich mochte diese Version leider gar nicht. Zu viel wurde gestrichen, verändert oder völlig neu dazugedichtet und nichts davon zugunsten der Geschichte. Figuren tauchen auf, ohne je vorgestellt zu werden. Wer nicht schon vorher weiß, wer Antinoos, Eurykleia oder Elatos sind, wird sich fühlen wie im Latinkurs nach drei Stunden Schlaf. Warum manche Freier Telemachos abgrundtief hassen? Tja. Muss man wissen. Warum er kurz einfach wegsegelt und später ohne Erklärung wieder auftaucht? Tja. Muss man wissen.
Das einzig wirklich Positive, Ralph Fiennes’ Körperbau. Nicht seine Darstellung des völlig entgleisten, planlosen, erschöpften Odysseus, nein, seine reine, beeindruckende Statue. Ein Felsbrocken in Sandalen. Mit dem listigen Taktiker hat er allerdings nichts zu tun.
Penelope? Die treue, würdige Frau Odysseus? Hier eher eine moderne Neuinterpretation, die mit der Vorlage ungefähr so viel zu tun hat wie Zeus mit Monogamie.
Das Finale? Ein Sammelsurium aus Laiendarstellung, ungelenken Stunts und fehlerhafter Umsetzung.
Unterm Strich bleibt ein Film, der weder Fans der Vorlage glücklich macht, noch Menschen, die noch nie etwas über Odysseus gehört haben.

4/10 Punkten. Ein ca. 25 Jahre alter Hund und Sprüche wie „er will seine Mutter nageln“ zeigen schmerzhaft klar, diese Adaption gehört zurück in die Unterwelt.
Kino:
Anonymer User
4,0
Veröffentlicht am 13. Dezember 2025
Uberto Pasolini gelingt mit seinem Film eine sehr ansprechende Adaption des Homer’schen Heldenepos. Als Drehorte dienten vornehmlich die wunderschöne, griechische Insel Korfu sowie der Peloponnes mit der Burg Chlemoutsi als Palast des Odysseus. Herausragend die schauspielerischen Leistungen von Juliette Binoche (Penelope) und insbesondere die beeindruckende Verkörperung des seelisch gebrochenen Odysseus durch Ralph Fiennes.

Die von Uberto Pasolini für seinen Film präferierten, antiken Ruinenkulissen verströmen gleich in den ersten Kameraeinstellungen den Charme des archäologisch konservierten, überwucherten, baulichen Verfalls und erzeugen so, in zunächst irritierender Weise, die Atmosphäre einer natürlichen Freilichtbühne, lenken dadurch jedoch die Aufmerksamkeit eines durch die Rezeption der frühen Monumentalfilme geprägten Publikums, ganz auf die Dramaturgie des szenischen Geschehens. So gewinnt sein auf die Menschheitsthemen der Conditio Humana, explizit existentialistisch ausgerichtete filmische Fokus an Prägnanz. Auch die Dialoge wirken phasenweise scheinbar unpassend modern. Begriffe wie ,,Vagabund, Landstreicher, in Schuss bringen, Terroristen, nageln“ etc. entstammen eher unserer aktuellen Begriffswelt, öffnen hiermit jedoch auch Türen für die intendierte und zu erörternde Neuinterpretation des Stoffes im Kontext unserer Moderne. Die Dialogregie unterstützt so den Gedanken einer Adaption des epischen Stoffes an zentrale Topoi wie Gewaltverstrickung, transgenerative Traumata, seelische Verheerung, Entfremdung in der Welt und vom Mitmenschen, Gewaltspiralen, narzisstischer Bindungsunfähigkeit und zerstörter Paarbeziehungen, Sinnentleerung in Folge zunehmend fragmentierter Lebenswelten. Die Darstellung dieser zeitübergreifenden Konfliktfelder illustriert somit unverkennbar auch hoch aktuelle gesellschaftliche Themenkomplexe. Die antiken Freier zeigen hier im Film unverkennbar die vertrauten Züge moderner, narzisstisch- parasitärer Ich- Menschen. Als Besatzer des Palastes bilden diese eine skrupellose Horde impulsiver, testosteron- gesteuerter Bodybuilder- Typen, jederzeit sprungbereit zum Töten, als gewaltaffine Konkurrenzsubjekte sich gegenseitig lauernd beobachtend. Als Menschenmeute raufen sie sich bisweilen im archaischen Gemeinschaftserleben zusammen und brechen mit ihren Hunden zur Menschenjagd auf. Gleichwohl sind diese Patrizier- Söhne von edlem Geblüt, gebärden sich dennoch als Barbaren. Sie konkurrieren um Frauen und wie hier, um die Königin von Ithaka, Penelope. Diese Freier werben nicht um deren Gunst, gar Liebe, sondern streben nach Bereicherung im Drang zu herrschen. In ihrem Kern, sind diese antiken ,,Glücksritter“ unfähig zur gleichberechtigt partnerschaftlichen Liebe. Sie betrachten Frauen lediglich als Objekte ihrer Obsession zu Erobern und patriarchaler Unterdrückung. Allesamt verbindet diese ,,Rackets“ (Adorno) eine hohe Bereitschaft, sich gegenseitig bei ihrem ,,Werben“ zu eliminieren. Nur dem Sieger soll die Beute gehören. Die Physiognomien dieser muskelgepanzerten Platzhirsche sind eher grobschlächtig und zeugen vom dumpfen Gemüt. Transponiert in unsere kapitalistische Moderne, lassen sich im heutigen Personal der CEO’s in den Chef- Etagen der um Märkte konkurrierenden Global Player, unschwer die nunmehr historischen, dennoch nicht minder rücksichtslosen Wiedergänger dieser vorzeitlichen Männer- Horden identifizieren. Im Kontrast zu diesen Charaktertypen heben sich die feinen, leidvollen Gesichtszüge der Menschen aus dem Kreis der Königsfamilie, welche Penelope umgeben, wohltuend ab. Auch der in den ersten Szenen des Films gänzlich nackt an den Strand von Ithaka gespülte Odysseus erinnert mit seinem narben übersäten, noch immer drahtig- muskulösen, jedoch alt und erschöpft anmutenden Körper, an eine verwitterte griechisch- antike Heldenskulptur. Das von Falten zerfurchte Gesicht und die Traurigkeit in seinen Augen erzählen vom Trauma seiner Irrfahrt, den blutigen Gemetzeln, eigener geistiger Verwirrung, dem Schmerz seiner verzehrenden Sehnsucht nach der Heimat. Offene Fragen suchen nach Antworten: Konnte oder wollte er gar den Weg zurück nach Ithaka nicht finden? War es die Beschlüsse der olympischen Götter, welche vorgeblich wirkmächtiger waren als die vielgerühmte List des Helden? War er in seinem Brandschatzen als Selbstläufer besinnungsloser Gewalteskalation lediglich ein Spielball dieser Götter, gleich einer Marionette, ausgeliefert dem rivalisierend- launischen Walten, welches in dieser separierten Welt seit je her dominierte? Hatten diese letztendlich sein Schicksal der Selbstentfremdung ins geschichts- und namenlose ,,Niemand“ eines inneren Zusammenbruchs zu verantworten? Penelope wartete auf ihn vergeblich. Den von ihr tagsüber gewobenen Teppich, gedacht als Leichentuch für ihren Mann, hat sie in den Nächten immer wieder aufgetrennt, um sich sowohl dem Drängen der Freier auf eine baldige Königswahl zu erwehren, als auch für sich selbst ein sichtbares Zeichen ihrer Hoffnung auf die mit den Jahren zunehmend unwahrscheinlich gewordene Rückkehr des Gatten zu versinnbildlichen. Ihre Treue zu Odysseus gleicht dennoch dem Zustand eines Lebendig- begraben- seins für die ihr noch bleibenden Jahre. Odysseus selbst hat seinen Sohn nie kennen gelernt. Telemachos will seinen Vater als Helden verehren, wie wohl alle Söhne dies tun, hasst diesen jedoch auch auch auf Grund dessen Abwesenheit. Der Homerische Held Odysseus hat seinen Sohn, noch vor dessen Geburt verlassen und die Mutter in versteinertem Leid schutzlos zurück gelassen. Penelope kann Telemachos in ihrer Unerlöstheit und verweigerten Trauer um Odysseus wiederum auch keine liebende Mutter sein, liefert ihn dem Gespött der Freier aus und bringt ihn als Nebenbuhler zudem in Lebensgefahr. Um seine Mutter seinerseits dennoch achten und lieben zu können, muss er diese in einer späteren Filmszene im Moment eigener, großer Verzweiflung als ,,Hure“ titulieren. Als erwachsener Sohn erkennt er in der Mutter längst auch die begehrte Frau, welche ihn in ihrer Verzagtheit nicht wirklich annehmen kann und ihm die Mutterliebe verwehrt. Mit seiner Entscheidung , die besten Männer Ithakas um sich zu scharen, alleinig zum Zwecke einer Befreiung der ,,schönen Helena“ und der Zerstörung Trojas, hat der antike Held Odysseus seinem Sohn Telemachos als Folge dieser Entscheidung auch die Mutter geraubt. Sich selbst brachte hat er um das Glück der Ehe. Mehr noch, er hat vielen Müttern seines Volkes die Söhne entrissen, in den Krieg und somit in den sicheren Tod geführt. Wusste er nicht um das Leid der zurückgebliebenen Familien? Sein Insel- Volk ließ er schutzlos und in Armut zurück, seine Ehefrau sah sich den Freiern ausgeliefert, seinem eigenen Vater bereitete er Scham und tödlichen Kummer. Odysseus treuer Hund Arcos schließt nach den vielen Jahren vergeblichen Wartens am Tor des Königspalastes seine Augen, nachdem er seinen Herrn nach dessen anonymer Rückkehr wiedererkannt hat. Der Vater stirbt ebenfalls noch bevor er seinen Sohn, wie ersehnt, in die Arme schließen kann. Die vielzitierte List des Odysseus entpuppt sich rückblickend als Hinterlistigkeit eines Anführers von Mordkumpanen. Der Nimbus des großen, antiken Heros nicht viel mehr als eine hohle Phrase. Der einst gefeierte, kühl kalkulierende Krieger schrumpft zum egozentrischen Hasardeur. Nach zwanzig Jahren Krieg und Irrfahrt steht er nunmehr mit leeren Händen vor den Trümmern seines Lebens und entrichtet einen hohen menschlichen Preis. Die Güte und Sanftmut sind aus der Seele des Helden Odysseus entwichen. Die an ihn gerichtete Frage eines ehemaligen Untertanen ,,wer bist du“? beantwortet der sich nach seiner Rückkehr (welche eher eine Crusoe’ sche Strandung ist) zunächst nicht zu erkennen gebende Odysseus mit ,,Niemand“. Diese einst listige Selbstbezeichnung, welche hilfreich war, den Zyklopen zu täuschen und dadurch seine Gefährten und sich selbst aus tödlicher Gefahr zu befreien, beschreibt nunmehr die Bodenlosigkeit seiner seelischen und materiellen Existenz. Der selbstverschuldete Verlust ist universell. Das Trauma der Gewalt lastet auf ihm, ein Erinnern ist nur um den Preis der weiteren Selbstzerstörung möglich. Ohne eine Vergegenwärtigung eigener Vergangenheit ist eine Existenz als gemeinschaftlicher Mensch wiederum nicht möglich. Wer also kann der Mann sein, welcher Penelope begegnen soll? Wer ist die Frau nunmehr, nach welcher er sich jahrelang sehnte? Die Möglichkeit eines erinnernden und jeweils brückenbauenden Verstehens als Chance zur Vergebung in der Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft ist kaum vorstellbar. Odysseus Entscheidung seine Familie samt seinem Volk zu Gunsten der Jagd nach Ruhm und Ehre zu verlassen, lastet schwer wie Blei auf den Schultern des Paares. Tat er dies auf Weisung der Götter oder eines von ihm selbst vergötterten weltlichen Souveräns, dessen Tochter, die ,,schöne Helena“, vom trojanischen Königssohn Paris entführt wurde. Handelte es sich hier lediglich um einen vorgeschobenen, legitimierenden Kriegsgrund um den territorialen Rivalen Troja angreifen und vernichten zu können? War es wiederum die servile Loyalität des Helden Odysseus zum König Priamos als uneingestandenem Motiv, die eigene Familie zu verlassen und dies zu Gunsten eher fragwürdiger Zielen? Verhüllte sich gar die Habgier und Rachsucht des Eroberers im Gewand eines sublimierten Gerechtigkeitsanspruchs als verborgener Motivgrund seines Entschlusses? Stringent ist im Film nie die Rede vom exkulpierenden ,,Willen der Götter“ oder einer ,,schicksalhaften Fügung“ und dergleichen. Alle Protagonisten in der Erzählung können so als Verantwortung tragende Subjekte ihrer Entscheidungen in die Pflicht genommen werden. Der Mythos ist entzaubert und in die säkulare Welt der Menschen abgesunken. Odysseus hat nichts als Zerstörung in die Welt gebracht und dieses Werk um den Preis seiner inneren Selbstzerstörung dauert an. Penelope hat sich in ihrem Gram, gleich ihm selbst, in ihrem Wesen verändert. Nur noch Schatten erinnern an die schöne, vitale Frau, welche sie einst war und er geliebt hat. Zwei fremde Menschen begegnen sich in einem verarmten und verlassenen Königreich, dem früher blühenden Ithaka. Odysseus wird Gewalt anwenden müssen, um die Freier zu vertreiben. Verkleidet als Bettler hat er deren skrupellose Gewaltbereitschaft am eigenen Leib erfahren müssen. Das spätere biblische Motiv des ,,einen Gerechten“ unter den Freiern taucht hier auf. Gleich einer Allegorie verkörpert jeder einzelne dieser Freier als Typus auch einen Persönlichkeitsanteil des aktuellen wie des einstigen Odysseus. Im Abschlachten der Freier muß der Rächer gleichsam im ,,Außen“ nochmalig seine eigene Person vernichten. Er muß töten, um sein verlorenes Königreich und das Leben seines Sohnes zu retten. Der das finale Geschehen auslösende Wettbewerb um das Spannen des Odysseus’ schen Bogens ist kein olympischer Kampf, sondern das Initial eines listig inszenierten Massakers. Die Falle ist zugeschnappt. Die ahnungslosen Freier bemerken zu spät, dass sie wie bei der Tierjagd, ihrem Beutetrieb folgend, in einen todbringenden Käfig des Palastes gelaufen sind. Töten muß Odysseus auch den feinsinnigen, liebesfähigen, um die wahre Gunst der Penelope werbenden Freier Antinomos. Er stellt sich nicht dem alles entscheidenden Wettbewerb. Behutsam agierend sehnt er sich vielmehr nach der freien Wahl der angebeteten Penelope, welche ihm gelten soll. Sein Anlitz ist durchwoben von einer tiefen Melancholie und stillen Todessehnsucht als Erlösung aus seinem unerfüllt- leidvollen Begehren. Tage vor dem Wettbewerb sucht er die Königin auf und teilt ihr mit, dass er, wäre er in der Position des Odysseus gewesen, diese niemals verlassen hätte, auch räumt er ein, dass er selbst nicht hier im Palast hätte ausharren sollen, dass seine Liebe zu ihr ihm jedoch keine Wahl ließe und er an diesem Ort wohl auch sterben müsse. Mit diesen Sätzen weckt er erneut die unerfüllte Sehnsucht der Königin nach ihrem Gemahl und verstärkt deren Leid. Der Druck zu einer Entscheidung wird hierdurch erhöht. Antinomos ahnt wohl, dass sich damit auch die Frist für seinen eigenen Tod verkürzt. Als einziger kämpft er später nicht mit dem gnadenlos richtenden Odysseus, versucht auch nicht zu fliehen, sondern erwartet in Demut und schicksalsergeben seinen Tod. Es ist jedoch nicht Odysseus, welcher ihn mit dem Schwert richtet, sondern Telemachos. Es obliegt ihm, als Sohn des Odysseus, diesen vergeblich liebenden Antinomos, einen ihm wohlgesonnen, ihn schützenden sowie potentiellen Stiefvater und möglichen Erlöser aus dieser Misere, zu töten. Mit dem realen ,,Vatermord“ ist der späte, ödipale Konflikt zunächst gelöst. Telemachos muß nun nicht mehr in imaginierter Todesfurcht und durchaus begründeter Todesangst um die ,,Liebe“ der Mutter mit den überlegenen Freier- ,,Vätern“ konkurrieren. Penelope ist bestürzt und weint über den Tod des sanften Antinomos, welcher sie wohl an den einstigen Odysseus erinnerte und welchen sie hätte lieben können, wäre sie denn innerlich frei gewesen und hätte sich zeitig vom abwesenden Vater trauernd gelöst. So ,,stirbt“ Odysseus förmlich vor ihren Augen ein zweites Mal. Mit seiner Tat hat Telemachos den familiären Bann gebrochen und möchte den Königshof verlassen, trägt in der Diktion Freuds als ,,Ideal- Ich“ auch den Gewaltmenschen, welcher sein Vater war und bei seiner Rache wieder sein musste, mit sich in die Welt. Den gütigen und sanften Odysseus durfte er nie verinnerlichen. Kein gutes Omen für sein weiteres Leben. Der leidgeprüfte Odysseus weiß um sein verheerendes ,, Erbe“, kann dies tragisch- schicksalhaft jedoch nicht hinter sich lassen. Mit den Worten ,,Ich verstehe dich nicht“, wendet sich Penelope in der Schlussszene quasi im Gestus einer wissenden Hilflosigkeit an Odysseus, fügt jedoch hinzu dass seine Geschichte doch auch die ihrige sei und die eigene Geschichte die seinige. Doch auf welche Moralität und auf welches Gerechtigkeitsethos kann sich Odysseus bei seiner Blutrache berufen? In der 10- jährigen Belagerung und wütendem Anrennen auf die Festungsstadt Troja trat er als Eindringling und Besatzer in einem weitaus verheerenderem Ausmaß in Erscheinung, als es im Vergleich hierzu die Freier Ithakas je vermochten. Auf die im ernüchternden Dialog mit Penelope in der Schlussszene an ihn gerichtete Frage, ob auch er bei seinen Eroberungen Kinder getötet und Frauen vergewaltigt habe, wendet er sich von ihr ab und schweigt beredt. Seine dann unmittelbar an sie gerichtete Aufforderung ihm zu ,,vergeben“ richtet er an sie ohne das Verzeihen zu erbeten. Odysseus existentielle Not lässt eine Bitte, welche auch verwehrt werden kann, nicht mehr zu. Auf den Trümmern dieser beider Leben ist ein gemeinsamer Neuanfang nur schwer möglich. Beide sind alt geworden, seelisch wie körperlich gleichermaßen verbraucht und nunmehr auch alleine.

Schön die Darstellung des ödipalen Konfliktes. In seinem kindlichen Narzissmus möchte Telemachos, im unbewussten Begehren, in den ,,Bogenspannwettbewerb“ einsteigen und somit in die Konkurrenz um die ,,Gunst“ seiner Mutter. Odysseus verhindert dies und muß sich nun zu erkennen geben, . sich als patriarchalen Herrscher reinthronisieren. Er muß töten, um das Leben seines Sohnes zu retten. Mit konzentrierter, virtuoser Leichtigkeit spannt er den Bogen. Er spannt ihn nicht als Athlet, sondern in der rituellen Ruhe eines Jägers kurz vor der Jagd. Er tut was zu tun nun ,,notwendig“ ist ohne erkennbare Anzeichen von Rachegelüsten oder der Leidenschaft des Jagens. Als gebrochener Mann weiß er um seine ,,Mittäterschaft“ am untragbaren Zustand und dass er mit jedem getöteten Freier auch ein Stück seines eigenen Mensch-Seins entstellt. Sind die Pfade der Gewalt einmal beschritten, entfaltet sich die Tragödie einer schier ausweglosen Entwicklung hinein in immer tiefere Abgründe der Zerstörung. Auch hiervon handelt dieser Film.  spoiler:
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