FEUER
Die schwangere Grace (Jennifer Lawrence) zieht mit Ehemann Jackson (Robert Pattinson) nach Montana in ein geerbtes, renovierungsbedürftiges Haus. Sie fühlt sich schon bald nach der Geburt des Sohnes vernachlässigt und gerät in eine seelische Abwärtsspirale.
Nach dem aufsehenerregenden „A Beautiful Day“ (2017, 4,5 Sterne von mir) ist Lynne Ramsay wieder mit einem Langfilm in den Kinos. Als Vorlage diente der 2012 erschienene Debütroman der argentinischen Schriftstellerin Ariana Harwicz, „Matate, armor“.
Der Stoff, der weit über die Baby-Blues hinausgeht, ist in der schonungslosen Darstellung zweier wenig reizenden Protagonisten vor der Leinwand schwer zu verdauen (FSK 16). Von einem oftmals machtlosen, derangierten Jackson erzählt Ramsay, von der lebenslustigen bis zur zerstörten Grace reicht die Palette, begleitet durch die zum Lokalkolorit passende Musik, deren Texte auf die Situationen des Ehepaares Bezug nehmen. Eine Idylle in Montana, die wohl jeden gesunden Geist bereichern kann, ist in schönen Aufnahmen Teil dieses Werks von Ramsay. Doch die Zuspitzung, die der Verwandtschaft nicht entgeht, allen voran Jackson's Mutter Pam (Sissy Spacek), lässt für ein Happy End wenig Hoffnung.
Die schottische Filmemacherin zeigt vorwiegend die Phase nach der Geburt des Kindes, springt dabei im Handlungsstrang mal in die nähere Vergangenheit, später in die weiter zurückliegende, erneut in die Gegenwart usw. Das Hopping im Handlungsstrang sorgt zwar für Abwechslung, offenbart aber erst im letzten Abschnitt von „Die My Love“ einiges Wichtiges an Hintergründen zur späteren Mutter, was dieser Art Beobachtungskino eher schadet. Das Publikum darf auch Grace in ihre Kopfwelt begleiten, aufgenommen in wuchtigen Bildern. Schließlich kann diese Art der Inszenierung deswegen gewinnen, weil Jennifer Lawrence wieder einmal über sich hinauswächst und sich nicht versteckt. Die ausdrucksstarke Schauspielerin aus Kentucky spielt nicht zum ersten Mal psychisch belastete Frauen („Winter’s Bone“, „Silver Linings“, „Joy“). Mit ihrer extrem facettenreichen Mimik hält sie für Grace, die in fast jeder Szene zu sehen ist, unglaublich viele, nuancenreich wechselnde Zustände parat. Robert Pattinson hat dem wenig entgegenzusetzen. Die Motive seiner Figur sind wenig erläutert. Jackson ist zwar „nur“ der in zweiter Linie Leidende, doch in einigen Einstellungen erscheint das emotionale Spiel Pattinsons belanglos. Eine besonders gut gespielte kriselnde Ehe ist in „Zeiten des Aufruhrs“ zu sehen (2009 von Sam Mendes).
Lynne Ramsay gelingt mit einer brillant aufspielenden Jennifer Lawrence ein ergreifendes, hinreichend strukturiertes Drama.