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4,0
Veröffentlicht am 26. Februar 2026
Gelbe Briefe hat mir insgesamt sehr gefallen, obwohl er von der Geschichte her ein, zwei Schwächen bzw. Ungereimtheiten aufweist, die mir aufgefallen sind. Würde mir zum Beispiel der Staat meine komplette Existenz von heute auf morgen entziehen, würde ich nicht mehr an einen fairen Rechtsstaat glauben, schon gar nicht sieben Monate. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass er mein neues, systemkritisches Theaterstück ohne irgendwelche persönlichen Folgen zulässt.
Darüber hinaus war er schauspielerisch vom gesamten Cast sehr stark umgesetzt. Ich würde auch dringend empfehlen, den Film im Originalton auf türkisch mit UT zu schauen, da es für mich irgendwie auch zur Geschichte dazugehört, dass die Menschen eben kein Deutsch sprechen. Ich kann mir Vorstellen, dass mit der Synchro sehr viel Authentizität verloren geht, aber ich kann auch verstehen, dass man sich nicht zwei Stunden auf einen Untertitel konzentrieren möchte.
Auf jeden Fall endlich mal wieder ein würdiger Berlinale-Gewinner (nach Oslo Stories und der [und das war wirklich ein Schlag ins Gesicht für jeden seriösen Filmemacher] "Diashow" Dahomey), den man sich anschauen sollte!
Derya und Aziz sind gefeierte Künstler, bis ein paar Aussagen über Politik und Krieg ihre Karriere beenden. Beide verlieren ihre Jobs und müssen von Ankara nach Istanbul zu Aziz’ Mutter ziehen. Doch das Geld reicht nicht, die Spannungen steigen und die Regierung hat sie im Blick. Es sieht nicht gut aus für Meinungsfreiheit.
Gelbe Briefe geht ca. 125 Minuten und ist ab 12 Jahren freigegeben. Der Berlinale-Gewinner 2026 bringt automatisch den Verdacht auf schweren Stoff und arthausiges Kino mit sich. Doch ich kann euch beruhigen, die Geschichte bleibt gut verständlich und die Figuren wirken wie normale Menschen mit Problemen. Allerdings ging mir Derya ziemlich auf die Nerven. Sie nimmt alles persönlich und reagiert auf jede Situation wie ein Marmeladenbrot, das garantiert auf der falschen Seite landet. Aziz ist lange Zeit der Ruhepol der Story, bis er im Finale ebenfalls etwas saudummes raushaut. Die Grundidee, politisch unter Druck zu geraten, nur weil man sich gegen Krieg äußert, ist eigentlich spannend. Leider macht der Film daraus weniger als möglich wäre. Stattdessen wird viel am Fenster geraucht, diskutiert und „Was sollen wir nur tun?“ gesagt. Realistisch vielleicht, aber nicht unbedingt mitreißend. Der Mittelteil zieht sich merklich. Die Figuren bleiben überwiegend ok, aber selten wirklich interessant, um zwei Stunden Aufmerksamkeit zu rechtfertigen. Im Finale steht die große Frage im Raum, Moral oder Geld und jeder, der schon mal mit knurrendem Magen und dauerhaftem Schwiegermutterkontakt leben musste, kann die Entscheidung nachvollziehen ohne den Partner direkt zu beschuldigen, Kinderblut zu trinken. Unterm Strich bleibt ein Film, der durchaus funktionieren kann und seinen Preis nicht völlig aus der Luft gegriffen hat. Für mich fühlte er sich etwas am Thema vorbei erzählt an, weil der Fokus stärker auf Beziehungsdrama als auf dem politischen Kern lag.
5,5/10 Punkten. Was mich komplett rausgerissen hat, Berlin spielt Ankara und Hamburg Istanbul. Du siehst türkische Politik, aber Autos mit HH-Kennzeichen fahren vorbei oder jemand demonstriert vorm Brandenburger Tor. Immersion erfolgreich sabotiert.