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Kinobengel
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3,0
Veröffentlicht am 25. Dezember 2024
wäre – hätte – könnte
Im Spätsommer 1939 empfängt der schwer an Krebs erkrankte Psychoanalytiker Sigmund Freud (Anthony Hopkins) in London den Literaturwissenschaftler C.S. „Jack“ Lewis (Matthew Goode) zu einem Gespräch. Freuds Tochter Anna (Liv Lisa Fries), selbst Psychoanalytikerin, kümmert sich hingebungsvoll um ihren Vater und legt viel Wert auf dessen Einverständnis für ihre Beziehung zu Dorothy (Jodi Balfour).
Mit der fiktiven Geschichte um die Begegnung der beiden berühmten Gelehrten, basierend auf einem Theaterstück von Mark St. Germain (2009), möchte Regisseur Matthew Brown ein Dialoggefecht bieten, Freud gegen Lewis, Atheist gegen Theist, dem Originaltitel nach die letzte Sitzung des anerkannten und umstrittenen Österreichers; ein großes Kinopublikum soll zuschauen. Da das ganz schön trocken werden kann, fügt der Filmemacher dem nur wenige Stunden Erzählzeit dauernden Plot Rückblenden, Schmerzanfälle sowie das gleichzeitig stattfindende Handeln von Anna hinzu. Der kurzfristige Aufenthalt der Kontrahenten in einen behelfsmäßigen Luftschutzkeller sorgt z.B. für Ortswechsel.
Tatsächlich kommt in 110 Minuten Film keine Langeweile auf. Der Cast spielt blendend auf, insbesondere der zweifache Oscar-Preisträger Hopkins, der das damalige Alter von Freud bereits überschritten hat. Als einer der ganz Großen seines Fachs lässt er Freud erscheinen, wortgewandt parlieren und wiederholt, den Tod vor Augen, altersstur spotten, sodass dessen mehr als 40 Jahre jüngerer Antagonist, der Jahre später "Die Chroniken von Narnia" schreiben wird, mal die Augen verdreht oder einen Seufzer entweichen lässt. Für die Darstellung der emotionalen Belastung Annas fängt der erfahrene Kameramann Ben Smithard die vielseitige Mimik der Liv Lisa Fries bevorzugt aus der Nähe ein, was für die deutsche Schauspielerin spricht.
Gerne hätte dieses Kinoerlebnis aufgrund der ausgezeichneten Performance länger dauern dürfen, aber auch wegen dem Wunsch nach der erforderlichen Ruhe, die wegen der gewählten Erzählstruktur in diesem zudem dynamisch geführten Treffen einfach keinen Platz findet. Die Ausflüge in die Vergangenheit sorgen zum Teil für mehr inhaltliche Tiefe und es entsteht zwischen den Debattierenden zumindest phasenweise ein gewisser Eindruck von ernstgemeintem Respekt, wenn auch nicht erwartbar ist, dass einer den anderen überzeugt, zu schwer wiegen die Gegensätze. Wegen der Möglichkeiten hätte „Freud – Jenseits des Glaubens“ einen mehr ausgefeilten dramaturgischen Bogen verdient, denn mit dem nicht mehr so genau zu nehmenden todkranken Freud und einem drangequetschten Quasi-Happy-End für Anna bleibt für den unterm Strich genügsam geratenen Unterhaltungsfilm der Geschmack von der unbeantworteten Frage nach der Werthaltigkeit dieser Konversation.
Fazit: hervorragend gespielt, viel Potenzial verschenkt.
So recht überzeugen kann der Film nicht, fesseln schon gar nicht. Der fiktiven Auseinandersetzung zwischen Freud und C.S. Lewis über Religion fehlt Kraft und Überzeugung und sie verkommt so zu einem ziemlich leidenschaftslosen Geplänkel. Die Rolle von Freuds Tochter im Leben ihres Vaters wird nur angedeutet und überzeugt nur durch Liv Lisa Fries. Was der Film wirklich will bleibt unklar. Noch annehmbar
In dem Film, der zu Beginn des Zweiten Weltkriegs spielt, lädt der an Krebs erkrankte, Psychologe Sigmund Freud, den Schriftsteller C. S. Lewis zu einer Diskussion über die Existenz Gottes ein. Dabei gewährt der Film Einblicke in Freuds ungewöhnliches Verhältnis zu seiner lesbischen Tochter sowie in Lewis’ „Beziehung“ zur Mutter seines im Krieg verstorbenen Freundes. Die Diskussion der beiden Männer, deren Theorien nicht konträrer sein könnten, durchzieht Vergangenheit, Gegenwart und Fantasie und berührt gleichzeitig relevante und kontroverse Themen.
Freuds radikale Kritik an der christlichen Religion steht im Mittelpunkt des Films. Bereits zu Beginn erklärt Freud Lewis, dass „Religion mit einer Kindheitsneurose vergleichbar ist“.
Freud konstatiert, dass Kinder sich nach gewissen Bedürfnissen wie Liebe, Sicherheit und Orientierung sehnen würden, die sie üblicherweise von ihren Eltern erhielten. Ähnlich wie Kinder hätten Gläubige dieselben infantilen Wünsche, und sie schüfen folglich einen Gott, welcher ihnen Sicherheit und Orientierung biete. Dieser Glaube an eine höhere Macht resultiere aus der Sehnsucht nach einem beschützenden Vater, der in schwierigen Momenten Trost und Halt spende. Freud zufolge entstehe Religion aus dem Bedürfnis, die Ungewissheiten und Ängste des Lebens (besonders die Angst vor dem Tod) zu bewältigen. Sie diene jedoch nicht der diesseitigen Wahrheitssuche, sondern vielmehr der Beruhigung und der Vermeidung existenzieller Ängste. Gläubige benötigten laut Freud eine psychotherapeutische Behandlung, um diese „neurotische Phase“ zu überwinden, denn nur „der Glauben an den Unglauben“ befreie die Menschheit.
Dies ist nur eine von Freuds Theorien, die im Film thematisiert werden. Der Film meistert es, Freuds schwieriges Verhältnis zu seiner Tochter sowie seine Ablehnung ihrer sexuellen Orientierung zu beleuchten, indem er intime Einblicke in ihre Beziehung und ihr Leben gewährt. Freuds körperliche Schmerzen und seine Überlegungen zum Suizid werden in dem Film zudem sehr eindrücklich dargestellt.
Ich hatte von Freuds letzter Sitzung jedoch etwas mehr erwartet. Zwar sind Freuds Theorien schlüssig, doch es fehlt ihnen an ausreichender Tiefe und detaillierter Ausführung. Persönlich hätte ich mir gewünscht, dass der Film sich auf weniger Themen konzentriert und diese dafür intensiver beleuchtet. Darüber hinaus vermisste ich eine umfassendere Darstellung von Freuds und Lewis` Lebensgeschichte, die im Film nur oberflächlich angeschnitten wird. Eine stärkere Fokussierung auf seine Biografie hätte dem Film mehr Dynamik verliehen und sowohl die Handlung als auch die Charaktere komplexer und vielschichtiger gemacht.
Konkludierend lässt sich sagen, dass der Film auf jeden Fall wichtige Themen anspricht und diese aus atheistischer, wissenschaftlicher sowie christlicher, apologetischer Sicht beleuchtet. Der Film vermittelt ein gutes, wenn auch oberflächliches Bild von Freuds Auffassungen, bleibt jedoch in seiner Tiefe hinter den Erwartungen zurück. Statt sich intensiver mit einzelnen Aspekten auseinanderzusetzen, kratzt er nur an der Oberfläche der komplexen Theorien und Lebensgeschichten seiner Protagonisten. Dadurch bietet er zwar einen Einstieg in die Thematik, lässt aber Raum für eine tiefere Auseinandersetzung. Ich würde diesen Film sowohl Christen, als auch Atheisten empfehlen, da es wichtig ist Themen wie Religion differenziert zu betrachten und den Diskurs zu fördern