Dreams - Gefährliches Verlangen
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FILMGENUSS
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3,5
Veröffentlicht am 5. September 2026
ZWISCHEN DEN KLASSEN EIN STERBENDER SCHWAN
von Michael Grünwald /

Am Ende wird alles gut…

Es gibt wirklich wenige Filmemacherinnen und Filmemacher, die den Mut und die Beharrlichkeit haben, ihren Geschichten, die sie erzählen, das entsprechend konsequente Ende zu geben – eben jene Konklusio, die unweigerlich kommen muss, wenn es darum geht, das Gezeigte als markerschütternd böses Gleichnis für einen Missstand zu instrumentalisieren.

Im Falle des Michel Franco lässt sich davon ausgehen, dass er wohl niemals irgendeinen Film machen wird, der einem das gute Gefühl gibt, alles käme in Ordnung, geschweige denn die Gewissheit, dass im Grunde alles einem wohlgefallenen Ende zustreben muss, denn die Welt ist ja schließlich so aufgebaut.

… und wird es das nicht, ist es trotzdem das Ende

Bei Michel Franco ist sie das nicht. Der Mexikaner kann mit dieser Naivität, die im Kino als Kompromiss in der Handlung auf seufzende Akzeptanz stößt, reichlich wenig anfangen. Und setzt stattdessen auf Radikalität.

Mit seinem Debütspielfilm New Order – Die neue Weltordnung macht er 2020 die Filmwelt auf sich aufmerksam – und verstört sie gleichermaßen. Seine erschütternde Chronik eines Volksaufstandes, der letztlich in einer Militärdiktatur mündet, zieht einem auf grimmige und kompromisslose Weise den Boden unter den Füßen weg.

Seine dahingleitende, rätselhafte Psychostudie Sundown mit Tim Roth ist auf versöhnliche Weise weniger destruktiv, während mit Memory erstmals Jessica Chastain aufspielt und vielleicht schon als Francos Muse gilt. Kann man das bei zwei Filmen schon sagen? Ich vermute es.

Die knisternde Exotik einer Liaison

Im neuen Werk Dreams – Gefährliches Verlangen, was dank der deutschsprachigen Untertitelvergabe eher nach schwülstigem Erotikthriller klingt, macht Chastain wieder das, was sie am besten kann: Die schicke Unterkühlte mimen, die mit der nötigen Distanz ihrem sozialen Umfeld begegnet und für die stinkreiche Familie, die eine Stiftung verwaltet, unbedingt und immer funktionieren muss. Da diese Stiftung soziales Engagement zeigt und unter anderem auch in Mexiko diverse Projekte unterstützt, lernt Jennifer McCarthy den Tänzer Fernando kennen. Und nicht nur das: auch lieben.

Es knistert gewaltig, wobei man diese Liaison erst im Nachhinein zu greifen bekommt, denn Franco beginnt seine Geschichte mit dem bestürzenden Prozedere einer illegalen Migration. In San Francisco treffen dann die beiden aufeinander – und nichts entwickelt sich so, wie der von Illusionen und eben Träumen gepushte Fernando die Dinge haben will.

Als sich Jennifer nicht zu ihrem Dritte-Welt-Lover bekennen will und ihn auch vor ihrer Familie verheimlicht, da sie weiß, das kommt nicht gut an, geraten die Dinge aus dem Ruder. Dreams entwickelt sich zum Beziehungsthriller, der aber kein Interesse hat, an der Oberfläche herumzustochern und lediglich den Spannungsbogen zwischen Begehren und Blowjob zu bedienen.

Gehen wir lieber auf Distanz

Tatsächlich hat Francos Film zumindest in den ersten zwei Dritteln gehörige Längen. Hinzu kommt Francos distanzierte Art, zu filmen. Seine Bilder erinnern hier an Michael Hanekes Stil, selten geraten Kamera und Ensemble in Berührung. Der Beobachter soll keinen Einfluss nehmen auf das Geschehen, das wie aus einem versteckten Winkel heraus verfolgt wird.

Haneke selbst hat sich auch nie dazu durchgerungen, den Gesichtern vor der Kamera mehr Aufmerksamkeit zu schenken als für die Handlung erforderlich. Weg von der garantierten Wahrnehmung des Stars, hin zu deutlich relevanteren Themen, wie zum Beispiel jenem der Klassengesellschaft, die sich heillos in Doppelmoral und Heuchelei verliert.

Von oben herab

Mit Dreams – Gefährliches Verlangen wird Michel Franco wieder so richtig pessimistisch. Ganz Wohlstandsamerika entlarvt sich selbst in selektivem Rassismus, getarnt durch eine soziale, multikulturelle Agenda.

Die Anklage sitzt, und sie enttarnt den Gutmenschen alleine in seinem Modus Operandi, ohne die Elite vorzuführen wie Karim Aïnouz in seiner auf völlig andere Weise destruktive Groteske Rosebush Pruning. Was dort als Plakativität belächelt wird, findet hier den ganz normalen Machtmissbrauch – darin eingebettet eine sexuell aufgeladene Romanze, die aufgrund von Vorbehalten, Klischees und Abhängigkeit unter Schmerzen scheitern muss.


Mehr Reviews und Analysen gibt's auf !
Rob T.
Rob T.

7 Follower 429 Kritiken User folgen

3,5
Veröffentlicht am 2. August 2026
Der Lkw scheint verlassen, und er steht in der Sonne. Verlassen ist er allerdings nicht, er ist voller Menschen – Flüchtlinge. Sie kommen aus Mexiko, wollen in den USA. Nachts werden sie befreit, und einer von ihnen entfernt sich besonders schnell. Denn offensichtlich weiß er genau, wo er hinwill.
Fernando (Isaac Hernández) ist Balletttänzer, und in San Francisco hofft er, einen Job als Tänzer zu bekommen. Sein erstes Ziel: das Haus seiner Geliebten Jennifer (Jessica Chastain). Sie haben sich in Mexiko kennengelernt, und jetzt hofft er, dass die zusammen leben können.
Seine Leidenschaft für den Tanz ist groß, und tatsächlich könnte ihm eine Karriere gelingen. Aber es kommt dann doch alles anders, und die Beziehung zu Jennifer zeigt sich in völlig neuem Licht.

„Dreams“ von Michel Franco könnte in der PR als Romanze missverstanden werden. Ältere Frau verliebt sich in jungen Mann. Aber es ist sehr viel tiefgründiger – und vor allem abgründiger. Auf sehr merkwürdige Weise erleben wir hier eine toxische Beziehung. Um Fernando an sich zu binden, ist Jennifer einerseits jedes Mittel recht. Wenn es aber darum geht, zu ihm zu stehen, dann kneift sie.
So bietet der Film immer wieder ziemlich krasse Momente. Gerade am Anfang lässt der Film den Zuschauer noch ein wenig im Unklaren. Als Fernando zielstrebig zu Jessica läuft, wissen wir noch nicht warum. Nach und nach bekommen wir die echten Einblicke in diese Beziehung.
Während der ganzen Zeit ist irgendwie zu merken, dass da irgendwas nicht stimmt, und irgendwann folgt dann der eiskalte Hammer und die Konsequenzen – ein Katz-und-Maus-Spiel.
„Dreams“ ist anders als erwartet und von Feel Good weit entfernt.
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