Ein mutiger und eindrucksvoller Film voller feiner Kritik am Regime. Die Kritiker auf dieser Plattform übersehen leider oft das immense Risiko, das die Regisseure und Schauspieler bei der Entstehung dieses Films auf sich genommen haben. Schon die Szene, in der die Frauen am Tisch zusammenkommen, mag westlichen Zuschauern unauffällig erscheinen, doch die Darstellung von Frauen ohne Kopftuch ist ein zutiefst provokativer Akt. In einem Land, in dem Religion das Leben, Tanzen, die Kleidung und das Verhalten vorschreibt, ist es äußerst gewagt, Frauen ohne Kopftuch zu zeigen.
Am Tisch sprechen die Frauen offen über Männer, und eine berichtet, wie sie einfach in ein fremdes Auto gestiegen ist. Im Iran ein brisantes Thema, da oft Prostituierte am Straßenrand in fremde Wagen steigen. Auch Mahins verzweifelter Versuch, körperliche Nähe zu finden, zeigt in ihrer Einsamkeit den mutigen Schritt, in einer Gesellschaft, in der es untypisch ist, dass Frauen den ersten Schritt machen, und Dating-Apps nicht existieren.
Der Film ist voller solcher Szenen, die hier den Rahmen sprengen würden. Ein besonders eindrucksvoller Moment ist die Szene im Park, in der die Sittenpolizei die jungen Frauen festnimmt, nur weil ihr Pony aus dem Kopftuch ragt. Nach dem Fall von Mahsa Amini sollte es auch in westlichen Ländern klar sein, welchen Bedrohungen Frauen ausgesetzt sind. Einmal in das Fahrzeug der Sittenpolizei gesteckt, gibt es oft kein Zurück mehr: die Inhaftierten werden verhört, geschlagen, gefoltert, vergewaltigt, verstümmelt oder getötet – einfach, weil das Kopftuch verrutscht ist, die Knöchel nicht vollständig bedeckt sind oder der Mantel nicht genug verhüllt.
Das junge Mädchen, das Mahin vermutlich ihr Leben verdankt, sagt ihr, sie solle glücklich sein – immerhin hat sie einmal erlebt, wie Freiheit sich anfühlt. Für die heutige Jugend ist dies oft undenkbar. Trotz der drohenden Gefahr besucht das Mädchen dennoch ihren Freund. Sollten sie erwischt werden, erwartet sie das Gefängnis, doch die Jugendlichen im Iran riskieren dies täglich, nur um ein Stück Normalität zu erfahren.
Im Taxi erzählt Mahin dem Fahrer voller Nostalgie, wie schön das Leben früher war, und erwähnt, wie sie „Dekolleté zeigen und High Heels tragen“ konnte. Sie erinnert sich an die Zeit, als der Shah von Persien regierte, und bemerkt, dass das Regime heute jede Lebensfreude erstickt, sodass die Jugend kaum noch etwas vom Leben genießen kann.
Ich überspringe einige Szenen und komme direkt zum Treffen im Haus. Dort trinken beide Wein, und Faramarz erzählt, wie er früher im Verborgenen mit Freunden den „verbotenen Saft“ hergestellt hat – eine weitere provokante Anspielung. Auch dass Faramarz mit einer gläubigen Frau verheiratet wurde, die ihn zum Beten und Fasten zwang, zeigt, wie religiöse Pflichten im islamischen Regime als Zwang empfunden werden, denen viele nur widerwillig folgen. Die Zwangsehe verdeutlicht zudem, dass hier oft nicht die Liebe, sondern arrangierte Ehen das Leben bestimmen.
Die Nachbarin kommt vorbei und sagt, sie habe eine Männerstimme gehört – ein klares Zeichen dafür, dass jeder, der die „Regeln“ missachtet, von neugierigen Nachbarn an die Sittenpolizei verraten werden kann. Solange man nicht verheiratet ist oder der Mann kein naher Verwandter ist, ist es einer Frau selbst in ihrem Zuhause verboten, einen Mann bei sich zu haben. Die beiden entscheiden sich, zu tanzen. Für jemanden, der die iranische Kultur nicht kennt, mag dies wie ein gewöhnlicher Tanz zu einem Lied wirken, doch es ist viel mehr. Sie tanzen zu „Man daro waz nemikonam“ von Farrokhzad, einem Showmaster, Songwriter und Sänger vor der Revolution, der bis zu seinem Tod gegen das Regime kämpfte. Dieses Lied ist im Iran verboten und eine mutige Wahl.
Faramarz sagt: „Was, wenn sie die Musik hören und die Polizei rufen? Dann sehen sie uns tanzen.“ Mahin erwidert: „Was sollen sie schon tun – uns zwangsverheiraten?“ Hier sind mehrere Tabus gebrochen: verbotene Musik und das Tanzen mit einem nicht verwandten Mann. Solche „Vergehen“ werden im besten Fall mit Peitschenhieben und Zwangsheirat bestraft. Die Szene, in der sie zusammen duschen, zeigt die Sehnsucht zweier Menschen nach Liebe, Berührung und Zuneigung – selbst im verbotenen Iran.
Das Ende, SOILER ALARM!
Statt einem einfachen Handlungsverlauf zeigen die Regisseure die Absurdität des Regimes, das es einer Frau unmöglich macht, Hilfe zu rufen, ohne Ansehen zu verlieren. Sie muss die Person, die ihr alles bedeutete, im eigenen Garten begraben – nicht aus Perversion, sondern um der gesellschaftlichen Ächtung und einer möglichen Gefängnisstrafe zu entgehen.
Ein meisterhafter Film voller Wahrheit, Liebe und der eindringlichen Aufforderung, die Augen zu öffnen. Kein Wunder, dass die Regisseure nach der Berlinale verhaftet wurden – die Wahrheit soll verborgen bleiben. Ein mutiges Meisterwerk. Bravo!