„Dad used to say that childhood was like being drunk. Everyone remembers what you did, except you.“
2009 erblickte ein kleiner, aber sehr feiner Stop-Motion-Film das Licht der Welt: „Mary and Max“. Ein wirklich hervorragendes Jahr für den so gefeierten Animationsstil, immerhin kamen auch andere Meisterwerke wie „Der fantastische Mr. Fox“ und „Coraline“ in die Kinos. Doch „Mary and Max“ erreichte mit der Zeit immer mehr Leute auf einer ganz besonderen Ebene. Regisseur Adam Elliot drehte hier seinen ersten Spielfilm und lieferte ein emotionales Werk voller Liebe und Schmerz ab. Leider sollte sein nächster Film erst 2024 erscheinen (in Deutschland sogar erst 2025): „Memoiren einer Schnecke“. Und wieder richtet sich dieser Film an ein erwachsenes Publikum und bricht damit (wieder mal) den Irrglauben, dass Animationsfilme automatisch für Kinder gemacht sind. Denn auch ohne Kinder kann ein Film erfolgreich werden und ich hoffe sehr, dass „Memoiren einer Schnecke“ erfolgreich wird, denn er ist jetzt schon einer der besten Filme des Jahres und einer der besten Animationsfilme der letzten Jahre!
Die Geschichte spielt in den 70ern in Australien: Die beiden Geschwister Grace und Gilbert verlieren ihre Eltern und werden voneinander getrennt. Das bricht beiden das Herz, vor allem Grace, die sich ohne ihren Bruder verloren und einsam fühlt. Sie findet den Trost jedoch in Tieren, ganz besonders in Schnecken…
„Memoiren einer Schnecke“ ist ein großartiges Werk mit dem Potential ein Klassiker zu werden. Elliot scheint hier eine teilweise autobiografische Geschichte zu erzählen, die mich berührt hat. Wir erleben all die schönen, aber auch schweren Momente im Leben von Grace und ihrem Bruder. Die Themen Verlust, Einsamkeit und Trauer spielen hier eine große Rolle und manche Momente sind wirklich schwer zu ertragen! Doch so bedrückend manche Szenen sind, im Herzen ist die Geschichte voller Hoffnung. Hoffnung, dass sich alles zum Guten wendet und es gibt einige herzliche und fröhliche Moment für Grace und Gilbert. Der Film schafft es sogar immer wieder sehr lustig zu sein. Sei es die verrückte und liebenswerte Pinky, mit der sich Grace anfreundet oder die geniale Art, wie sich der Film über Sekten-artige Religionen lustig macht.
Was mich aber am meisten rührt, ist dass der Film den kleinen und unscheinbaren Seelen Aufmerksamkeit schenkt. An vorderster Front steht natürlich Grace, die symbolisch als Schnecke in ihrem eigenen Schneckenhaus gefangen ist. Dann haben wir Gilbert, der vor allem ein Herz für Tiere hat und sogar sein Leben riskiert, nur um einer kleinen Schnecke über die Straße zu helfen. Und die alte Pinky fährt von Haus zu Haus, um noch älteren und kranken Menschen etwas Gesellschaft zu schenken. Und der Film transportiert diese positive und herzensgute Message tief in seinem Kern, selbst wenn schwere Ereignisse die Protagonist*innen auseinander reißen.
Neben einem tollen Voicecast (Kodi Smit-McPhee, Sarah Snook und Jacki Weaver), überzeugen die beeindruckenden und handgemachten Animationen. Wie „Mary and Max“ ist dies jedoch kein technisch perfekter Stop-Motion-Look wie etwa „Kubo“ oder „Coraline“. Das Character-Design, die Sets und alles andere sind deutlich rustikaler. Man merkt die Handarbeit an jeder Stellen. Das Ganze wirkt wie ein groß produzierter Independent-Film mit dennoch kleinem Budget. Die Figuren sehen auf den ersten Blick vielleicht nicht sonderlich ästhetisch aus, aber genau das macht den Film und den Stil so besonders. Wie auch die Themen und die Welt, die wir hier präsentiert bekommen, ist eben nicht alles wunderschön und anmutig. Es ist abgehackt, wackelig und manchmal etwas krumm und schief. Und die Erwachsenen sehen manchmal auch gruselig aus, aber da wir die Geschichte aus Sicht einer kleinen Grace sehen, ergibt das alles auch viel mehr Sinn. Auch ansonsten bewegt sich das Design des Films auf einem kindlichen Niveau: Die Figuren haben an jeder Hand nur vier Finger und Schnecken schauen uns mit Cartoon-artigen Glupschaugen an. Es ist ein besonderer Look, der perfekt zum Film, zur Story und den Emotionen passt.
Obendrauf gibt es einen wirklich berührenden und wundervollen Score von Elena Kats-Chernin!
Fazit: „Memoiren einer Schnecke“ ist ein kunstvoller, aber dennoch sehr zugänglicher Film, besonders für Menschen, die sich einsam und anders fühlen. Adam Elliot schafft Werke, die uns zeigen, dass verrückte Gedanken, sonderbare Gelüste andere menschliche Kuriositäten nicht nur normal, sondern auch wichtig und richtig sind. Und „Memoiren einer Schnecke“ ist einer dieser besonderen Filme, voll von Emotionen, starken Bildern und wunderbarer Musik. Für mich eine Art Therapie in Filmform und ich hoffe Regisseur Adam Elliot konnte hiermit einige seiner seelischen Wunden aus der Vergangenheit verarzten. Ein großartiger Film!