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    Netflix, Amazon und Disney+ nerven: Warum ich Videotheken vermisse
    Von Tobias Mayer — 13.04.2020 um 17:00

    Streamingdienste wie Netflix, Amazon Prime Video und Disney+ suggerieren ihren Kunden eine große Filmauswahl. Dabei sind die Kataloge dünn. Und während wir streamen, sterben draußen die letzten Videotheken.

    Walt Disney Company (Szene aus „Captain Marvel“)

    +++ Meinung +++

    Anfang der 2010er hatte ich eine meiner Nachholphasen: Ich habe mich durch die Filmographie von Wim Wenders geschaut, um ein Gespür dafür zu bekommen, was das Werk des vielseitigen deutschen Regie-Poeten ausmacht, der sich selbst vor allem als Reisender versteht und der fürs Kino auch durch unterschiedliche Genres gereist ist. Ich hatte das Glück, dafür in meiner Weddinger Wohnung nur ein paar Schritte vor die Tür zu müssen. In meiner Straße war eine unabhängige Videothek namens Hardys Videoshop.

    Hardy versorgte mich mit Wenders-Filmen, bis er kurze Zeit später dichtmachen musste. Ihm erging es wie vielen seiner Zunft: Laut Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland (via Stern.de) sank die Zahl der Videotheken zwischen 2014 und 2018 von 1544 Betriebe auf 440.

    Im September 2014 ging Netflix in Deutschland an den Start. Der Streamingdienst stieg zum Marktführer auf, kommt nach Zahlen des Marktforschungsunternehmens Goldmedia (via horizonz.net) auf einen Marktanteil von 37 Prozent (Amazon Prime Video folgt mit 22 Prozent, der neue Dienst Disney+ hat immerhin schon zehn Prozent).

    Die Videotheken sterben einen stetigen, unaufhaltsamen Tod, auch die Verkäufe von DVDs und Blu-rays sinken, während die Streamingdienste wachsen.

    Ich will gar nicht groß davon anfangen, dass die Bild- und Tonqualität bei Netflix deutlich schlechter ist als auf Blu-rays, selbst wenn die Internetverbindung gut ist, einfach weil beim Streamen weniger Bits pro Sekunde übertragen werden. Mein Problem besteht in der Zahl der Wim-Wenders-Filme auf Netflix, die null beträgt (bei Disney+ ist sie ebenfalls null, bei Amazon Prime Video zwei).

    Dünner Katalog bei Netflix & Co.

    Laut werstreamt.es hat Netflix 2766 Filme im Programm und Disney+ 611 (Stand Gründonnerstag). Die tolle Berliner Liebhabervideothek Filmgalerie 451, die es nach wie vor gibt, hat eigenen Angaben zufolge 27.000 Filme auf DVD, VHS und Blu-ray. Die Streamingdienste tun alles dafür, ihren Zuschauern durch ständige Neuankündigungen und die Empfehlungen davon abzuhalten, selbst mal nach Filmen zu suchen. Denn die meisten Suchen dürften mit einem enttäuschenden Ergebnis enden.

    Der eine oder andere Leser dürfte es schon gemerkt haben: Mir geht’s nicht nur um Wim-Wenders-Filme. Mir geht’s darum, dass die Vielfalt der zum Ausleihen verfügbaren Filme schrumpft, weil die Bequemlichkeit wichtiger ist. Ich nehme mich da selbst gar nicht aus: Auch meine Couch ist viel zu bequem und mein Netflix läuft viel zu gut, als dass ich noch oft in die Videothek gehen würde (obwohl ich Berliner bin und das Privileg habe, nur etwa 15 S-Bahnminuten von der Filmgalerie 451 entfernt zu wohnen).

    Ich will Netflix und den anderen Streaminganbietern wegen ihres Programms überhaupt keinen Vorwurf machen: Für den Wert von ca. zwei Dönern pro Monat ist das Angebot, zu dem ja noch viele Serien gehören, mehr als stattlich. Und ich kann mir Filme ja auch einzeln digital ausleihen, etwa bei Amazon, Maxdome, iTunes oder Google Play.

    Allerdings scheint mir das digitale Ausleih-Angebot ebenfalls dünner zu sein, als in Videotheken – und der Standardpreis für HD-Videos liegt mit 3,99 Euro (bei neuen Filmen 4,99) für 48 Stunden deutlich über dem Videothekenpreis: Ich habe oft nur einen Euro gezahlt, wenn der Film am selben Tag zurückging (ein Hoch auf die Pornokunden, die das Geschäft in Zeiten vor pornhub profitabel machten!).

    Zeit, meine Videothekenkarte rauszukramen, solange sie mir noch nützt. Social Distancing dürfte zwischen den Regalen ja kein Problem sein, wenn die meisten anderen Filmfans Netflix gucken.

    Webedia / Sebastian Gerdshikow
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