Leni Riefenstahl stellte ihr Talent während der Zeit des Dritten Reichs in den Dienst der Nationalsozialisten und ist deshalb eine der kontroversesten Figuren der deutschen Filmgeschichte. Aufgrund propagandistischer Werke wie „Der Sieg des Glaubens“ (1933) und „Triumph des Willens“ (1935) wird der Einfluss der Regisseurin nach Ende des Krieges häufig nur unter politischen Kriterien verhandelt. Riefenstahls bleibender Einfluss auf das Kino wird dabei oftmals ausgeblendet: Vor allem mit ihrem zweiteiligen „Olympia“-Film (1936-38) erweiterte die Regisseurin die Möglichkeiten des Erzählens und beeinflusst damit bis heute (Werbefilm-)Regisseure auf der ganzen Welt – David Bowie und Andy Warhol feierten Riefenstahl gar als „Pop-Mutti“.
Karriere als Solotänzerin
Die am 22. August 1902 in Berlin-Wedding geborene Leni Riefenstahl war von Kindesbeinen an sportlich aktiv und Mitglied in einem Schwimmklub sowie einem Turnverein. Nach ihrer mittleren Reife nahm sie Tanzunterricht mit dem Schwerpunkt Ausdruckstanz und Ballet, was vom autoritären Vater jedoch unterbunden wurde. An der Staatlichen Kunstgewerbeschule in Berlin studierte Riefenstahl für kurze Zeit Malerei, bevor der Vater sie ab 1919 in einem Pensionat im Harz unterbrachte, wo die junge Frau heimlich ihrer Leidenschaft des Tanzens nachging und in kleineren Theateraufführungen mitwirkte. Nach ihrer Rückkehr nach Berlin arbeitete Riefenstahl von 1920 bis 1923 als Sekretärin im Betrieb ihres Vaters, der ihr mittlerweile Tanzstunden an der Grimm-Reiter-Schule zugestand. So absolvierte Riefenstahl eine klassische Ballettausbildung und bestritt 1923 ihren ersten Soloauftritt in München – eine Deutschland-Tournee als Solotänzerin folgte. Die kurze Bühnenkarriere von Leni Riefenstahl endete jedoch bereits nach einem halben Jahr, nachdem sich die Tänzerin eine Bänderzerrung am Knie zugezogen hatte.
Erfolge als Schauspielerin
Nach einem Auftritt als Tänzerin in „Wege zu Kraft und Schönheit – Ein Film über moderne Körperkultur“ (1925) erhielt Leni Riefenstahl in „Der heilige Berg“ (1926) von Regisseur Arnold Fanck ihre erste Rolle in einem Kinofilm. Der Film prägte ihr typisches Rollenbild als Frau, die zwischen zwei Männern steht, und legte Riefenstahl zudem auf das damals überaus populäre Abenteuer- und Bergfilmgenre fest. Mit „Der große Sprung“ (1927), der ebenfalls von Arnold Fanck inszeniert wurde, etablierte sich Riefenstahl als eine der großen Gesichter für Bergfilme und legte 1928 mit „Das Schicksal derer von Habsburg“ nach. Im Jahr 1929 erreichte ihre Karriere mit dem Bergsteigerdrama „Die weiße Hölle vom Piz Palü“ von Arnold Fanck und Georg Wilhelm Pabst einen neuen Höhepunkt – der Film gilt heute als einer der letzten großen Stummfilme und feierte weltweit große Erfolge. Als Stammschauspielerin von Arnold Fanck trat Riefenstahl in der Folge in den Bergfilmen „Stürme über dem Mont Blanc“ (1930), „Der weiße Rausch – neue Wunder des Schneeschuhs“ (1931) und „SOS Eisberg“ (1933) auf. Daneben schrieb Riefenstahl Drehbücher und veröffentlichte Drehberichte zu ihrer Arbeit als Schauspielerin.
Reichsparteitagsfilme
Im Jahr 1931 gründete Leni Riefenstahl ihre eigene Produktionsfirma, mit der sie ihr Regiedebüt „Das blaue Licht“ (1932) auf den Weg brachte. Für das mit Laiendarstellern besetzte Drama übernahm Riefenstahl neben der Regie auch die Produktionsleitung sowie den Schnitt und gewann bei der Biennale in Venedig eine Silbermedaille. In der Folge dieses Erfolgs wurde Leni Riefenstahl von Adolf Hitler zur Reichsfilmregisseurin ernannt. Für das 1933 an die Macht gekommene Regime inszenierte sie den Propagandafilm „Sieg des Glaubens“ (1933), der Bilder vom 5. NSDAP-Parteitag zeigte. Als für das Regime problematisch erwies sich jedoch, dass der kurz darauf in Ungnade gefallene Ernst Röhm häufig mit Adolf Hitler im Bild zu sehen war, weswegen Leni Riefenstahl auch den 6. Parteitag der NSDAP filmte und zum Propagandafilm „Triumph des Willens“ (1934) montierte. Begleitet von einer beispiellosen Pressekampagne entfaltete der Film eine große Breitenwirkung, die durch die handwerkliche Raffinesse der Regisseurin noch forciert wurde: Durch innovative wie suggestive Montagetechniken erscheint Hitler im Film als übergroßer Führer des Volkes. Die Propagandaabteilung der NSDAP und Riefenstahl setzten dabei auf eine Emotionalisierung des Publikums durch aufwendige Massenchoreografien, die „Triumph des Willens“ sogar eine Auszeichnung als bester ausländischer Dokumentarfilm bei der Biennale in Venedig und eine Goldmedaille bei der Weltfachausstellung in Paris einbrachten. Mit „Tag der Freiheit – Unsere Wehrmacht“ (1935) setzte Riefenstahl auch der deutschen Wehrmacht ein filmisches Denkmal.
Olympische Spiele
Im Jahr 1933 wurde der Etat für die Austragung der Olympischen Spiele in Berlin von 5,5 auf 100 Millionen Reichsmark aufgestockt, denn Adolf Hitler und sein Propagandaminister Joseph Goebbels hatten die Chance zur groß angelegten Selbstinszenierung des Dritten Reichs in diesem Rahmen frühzeitig erkannt – und mit Leni Riefenstahl war auch die geeignete Regisseurin für eine Dokumentation des Schauspiels gefunden. In ihrem zweiteiligen Olympiafilm „Olympia – Fest der Völker“ und „Olympia – Fest der Schönheit“ (1936-38) setzte die ambitionierte Filmemacherin dann auch tatsächlich neue Maßstäbe für das Kino und gewann 1938 einen Goldenen Löwen in Venedig. Auf 800.000 Metern Filmmaterial zelebrierte Riefenstahl das Ideal des athletischen wie kämpferischen Körpers und inszenierte die Sportler – ganz im Sinne Hitlers – im Stile der Olympioniken der Antike. Mit Zeitlupen und Überblendungen, Halbtotalen und Froschperspektiven sowie einer treibenden Filmmusik schuf Riefenstahl bis dato ungesehene Bilder und nahm viele Innovationen im technischen Bereich vorweg. Bis heute sind ihre Olympiafilme maßgebend für Sportfilme und -reportagen. Dabei ging es in beiden Filmen nur vordergründig um Sport: Der Wettbewerb zwischen den Sportlern wurde von Riefenstahl ganz bewusst als erbitterter Kampf inszeniert und symbolisierte die Kriegsgebaren der NSDAP, wie sich nicht nur an den immer wieder im Bild platzierten Wehrmachtsoldaten und der Marschmusik ablesen lässt, sondern auch an Kommentaren wie: „Geschlossen kämpft Finnlands Streitmacht um die Spitze. Drei Läufer, ein Land, ein Wille!“
„Tiefland“
Zwischen 1940 und 1944 drehte Leni Riefenstahl mit „Tiefland“ erneut einen Spielfilm im Gebirgsumfeld, der jedoch erst 1954 zur Aufführung kam. Nach Kriegsende musste sich Riefenstahl mehrfach vor Gericht verantworten, weil für die Produktion von „Tiefland“ Zigeuner und Roma aus Konzentrationslagern als Statisten rekrutiert worden waren. Ihr Versprechen, das Wohlergehen der Sträflinge auch über die Produktionsphase hinaus zu sichern, hatte die Filmemacherin nicht eingehalten: die Statisten wurden nach Abschluss ihrer Szenen zurück in die Konzentrationslager geschickt und kamen dort in Scharen ums Leben. Eine Verurteilung von Leni Riefenstahl fand jedoch nie statt, da sie behauptete, vom Schicksal der Zigeuner nichts gewusst zu haben. Überhaupt stritt Riefenstahl zeit ihres Lebens eine Mitwisserschaft an den Verbrechen des Nazi-Regimes ab und betonte stets, für sie seien ihre Filme im Zentrum gestanden und sie habe dafür von der Regierung Hitlers lediglich die Rahmenbedingungen gestellt bekommen. Zwar wurde Riefenstahl trotz mehrerer Verhandlungen nie vor Gericht verurteilt, ihre Filme wurden nach dem Ende des Dritten Reichs jedoch mit Aufführungsverboten belegt und die Filmemacherin durfte keine weiteren Filme inszenieren.
Karriere als Fotografin
In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg machte sich Leni Riefenstahl stattdessen einen Namen als Fotografin. Bereits 1962 verbrachte sie sieben Wochen bei den Nuba, einem sudanesischen Ureinwohnerstamm, den sie fortan alle zwei Jahre besuchte. Im Jahr 1966 realisierte Riefenstahl die erste Fotoserie über die Nuba, die unter dem Titel „African Kingdom“ im amerikanischen Time-Life-Verlag und als Fotostrecke „Leni Riefenstahl fotografiert die Nuba – Was noch nie ein Weißer sah“ im „Stern“ veröffentlicht wurde. Nachdem Riefenstahl 1972 bei den Olympischen Spielen in München für die „Sunday Times“ fotografiert hatte, erschien 1973 ihr erfolgreicher Bildband „Die Nuba – Menschen wie vom anderen Stern“, der die Alltagsroutinen des Stammes aufzeigte. Eine weitere Fotostrecke im „Stern“ wurde 1975 als „Beste fotografische Leistung des Jahres“ mit der Goldmedaille des Art Directors Club Deutschland prämiert – darüber hinaus verschafften die Fotos der Ureinwohner Leni Riefenstahl in Europa, den USA und im Sudan ein hohes Ansehen als Fotografin. 1976 folgte der Bildband „Die Nuba von Kau“, der vor allem aus Portraitaufnahmen besteht sowie Zeremonien mit tanzenden Frauen zeigt, bevor 1982 der dritte und letzte Bildband „Mein Afrika“ erschien. Ihre Karriere als Fotografin setzte Leni Riefenstahl in den Folgejahren als Unterwasserfotografin fort; die Ergebnisse hielt sie in den Bildbänden „Korallengärten“ (1978) und „Wunder unter Wasser“ (1990) fest. Im Jahr 2002 folgte der 41-minütige Dokumentarfilm „Impressionen unter Wasser“ – die Dokumentation blieb die letzte Arbeit der im selben Jahr verstorbenen Riefenstahl.