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    Bierfest
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Bierfest
    Von Christoph Petersen

    Man sollte denken, dass Jay Chandrasekhars Säufer-Comedy „Bierfest“ eine jener Kinoerfahrungen sei, bei denen die Versuchsbedingungen für die Qualität des Films eine immanente Bedeutung haben. Man stelle sich eine reguläre Pressevorführung vor – ein überschaubarer Haufen schlaftrunkener Filmjournalisten hat sich aufgerafft, um sich wochentags um zehn Uhr morgens, an ein Glas leckeren Latte Macciato geklammert, eine Oktoberfest-Sauforgie reinzuziehen. Ein solches Unterfangen wäre ganz offensichtlich zum Scheitern verurteilt. Aber die Presseabteilung von Warner ist ja nicht doof und hat die Vorführung – inklusive Open-End-Freibier – in die Abendstunden gelegt. So konnte sich der Trunkenheitsgrad des Pressepublikums zwar noch nicht ganz mit dem der Profisäufer im Film messen, aber immerhin, ein feucht-fröhlicher Anfang war gemacht. Dumm nur, dass man sich so leider auch davon überzeugen konnte, dass „Bierfest“ selbst nach einem ausgiebigen Kneipenbesuch noch nicht so recht funktionieren will. Wo die erste Hälfte mit ihren superabsurden Einfällen ein krankes Gagfeuerwerk abfeuert, muss in der zweiten nämlich auch ein Publikum im Hochpromillebereich zahlreiche Längen und dramaturgische Mängel über sich ergehen lassen.

    Der Großvater (Donald Sutherland, An American Haunting) der Brüder Todd (Erik Stolhanske) und Jan Wolfhouse (Paul Soter) hat sich nichts sehnlicher gewünscht, als dass seine Asche nach seinem Tod auf dem Münchner Oktoberfest verstreut werden möge. Also machen sich die pflichtbewussten Enkel auf nach Deutschland, um den letzten Willen ihres Opas zu erfüllen und nebenbei auch noch den einen oder anderen Bierkrug zu leeren. Doch durch ein kleines Missgeschick ist plötzlich die Urne verschwunden und die beiden landen in einem Jahrhunderte alten Geheimclub, dem Bierfest. Hier saufen die verschiedensten Nationen um die Wette, bis sich nur noch eine von ihnen auf den Beinen halten kann. Nur die Amerikaner fehlen, “die würden ja eh nichts vertragen“. Kurzerhand springen Todd und Jan für ihre gedemütigte Nation ein und werden gnadenlos unter den Tisch gesoffen! Natürlich lässt ein aufrechter Ammi eine solch bittere Schmach nicht lange auf sich sitzen. Kaum wieder zu Hause angekommen, versammeln die beiden ein trinkfestes Team um sich, um im nächsten Jahr wieder – und diesmal erfolgreich – an der Olympiade der Biertrinker teilzunehmen…

    „Bierfest“ ist nach der Highschool-Comedy „Puddle Cruiser“, dem Polizistenklamauk „Supertroopers“ und der Horror-Parodie Club Mad bereits der vierte Kinofilm der Comedy-Truppe Broken Lizard, die einst als studentische Sketch-Gruppe noch an der Universität ihre ersten humorigen Stehversuche wagte. Dabei zeichnen sich ihre Film – zumindest in den guten Momenten – meist durch einen über alle Stränge schlagenden Humor aus, der jeglichen guten Geschmack oder herkömmliche Dramaturgien vermissen lässt. In dieser aberwitzigen Tradition stehen nun auch die ersten Minuten von „Bierfest“, in denen man, wenn man sich auf den hanebüchenen Witz einzulassen bereit ist, aus dem Lachen gar nicht mehr rauskommt. Wenn auf dem Oktoberfest eine Bedienung ins Stolpern gerät und dabei zig anderen großbusigen Kellnerinnen auf absolut dämliche Art und Weise die Oberteile vom Körper reißt, kommt dies schon fast einer Demontage aller halbseiden-offenherzigen Teen-Comedys gleich. Und wenn in den düsteren Kellerräumen, in denen das „Bierfest“ hinter geheimen Türen stattfindet, auf einmal Sado-Maso-Dark-Rooms und Männer mit Umschnalldildos auftauchen, die wie aus einem düsteren amerikanischen Schwulenporno entliehen scheinen, könnte man diese provokative Sicht auf Stoibers erzkonservatives Bayern durchaus auch als gelungen subversiv bezeichnen.

    Doch dann geht’s zurück in die USA und „Bierfest“ versucht sich daran, von nun an die Regeln und Klischees eines typischen Sportlerfilms aufs Korn zu nehmen. Was zunächst, wenn etwa der indische Stricher Barry (Regisseur Jay Chandrasekhar) rekrutiert werden soll, es dabei aber zur einen oder anderen Missverständigung kommt, noch recht belustigend ist, scheitert dann aber doch recht schnell daran, dass „“Bierfest“ im Endeffekt genau die Dramaturgie befolgt, die er eigentlich zu parodieren versucht. Und dies dann auch noch nicht einmal sonderlich gekonnt – sowohl die Gag- als auch die dazugehörige Trefferquote lassen merklich nach, die Handlung ist in etliche nebeneinander stehende, kaum aufeinander aufbauende Episoden zerlegt und sowieso ist hier zu vieles einfach zu normal. Erst zum Schluss, wenn es endlich zum großen Showdown-Saufen kommt (für den geneigten Partygänger gilt es, sich hier möglichst viele der teilweise wunderbar absurden Trinkspielideen abzugucken), kommt der Film wieder so richtig in die Gänge.

    Dennoch ist „Bierfest“ gerade für uns Deutsche nicht uninteressant. Zum einen können wir beweisen, wie toll wir auch über uns selber lachen können. Zum anderen ist es doch recht spannend, mit welchen Klischees und Stereotypen die eigene Nation im Humorrepertoire der restlichen Welt vertreten ist – man nehme nur den fiesen Bierbaron und das Schluckmonster Hansel, die passenderweise auch noch von den beiden Darstellern verkörpert werden, die im Ausland wohl für die Rohmodelle eines Deutschen stehen: Jürgen Prochnow (Das Boot, Heart Of America) und Ralf Moeller (Gladiator, The Scorpion King). Es hätten wahrlich keine 111 Minuten werden müssen, 90 hätten es doch auch – und zwar wesentlich besser – getan, aber seine gewissen Momente kann man „Bierfest“ nun auch wieder nicht gänzlich absprechen.

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