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Jazzclub - Der frühe Vogel fängt den Wurm
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Jazzclub - Der frühe Vogel fängt den Wurm
Von Carsten Baumgardt
Wenn es im deutschen Kino einen Prototyp für das Etikett „Geschmackssache“ gibt, dann ist dies der Mülheimer Anarcho-Komiker Helge Schneider. Das Multitalent, seines Zeichens Sänger, Regisseur, Buchautor, Musiker, Musical-Schreiber und Komiker, kehrt nach acht Jahren Leinwandabstinenz mit der Komödie „Jazzclub – Der frühe Vogel fängt den Wurm“ ins Kino zurück. Der Film ist ein typisches Schneider-Werk. Mit allerlei Absurditäten versucht der Regisseur, Autor und Hauptdarsteller erst gar nicht, die minimalistische Handlung zu kaschieren, sondern macht das gepflegte Nichts zum Programm. Das ist teils irrsinnig komisch, leider aber in einigen Passagen auch zu langatmig. „Jazzclub“ beweist wieder einmal, dass der Film nicht Schneiders größte Stärke ist. Die Fans der „Singenden Herrentorte“ werden trotzdem über weite Strecken ihre Freude haben, auch wenn mehr drin gewesen wäre.

Eine stringente Inhaltsangabe eines Helge-Schneider-Films wiederzugeben, kommt dem Unmöglichen gleich. Was bleibt, ist allenfalls eine Beschreibung des Gesehenen: Der passionierte Jazzmusiker Teddy Schu (Helge Schneider) hat es nicht leicht mit seiner Frau Jaqueline (Susanne Bredehöft). Die Ehe kriselt, sie ist stets froh, wenn er aus dem Haus ist. Und so schickt sie ihn zu allerlei Nebenjobs, die ihm einen ausgefüllten Tag bescheren. Um vier Uhr morgens geht’s los zum Zeitungsaustragen. Tagsüber arbeitet er als Fischverkäufer in einem Imbiss. Danach verdingt sich Teddy als Gigolo Rodriguez (mit spanischem Akzent) für die Agentur „Senora Fuck“. Abends frönt er dann seiner Leidenschaft, dem Jazz. Mit seinen Freunden Steinberg (Jimmy Woode) und Howard (Pete York) spielt er in einem heruntergekommenen, maroden Jazzclub. Leider ohne Bezahlung, da der Besitzer (Horst Mendroch) selbst kurz vor der Pleite steht. Ab und zu gibt es für die Jammer eine Pflaume als Entlohnung. Als der Clubboss stirbt, stehen die Drei vor dem Nichts. Vielleicht kann ihnen der Plattenproduzent Mies van de Kalb (Nico van Rijn) helfen, schließlich war er sehr angetan von ihrer Musik...

Der große, deutschlandweite Durchbruch gelang Helge Schneider 1993 als er mit seiner zweiten Kinohauptrolle (nach „Johnny Flash“, 1988) in „Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem“ (1,2 Millionen Besucher) auf dem Höhepunkt seines Erfolgs angekommen war. Dazu hatte er mit „Katzeklo“ einen echten Chartbreaker, der die Massen begeistern konnte, obwohl es längst nicht sein bester Song war. Die Tendenz bei den Nachfolge-Filmen „00 Schneider – Jagd auf Nihil Baxter“ (1994, 700.000 Besucher) und „Praxis Dr. Hasenbein“ (1997, 320.000 Besucher) war deutlich negativ. Das erkannte Schneider glücklicherweise und fuhr sein mediales Sperrfeuer erst einmal merklich zurück. Seit rund einem Jahr startet der Mülheimer wieder eine Großoffensive auf das Publikum. Nach dem gefeierten Musical „Mendy - Das Wusical“, das in Bochum aufgeführt wurde, gibt es nun einen neuen Roman („Aprikose, Banane, Erdbeer – Kommissar Schneider und die Satanskralle von Singapur“) sowie „Mendy" als Hörspiel-Adaption, wobei Schneider alle 27 Sprechrollen selbst übernimmt. Und als Höhepunkt des Comebacks läuft „Jazzclub – Der frühe Vogel fängt den Wurm“ in den Kinos.

Stilistisch ist alles beim alten und Schneider sich treu geblieben. Ein Drehbuch gab es sicherlich, das er zusammen mit Cutterin und Regieassistentin Andrea Schumacher schrieb, aber „ab dem ersten Drehtag habe ich mich nicht mehr danach gerichtet“, bekennt Schneider. Seine große Stärke liegt ohnehin in der Improvisation des Absurden. Und genau das zeichnet den Film in seinen besten Moment aus. In gemächlichem Tempo folgt die Kamera von Voxi Bärenklau Schneiders Aktionen als Teddy Schu auf der Leinwand. Er stapft zu einer Bushaltestelle, wartet gemeinsam mit seinen Jazzkumpanen Jimmy Woode und Pete York. Es passiert nichts. Minutenlang. Von dieser Sorte gibt es Dutzende von Szenen. Doch solange Schneider daran beteiligt ist, ist es dennoch immer witzig. Wenn er zu seiner regendurchfluteten Zeitungsaustrage-Odyssee aufbricht, ist das grandios komisch. Gegen das Wetter kämpfend versucht er, in Badelatschen und Regenmantel die zu nassen Klumpen (Schneider: „Was für ein Klumpatsch“) mutierten Zeitungen in die Briefkästen zu stopfen – das ist Schneider-Komik par excellence.

Zu kritisieren, dass „Jazzclub“ sämtliche Regeln des klassischen- wie Autorenfilms ignoriert, wäre so müßig wie sinnlos. Das einzige filmische Mittel, das er bewusst einsetzt, ist die Wiederholung. Die Aktionen auf der Leinwand drehen sich in schöner Regelmäßigkeit im Kreis. Stark wird der Film, wenn Schneider macht, was er kann. Er steht vor der Kamera und improvisiert. Das wollen seine Fans sehen und so haben sie ihren Spaß. Langeweile macht sich meist dann breit, wenn er seinen Nebenleuten zuviel Spielraum lässt. Denn keiner seiner Freunde, die wohl nur aus Gefälligkeit dabei sind, kann das Publikum fesseln. Der oft strapazierte Running Gag mit dem Obdachlosen (Peter Thoms), der zwei Meter Pflaster für zwei Mark verkauft, ist komplett unkomisch und somit überflüssig. Auch Jimmy Woode und Pete York erfüllen im Grunde keine Funktion und sind lediglich seine Spielpartner in Sachen Jazz. Das ist schließlich Schneiders große Leidenschaft neben dem Quatsch machen. Und so drängt sich der Verdacht auf, dass er in einigen Passagen einfach nur Musik machen wollte, ohne dass es der Story dient.

Die Dialoge sind knapp wie immer gehalten. Als Gigolo-Alter-Ego Rodriguez bekommt er einen Tee angeboten: „Ich trinke keinen Tee. Ich bin A-Tee-ist.“ Auf diesem Niveau bewegen sich die Dialoge. Genial? Schwachsinn? Wahrscheinlich eher genialer Schwachsinn („Einkaufen ist Zehnkaufen weniger Neunkaufen“). Zum Schluss wird Schneider seine Zuseher noch einmal richtig fordern. Das Ende („Hinterholz 8“ lässt grüßen) ist grandios abgefahren. In bessere, grüne Schlafanzüge gehüllte Außerirdische machen auf der Erde halt und bitten Teddy Schu und seine Gang, auf ihrem Planeten für gute Musik zu sorgen. Der Anführer (gespielt von Helge Schneider) spricht wie Udo Lindenberg, der zu „keine Panik“ rät, als das Raumschiff in gehörige Turbulenzen kommt. Auch der dicke Billardkönig (Andreas Kunze) soll sich keine Sorgen machen. Für ihn war kein Platz mehr, deshalb musste er auf dem Dachgepäckträger mitfliegen.

„Jazzclub – Der frühe Vogel fängt den Wurm“ wird das Publikum mit einem gewissen Selbstverständnis eines Schneider-Werks wie immer spalten. Wer mit Helge nichts anfangen kann, sollte den Film tunlichst meiden. Seine Anhänger werden mit diesem Absurditäten-Kabinett bis zu einem gewissen Grad auf ihre Kosten kommen, auch wenn zuviel Leerlauf geboten wird. Am besten ist Helge Schneider ohnehin auf der Bühne... Link-Tipp: CD Kritik „Helge Schneider - Mendy: Das Wusical"
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