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Polly Blue Eyes
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,5
enttäuschend
Polly Blue Eyes
Von Björn Helbig
Weniger wäre mehr gewesen: „Polly Blue Eyes“ ist ein unentschlossener Film, der zwischen Komödie, Gaunerfilm, Sozialportrait, Drama, Lovestory und purem Klamauk hin und her laviert, ohne Interesse an seinen Figuren zu zeigen und somit sein Potenzial in mehrfacher Hinsicht verschenkt.

Die junge Polly (Susanne Bormann) wird aus dem Gefängnis entlassen; sie träumt von einem ehrlichen Leben, einem Job, einer eigenen Wohnung und der großen Liebe. Doch das ist alles nicht so einfach: Erst erlebt sie bei ihrer Entlassung den Selbstmordversuch ihrer Zellengefährtin und Freundin Jale (Jana Pallaske) mit, die sich aus Liebeskummer – ihr Freund Sascha hat ihr einen bösen Brief geschrieben – die Pulsadern aufgeschnitten hat, und dann muss Polly, endlich in Freiheit, auch noch feststellen, dass ihre kriminelle Familie – ihr einfach gestrickter Vater Herbert (Ulrich Noethen) und ihre noch simplere Mutter Maria (Meret Becker) sowie die nymphomanische Schwester Susanne (Maxi Warwell) – nicht nur ihr Sparschein geplündert haben, sondern auch noch in die Fänge des zwielichtigen Ronny (Matthias Schweighöfer) geraten sind, der sie gerade zu einem Überfall auf einen Supermarkt überredet hat. Polly will da nicht mitmachen, schließlich möchte sie eine ehrbare Bürgerin werden. Sie verfolgt konsequent ihren Plan, besorgt sich einen Job bei einer Imbisskette, verliebt sich dort auch gleich in den Polizisten Stefan (Sebastian Ströbel) und das mit der Wohnung ist dank Stefans Hilfe dann auch kein Problem. Doch leider hat sich Ronny, der Gangster mehrerlei in den Kopf gesetzt: Polly bei dem Überfall dabei zu haben und Polly zu seiner Freundin zu machen…

Tomy Wiegands Film hat drei Handlungsebenen, die am Ende zusammenlaufen. Die erste wird zu Beginn angelegt: Polly verspricht ihrer Freundin Jale, deren Freund Sascha aufzusuchen, um herauszufinden, was dieser Brief, der Jales Selbstmordversuch ausgelöst hat, für eine Bedeutung hat. Insofern ist Polly den Film über in heilbringender Mission unterwegs, indem sie versucht, mit Sascha ein klärendes Gespräch zu führen. Dass der Zuschauer diesen Handlungsstrang kaum ernst nehmen kann, liegt auch an der tumben Blondinenkarikatur, Saschas neuer Freundin, die Polly regelmäßig abweist. Die zweite Handlungsebene hat mit Polly und ihrem eigenen Leben zu tun, ihrem Versuch, einen Job und eine Wohnung zu finden und vor allem ihrer Liebe zum Polizisten Stefan. Dass der „romantische“ Teil des Films scheitert, liegt nicht zuletzt an der stressigen Figur Polly, die es mit ihrer recht nervigen Art schwer haben dürfte, sich auf diesem Weg in die Herzen der Zuschauer zu spielen und ebenso wenig nachvollziehbar beim Charakter Stefan landen kann. Dass Susanne Bormann mehr kann, konnte sie in Liegen lernen, „Nachtgestalten“ u.a. bereits unter Beweis stellen. Die dritte Ebene des Films handelt von Pollys halbherzigen Versuchen, ihre Familie von dem Supermarktüberfall abzubringen und sich gleichzeitig Ronny vom Leibe zu halten. Das, was bei diesem Handlungsstrang hätte Spaß machen können, wäre der Konflikt zwischen Polly Zukunftsplänen und dem kriminellen Sog ihres Elternmilieus. Leider sind die Figuren ihrer Eltern zu übertrieben, sodass in vielen Szenen zwar mit mehr oder weniger guten Gags gepunktet werden kann (vor allem Ulrich Noethen, „Das Sams“, „Das Sams in Gefahr“, als Pollys Vater hinterlässt einen guten Eindruck), doch eine angemessene Auseinandersetzung des Konflikts findet nicht statt. Vielleicht war es Wigands Furcht, dass das Ernstnehmen seiner Figuren der komödiantischen Hauptlinie des Films zu wider laufen würde, doch es kann vermutet werden, dass gerade bei einer besseren Ausarbeitung der Figuren noch ein paar Lacher mehr drin gewesen wären.

Kurzum: Wigand scheitert mit „Polly Blue Eyes“ daran, dass er sich nicht entscheiden konnte, was er eigentlich will. So jedenfalls heben sich die verschiedenen Bereiche des Films auf. Der Humor funktioniert im Kontext der tragischen Momente nicht richtig und umgekehrt. Die verschiedenen Bereiche paralysieren sich sozusagen gegenseitig. Ärgerlich ist vor allem, dass Wiegand, der mit Das fliegende Klassenzimmer (2002) auch schon gezeigt hat, dass er es besser kann, sich nicht ausreichend für seine Figuren zu interessieren scheint, sodass diese blasse Karikaturen bleiben, deren Innenleben allzu oft für klamaukige Einlagen geopfert wird. Nicht, dass auf diesem Weg nicht der ein oder andere Witz gelingen würde, aber ein tieferes Interesse des Zuschauers an den Figuren und an der Geschichte wird so konsequent verhindert. Und das ist sehr schade, denn der Film hätte in mehrfacher Hinsicht Potenzial gehabt. Das Szenario von „Polly Blue Eyes“ ist nämlich gar nicht mal schlecht: Pollys Konflikt zwischen ihren Wünschen und ihrem Elternhaus hätte bei etwas mehr Sensibilität für eine äußerst witzige Milieustudie gereicht; ebenfalls hätte der Film einen guten Gaunerfilm abgeben können, wenn die Story noch einmal auf Logiklücken hin durchkämmt worden wäre.

Genauso wie zu viele Köche mitunter den Brei verderben, verdirbt ihn die übermäßige Benutzung von nicht zueinander passenden Gewürzen. „Polly Blue Eyes“ wollte zu viel sein und ist so leider nur ein unschmackhafter Mischmasch geworden.. Es ist nicht unmöglich, dass es der ein oder andere bei „Polly Blue Eyes“ durchaus schafft, ein paar mal zu schmunzeln. Wem das nicht reicht, sollte sein Geld lieber sparen.
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