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Das fünfte Element
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Das fünfte Element
Von Martin Soyka
Luc Besson ist so etwas wie der George Lucas Frankreichs. Nachdem er einige sehr erfolgreiche Filme gedreht hatte, trat er im Wesentlichen als Drehbuchautor und Produzent in Erscheinung. Berühmt geworden ist er durch hervorragend fotografierte Filme wie „Subway“, „Im Rausch der Tiefe“, „Nikita“ und den großartigen Léon - Der Profi. Mit diesem künstlerischen und kommerziellen Polster im Rücken machte er sich daran, sich einen Jugendtraum zu erfüllen: Nach eigenen Vorstellungen die Science-Fiction-Geschichte „Das fünfte Element“ zu verfilmen. Herausgekommen ist etwas ganz Wildes.

Korben Dallas (Bruce Willis), ehemaliger Elitekämpfer beim Militär, jobbt als Taxifahrer in einem Großstadtmoloch, das wir als New York City des Jahres 2214 vorgestellt bekommen. Die Erde hat sich in den letzten Jahrhunderten ganz schön verändert. Die Wolkenkratzer ragen so weit in den Himmel, dass auch der Verkehr in der Luft stattzufinden hat. Korben, jüngst geschieden, träumt von der perfekten Frau, während er sich in seinem nur als Wohnklo zu bezeichnenden Appartement bei einer - im wahrsten Sinne des Wortes - kurzen Zigarette entspannt. Wie es der Zufall (oder eher das Drehbuch) will, fällt ihm kurz darauf eine nahezu perfekte Frau (Milla Jovovich) in den Schoß (genauer: durchs Dach ins Taxi). Die spricht zwar keine verständliche Sprache (so viel zum Thema Perfektion), scheint aber seine Hilfe zu brauchen, denn augenscheinlich sind hinter ihr die Polizei, Armee und Gott weiß wer her. Dass sie mehr als spärlich bekleidet ist, hilft Korben bei seiner Entscheidung, der jungen Frau bei der Flucht zu helfen. Es stellt sich bald heraus, dass Leeloo (ihr richtige Name ist lang und unaussprechlich) nicht einfach nur eine knackige Braut ist, sondern gar ein höheres Wesen, das auf die Erde geschickt worden ist, um dem sich aus den Tiefen des Alls nähernden Bösen Einhalt zu gebieten. Wie das genau geschehen soll, ist nicht wirklich klar. Jedoch muss Korben seine neue Freundin flugs vor der Polizei, der Armee, abgedrehten Geistlichen (Ian Holm) und bösen Helfershelfern (Gary Oldman) verstecken. Die Wahrheit und Lösung der interplanetarischen Krise liegt aber nicht im Weltraum, wie zunächst angenommen, sondern in der Wüste Ägyptens…

Klingt abgedreht? Ist es! Eine wirklich sinnige Geschichte kann der Film nicht bieten. Da wird aus einem mikroskopisch kleinen DNS-Rest eine ganze Frau rekonstruiert - einschließlich Erinnerung und gefärbter Haare. Puzzelteile werden im Inneren (!) einer außerirdischen Opernsängerin (!!) versteckt, die günstiger Weise im richtigen Moment ihr Leben lässt. Da paktiert ein lächerlicher Schurke mit dem unsagbar Bösen und verschließt sich der Erkenntnis, dass bei dessen Sieg auch er nichts zu lachen hätte. Die Logik wird lustvoll über Bord geworfen. Macht aber irgendwie nichts, denn der Film hat Schauwerte, die ihresgleichen suchen und den Vergleich mit außereuropäischer Konkurrenz nicht zu scheuen brauchen.

Das Design der Stadt, in der Korben Dallas wohnt, ist ganz offensichtlich an Blade Runner angelehnt. Aber diesmal mit Licht und ohne allgegenwärtige Nebelschwaden. Sozusagen Blade Runner auf Drogen. Poppig bunt ist die Ausstattung, angefangen bei den Kostümen von Jean-Paul Gaultier bis hin zum Interieur der Wohnungen. Es macht Spaß anzusehen, wie man in Zukunft auf engstem Raum wohnen und dort die Betten machen wird. Dass die Filter der Zigaretten immer länger werden und dass ein Traumurlaub nicht etwa eine Kreuzfahrt in die Karibik darstellt, sondern ein gleichwertiger Trip zu den Sternen. Auch die Medien kriegen ihr Fett weg, steigt doch ein betont lächerlich gekleideter und erblondeter Radiomoderator (Chris Tucker) zum Superstar auf, der seine Show im Gehen abzieht und so schnell redet, dass sich erst beim dritten Durchhören erschließt, wie sinnfrei sein Gesülze eigentlich ist. Dass ihn der Held auf die gute alte Macho-Tour in die Schranken weist, ist lustig (und echt nötig).

Lustig ist insgesamt ein gutes Stichwort. Zwar ist „Das fünfte Element“ keine Komödie, trotzdem kommt man aus dem Schmunzeln nicht mehr heraus. Nach einem vergleichsweise ernsten Anfang in der Vergangenheit bietet die überdreht gezeichnete Zukunft genug Ansatzpunkte für den Zuschauer, sich am bis ins Lächerliche übersteigerten Abbild des Jetzt zu ergötzen. Auch in der Zukunft wird es McDonald´s geben. Allerdings nicht als „Drive-In“, sondern als „Fly-Trough“. Und scharf abbiegen kann man nicht nur nach rechts und links, sondern auch nach oben und unten. Ins Asia-Restaurant muss man nicht mehr gehen, es kommt zu einem nach Hause - und zwar vollständig. It´s fun, enjoy!

Mag man dem Drehbuch auch Logiklöcher von der Größe von Pezzibällen verzeihen, leistet es sich aber auch weniger entschuldbare Schwächen. Der in persona sichtbare und damit eigentliche Schurke Zorg (Oldman) ist nämlich irgendwie überhaupt nicht schurkig, sondern lächerlich. Auch die von ihm angeheuerten Söldner sind klasse gestaltet, aber so strunzdumm, dass man keinen Zweifel hat, dass der alte Recke Bruce Willis mit ihnen den „Nakatomi“ tanzen wird. Schließlich wird eine der goldenen Regeln des Actionfilms verletzt: der Held und der Schurke müssen die Sache am Ende unter sich ausmachen oder sich zumindest einmal begegnen. Daraus wird hier aber nichts. Wenn Gary Oldman auf dem zum Kriegsschauplatz gewordenen Kreuzfahrtschiff zum ersten Mal erscheint, ist Bruce gerade andernorts mit Herumballern beschäftigt. Beim zweiten Mal hat Willis längst gesiegt und die Heimreise angetreten. Oldman wird nicht vom Helden bezwungen, sondern von seiner eigenen Dummheit. Das wirkt schwach, zumal sich Oldman demonstrativ aufgerüstet hat.

Leeloo soll ein perfektes Wesen sein. So will es jedenfalls die Geschichte. Ob sie mit dem Model Milla Jovovich wirklich so gut besetzt ist, die zwar hübsch anzusehen ist, aber keineswegs göttlich erhaben oder gar übermäßig intelligent rüberkommt, darf bezweifelt werden. Besson hatte schon immer den Hang dazu, die tragenden weiblichen Rollen in seinen Filmen mit seinen momentanen Lebensgefährtinnen zu besetzen. Das funktionierte in „Nikita“ mit Anne Parillaud auch ganz hervorragend. Hier hätte man ihm aber eine bessere Nase bei der Auswahl der Hauptdarstellerin gewünscht. Hervorragend stimmig ist dagegen die Besetzung von Bruce Willis. Wieder einmal darf er das Unterhemd zeigen, das wir in „Stirb langsam“ lieben gelernt haben. Dass er sich die Haare blond färben musste, übersehen wir gerne. Und wenn er anfängt, mit den hundegesichtigen Schergen von Zorg aufzuräumen, sind wir voll dabei. Hier wirkt der Film wie eine Hommage und eine Karikatur sämtlicher Actionfilme gleichzeitig.

Punkten kann „Das fünfte Element“ außerdem mit einer vorzüglichen musikalischen Untermalung von Eric Serra (der für seine musikalische Untermalung von „Golden Eye“ ziemlich Prügel bezogen hatte). Das wird unter anderem in der Szene deutlich, in der eine blauhäutige extraterrestrische Opernsängerin ein Konzert gibt. Dies ist eine kitzelige Szene, denn wenn sie nicht funktioniert oder gar lächerlich wirkt, würde dies dem Film sehr schaden. Aber nein, das Ganze wirkt tatsächlich so großartig wie beabsichtigt, so dass man vom Gesehenen und Gehörten vollkommen in den Bann gezogen wird.

Dass es sich bei dem Film um ein europäisches Produkt handelt, ist ihm nicht anzusehen. Das Ergebnis erfüllt zwar nicht mehr ganz heutige Anforderungen an tricktechnische Perfektion, setzt aber für Europa Maßstäbe und muss sich unter keinem Gesichtspunkt hinter vergleichbaren US-Filmen verstecken. Der Film ist sogar konsequent auf amerikanisch gebürstet. Anders wäre das 80-Millionen-Dollar-Projekt wohl auch nicht zu stemmen gewesen, hätte Amerika, das traditionell chauvinistisch auf ausländische Filme reagiert, nicht als Markt zur Verfügung gestanden. So geht bei allem Witz und Schwung dem „Fünften Element“ auch der Charme des Französischen ab, den „Nikita“ vollumfänglich und „Leon“ immerhin in Gestalt des wunderbaren Jean Reno vorzuweisen hatten. Schade eigentlich. Verderben tut dies den Film aber nicht.

Insgesamt ist „Das fünfte Element“ etwas ganz Eigenes geworden. Gut konsumierbar, nicht unintelligent, witzig, schnell und mit ungeheuerer Chuzpe erzählt. Schade, dass man vom Regisseur Besson später - abgesehen von dem merkwürdig missratenen „Jeanne D´Arc“ - nichts mehr wahrgenommen hat. Zum Meisterwerk reicht es zwar nicht, wohl aber zu einem Abend mit Bier, Chips und gleich gesinnten Freunden. Und von solchen Filmen gibt es doch irgendwie viel zu wenig, oder?
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