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    Am Ende kommen Touristen
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Am Ende kommen Touristen
    Von René Schumacher
    Die Erwähnung des Namens „Oswiecim“ wird bei den meisten Leuten wenig auslösen. Und auch die Tatsache, dass es sich dabei um eine polnische Kleinstadt cirka 50 Kilometer entfernt von Krakau handelt, wird wohl eher mit Gleichgültigkeit zur Kenntnis genommen werden. Eishockey-Fans könnte vielleicht noch aufhorchen lassen, dass der dortige Eishockeyverein Unia Oswiecim immerhin von 1998 bis 2004 erstaunliche sieben Meisterschaften in Folge gewonnen hat. Aber sonst? Ganz anders ist es, wenn man den deutschen Namen der Stadt ausspricht: Auschwitz! In den in der Nähe der Stadt liegenden Vernichtungslagern wurden im Zweiten Weltkrieg über 1,5 Millionen Menschen getötet. Unter diesem Namen hat Oswiecim eine traurige Berühmtheit erlangt. Eine polnische Stadt, die den meisten nur unter ihrem deutschen Namen bekannt ist. Eine Stadt, in welcher der Grad zwischen Betroffenheit und Gedenkstätten-Tourismus schmal ist. In diesem Spannungsfeld erzählt Regisseur Robert Thalheim in seinem Debütfilm die ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen dem Zivildienstleistenden Sven (Alexander Fehling), der eigentlich nur ins Ausland wollte, sowie der in der Gedenkstätte arbeitenden, polnischen Dolmetscherin Ania (Barbara Wysocka). Mit „Am Ende kommen Touristen“ ist Thalheim ein starker, facettenreicher Film gelungen, ein Film über den Optimismus der Jugend im neuen Europa, über ihre Sehnsüchte und Ängste, über Toleranz und Respekt und nicht zuletzt eine kleine Liebeserklärung an eine Stadt, die ein Erbe verwalten muss, das sie nicht gewollt hat und trotzdem versucht, ihre Normalität zu wahren.

    Sven hatte sich alles so gut ausgerechnet: In Amsterdam wollte er seinen Zivildienst in einem Jugendzentrum ableisten; für ihn eine perfekte Verbindung zwischen Auslandserfahrung und der Möglichkeit, in dieser Zeit etwas Sinnvolles zu tun. Doch aufgrund einer kurzfristigen Absage seitens des Jugendzentrums findet er sich am Bahnhof der polnischen Kleinstadt Oswiecim wieder, um eine Stelle in der internationalen Jugendbegegnungsstätte im ehemaligen Auschwitz anzutreten. Die Eingewöhnung fällt dem jungen Mann sowohl beruflich als auch privat nicht leicht. Beruflich verfügt er zwar durchaus über Wissen um die Geschichte des Ortes, aber auch über eine gewisse Unbedarftheit und Naivität. Als Deutscher in Auschwitz zu arbeiten, so muss Sven bald erfahren, das bedeutet einen ständigen Slalomlauf zwischen Fettnäpfchen, Vorurteilen und Tabus. Dies wird ihm deutlich vor Augen geführt, als er den Auftrag bekommt, sich um den eigenwilligen KZ-Überlebenden Stanislaw Krzeminski (großartig: Ryszard Ronczewski) zu kümmern, der immer noch im Gästehaus neben der Gedenkstätte wohnt. Der alte Mann ist wenig begeistert über den bei ihm wohnenden deutschen Babysitter und macht Sven die Aufgabe nicht leicht. Eine Beschwerde Svens gegenüber seinem Chef Herrn Herold (Rainer Sellien) weist dieser mit der Begründung ab, dass Sven an diesem sensiblen Ort nicht einfach nur Zivi, sondern ein junger Deutscher mit einer besonderen Verantwortung unter den Augen der Weltöffentlichkeit sei. Zusätzlich zu den beruflichen Anfangsschwierigkeiten fällt es Sven privat schwer, Kontakte zu den einheimischen Jugendlichen herzustellen, da er über keine hinreichenden Sprachkenntnisse verfügt und diese sich gerne über den „deutschen (Zivil)Soldaten“ in Auschwitz lustig machen. Erst als Sven aufgrund der Querelen mit Krzeminski bei der jungen Dolmetscherin Ania (Barbara Wysocka) einzieht, die im Auschwitz-Birkenau-Museum arbeitet, eröffnet sich Sven eine Welt außerhalb der Gedenkstätte. Die beiden verlieben sich und mit Anias Hilfe und der ihres schwierigen Bruders Krzysztof (Pjotr Rogucki) wird Sven langsam in das Leben der polnischen Stadt hineingezogen. Unter diesen positiven Eindrücken fängt Sven auch an, Krzeminski mit anderen Augen zu sehen...

    In „Am Ende kommen Touristen“ verwebt Thalheim kunstvoll zahlreiche Geschichten zu einem Teppich, der passend zu den aktuellen Diskussionen das schwierige deutsch-polnische Verhältnis beleuchtet. Dabei bilden die Stadt Oswiecim und die Gedenkstätte Auschwitz einen Hintergrund, der symbolisch für die Gemeinsamkeiten, aber auch Gegensätze und Missverständnisse zwischen Deutschen und ihren polnischen Nachbarn steht. Es ist faszinierend anzusehen, wie konsequent Regisseur Thalheim diese Thematik umgesetzt hat. Gemeinsamkeiten und Gegensätze ziehen sich wie ein roter Faden durch alle Geschichten des Films. So haben Ania und Sven beide den Wunsch, das Europa außerhalb ihrer Landesgrenzen kennen zu lernen. Nur führt ihr gemeinsamer Wunsch sie in gegensätzliche Richtungen. Sven hat dieser Wunsch nach Osten gebracht, Ania will nach Westen gehen. Mit Krzeminski ergeht es Sven ähnlich. Dieser will nicht den Ort verlassen, an dem er die schlimmsten Jahre seines Lebens verbracht hat, was der junge Zivildienstleistende erst einmal überhaupt nicht begreifen kann. Doch als er anfängt, Krzeminskis Beweggründe zu verstehen und die beiden sich annähern, endet seine gut gemeinte Hilfe für den alten Mann nur darin, dass dieser gedemütigt wird. Es ist die Stärke von Thalheims Geschichte, dass man diese Aufzählung von Gemeinsamkeiten und Gegensätzen noch endlos fortführen könnte.

    Passend dazu hat er auch die Bilder gewählt. Wenn Sven und Ania eine romantische Fahrradtour bei strahlendem Sonnenschein machen, dabei links vom Weg sich grüne Wiesen mit schönen Feldblumen erstrecken und rechts der Lagerzaun des ehemaligen Vernichtungslagers, dann sind dies Bilder, die noch lange in Erinnerung bleiben. Thalheim hat zugunsten der Geschichte auf spektakuläre Kamerafahrten oder ähnliches verzichtet und die Optik realistisch gestaltet. Er hat technische Spielereien auch gar nicht nötig, der Ort strahlt eine Emotionalität aus, die man nicht noch unterstreichen muss.

    Auch bei der Besetzung hat er alles richtig gemacht. Alexander Fehling spielt einen Sven, der durchaus nicht immer sympathisch wirkt, aber dadurch gerade sehr lebensnah. Manchmal nimmt er sich vielleicht ein bisschen zu sehr zurück in seinem Spiel, aber dabei ist zu bedenken, dass der Film aus seiner Sicht erzählt wird und damit alle Charaktere erst durch den Umgang mit Sven eine Gestalt bekommen. Sven ist daher auch eine Art Projektionsfläche für die anderen Schauspieler, die in Dialogen mit Sven ihren Charakter entwickeln, weshalb sie zwangsläufig mehr Redeanteile haben. Barbara Wysocka spielt absolut glaubwürdig eine starke, selbstbewusste Ania, die für eine Jugend in Oswiecim steht, welche mit den Gegensätzen der Stadt aufgewachsen ist und sie verständlicherweise als eine Art Normalität empfindet. Aber den nachhaltigsten Eindruck hinterlässt Ryszard Ronczweski als Krzeminski, dessen Präsenz auf der Leinwand ungeheuer stark ist. Krzeminski muss gar nicht viel über die Zeit in Auschwitz erzählen, sein Gesicht, seine Körperhaltung, sein Gang sagen schon alles. Man nimmt ihm den KZ-Überlebenden auf Anhieb ab, der trotz der Gräueltaten, die ihm durch Deutsche widerfahren sind, immer noch am liebsten Musik des deutschsprachigen Komponisten Franz Schubert im Auto hört.

    Die Idee zu „Am Ende kommen die Touristen“ ist Regisseur Robert Thalheim quasi in den Schoß gefallen. Er selbst hat als Zivildienstleistender in der Pädagogischen Abteilung der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz gearbeitet. Obwohl die Geschichte rein fiktional und nicht autobiografisch, so merkt man seinem Film doch an, dass der Mann weiß, wovon er spricht. Thalheim ist in der deutschen Filmszene schon kein Unbekannter mehr, sein erster langer Spielfilm „Netto“ entstand noch während seines Studiums an der Hochschule für Film- und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg und gewann gleich bei der Berlinale 2005 in der Reihe „Perspektive Deutsches Kino“ den Jurypreis. Bei den Produzenten des Filmes fällt der Name von Hans-Christian Schmid auf. Dieser zählt im Moment zu den besten Regisseuren Deutschlands (23, Crazy, Lichter, Requiem) und wurde bei diesem Film zum ersten Mal als Produzent tätig, eine große Ehre für einen jungen Regisseur wie Thalheim und auch ein Indiz für das Potential seines Films. Dieses wurde auch von den Organisatoren der Filmfestspiele in Cannes gesehen, bei denen „Am Ende kommen Touristen“ in diesem Jahr in der Kategorie „un certain regard“ uraufgeführt wurde.

    Robert Thalheim bestätigt mit seinem einfühlsamen Liebesdrama „Am Ende kommen Touristen“ den Aufwärtstrend, den das deutsche Kino seit einiger Zeit zu verzeichnen hat. Es wäre seinem Film zu wünschen, dass er nach dem künstlerischen auch einen finanziellen Erfolg an den Kinokassen erreichen kann. Verdient hätte er es allemal.
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