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    Die Besucherin
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Die Besucherin
    Von Christian Horn
    Erstlings-Regisseure fallen oft dadurch auf, dass sie sich nur wenig zutrauen, sich in ihren Werken zu sehr an klassische Dramaturgien oder Vorbilder klammern und nicht den nötigen Mut zur Eigenständigkeit aufbringen. Aber es gibt auch Ausnahmen und „Die Besucherin“ von Lola Randl ist eine. Randl hat schon einige, zum Teil prämierte Kurzfilme gedreht und wagt mit ihrem Debütfilm, was sich nur wenige Filmemach trauen: Sie lässt den Zuschauer allein. Ihr Drama erklärt nichts, sondern beobachtet nur. Dass innere Wendungen der Protagonistin nicht ausbuchstabiert werden, lässt sich leicht als Schwäche angreifen. Dabei ist dieser Ansatz gerade die eigentliche Stärke des Films: Denn so wird der Beobachter gezwungen, sich ein eigenes Bild zu machen und aktiv mitzudenken. Kurzum: „Die Besucherin“ ist ein Film, auf den man sich einlassen muss.

    Agnes (Sylvana Krappatsch) ist um die Vierzig und eine erfolgreiche Radiologin mit eigener Praxis. Mit ihrem Mann Walter (André Jung) hat sie eine kleine Tochter und ein eigenes Haus. Eigentlich führt sie also ein Leben, um das sie viele beneiden würden. Ganz anders tickt hingegen ihre kleine Schwester Karola (Jule Böwe, Schwarze Schafe), die ohne Plan durchs Leben treibt. Als Karola Hals über Kopf nach Italien zu einem Geliebten reist, überlässt sie Agnes die Schlüssel zu der Wohnung eines Bekannten, in der sie Blumen gießen und den Wellensittich füttern soll. Agnes ist das zunächst gar nicht recht, aber recht bald wird die fremde Wohnung zu einer Art Rückzugsort für sie. Als sie dort auf den alleinstehenden Bruno (Samuel Finzi) trifft, entwickelt sich eine ganz eigenartige Affäre…

    Ein wenig erinnert das ganze Szenario an Montag kommen die Fenster von Ulrich Köhler. Hier wie da bricht eine Frau aus ihrem routinierten Alltag aus. Außerdem gibt es in „Die Besucherin“ eine Szene im Wald, die sehr an die Bilder aus Köhlers Film erinnert. Zudem haben beide Protagonistinnen kein wirkliches Ziel und keine handfeste Motivation. Agnes gibt sich eher dem Zufall hin, statt einen Plan für ihren Ausbruch zu entwerfen. Wo sie hin will, weiß sie offenbar selbst nicht so genau.

    Jedenfalls raus aus diesem Alltag! Zu Beginn skizziert der Film dies mittels der zwar üblichen, aber nichtsdestotrotz sehr eindrücklich Mitteln. Lange Autofahrten und belangloses Gerede aus dem Radio, eine kaputte Spülmaschine und viele kleine, sich stetig wiederholende Handlungen machen deutlich, dass in Agnes’ Leben die Spannung fehlt. „In Fischbach ist ein Baum umgefallen“, sagt Walter einmal zu ihr und die Praxisgehilfin lässt Agnes wissen: „Die Stimuli sind noch nicht angekommen.“ Als sie Agnes das erste Mal die fremde Wohnung besucht, findet sie den Wellensittich verhungert in seinem Käfig vor.

    Lola Randl erzählt von diesem Alltag vornehmlich mit Bildern und Stimmungen. Sie begeht nicht den Fehler, die Figuren alles aussprechen zu lassen. Es gibt ein Bild in „Die Besucherin“, an dem sich der Zuschauer ganz hervorragend orientieren kann: Agnes’ Tochter hat für die Schule einen Guckkasten gebaut und in einem alten Schuhkarton eine Miniaturwohnung mit Sofa und Tapete eingerichtet. Ein kleines Loch gibt den Blick auf das Innere frei und inmitten des kleinen Zimmers sitzt ein Käfer. Diese kafkaesk anmutende Situation bringt die Stimmung des Films auf den Punkt. Wie der Käfer erscheint auch Agnes in ihrem eigenen Leben deplatziert, wie reingesetzt eben. Und wie der Käfer hat auch sie die Orientierung verloren und wird von uns dabei beobachtet, wie sie herumirrt. Letztlich ist sie so etwas wie eine Besucherin in ihrem eigenen Leben.

    Sie ergibt sich den Avancen Brunos ohne Widerworte hin und es scheint gerade so, als würde die Affäre mit ihm ganz ohne ihr Zutun entstehen. Sie lässt es einfach mit sich passieren. Als sie merkt, dass sie doch wieder zurück in ihr altes Leben will, ist es bereits zu spät. Mit Bruno geht es nicht weiter und mit Walter auch nicht, in ihrem neuen Leben findet sie sich nicht zurecht und in ihrem alten auch nicht mehr.

    Mit „Die Besucherin“ hat Lola Randl ein stilles, unaufgeregtes Drama inszeniert, ein Psychogramm, das stellenweise wie ein Krimi funktioniert. Gegen Ende zerfasert die Handlung leider ein wenig, weil zu viele Stränge zu Ende erzählt werden wollen. Hier büßt Randls Inszenierung ein wenig an Klarheit ein. Dennoch ist ihr mit „Die Besucherin“ ein beachtliches Debüt gelungen. Die junge Regisseurin erzählt sehr filmisch und kann sich dabei ganz auf ihr hervorragendes Ensemble verlassen – insbesondere Sylvana Krappatsch liefert eine Glanzleistung. Allenfalls die Masse der Ideen und Motive deutet darauf hin, dass Randl hier ihren ersten Film gemacht hat. Man spürt eben regelrecht die Energie, mit der sie dieses Projekt umgesetzt hat. Der rote Faden fehlt zwar stellenweise, aber es ist eine bezeichnende Eigenschaft des Films, dass man am Ball bleibt und ihn immer wieder sucht, weil man das Puzzle unbedingt zusammen setzen will.
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