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    Freischwimmer
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Freischwimmer
    Von Christian Schön
    Während der Schulzeit bekommt bestimmt jeder einmal, in der Absicht, die Motivation für die trockene Materie zu steigern, den Satz zu hören: „Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir!“ Trotzdem erscheinen viele Dinge, die man in der Schule zu hören bekommt, vollkommen nutzlos. Während der letzten großen gesellschaftlichen Revolution – der 68er – wurde auch das Schulwesen einer radikalen Kritik unterzogen. Seitdem hat sich sicher vieles zum Besseren verändert. Um die Wissensvermittlung den Heranwachsenden schmackhafter zu machen, entwickelte sich ein etwas spielerischerer Umgang mit den Inhalten. Der große Vorläufer dafür ist schon früher ausgebildet worden. Bereits im bürgerlichen Trauerspiel oder im epischen Theater wurde die Theaterbühne als „moralische Anstalt“, also als Besserungs- oder Erziehungseinrichtung, für die Zuschauer begriffen. Aber auch in anderen Genres findet sich die Idee. So versuchen Kalendergeschichte und Märchen oft mit einer Moral aufzuwarten, die von den Lesern durch den Konsum erlernt wird. Es scheint also einen tiefen Zusammenhang zwischen Formen des Erzählens und Formen der Vermittlung von Wissen, Moral, oder Ähnlichem zu geben. Wo anders als rund um eine Schule sollte eine Filmhandlung verortet sein, der so etwas im Sinn hat. Andreas Kleinerts „Freischwimmer“ erzählt die eigentümliche Geschichte des Schülers Rico Bartsch des Kafka-Gymnasiums. Dabei ist der Name der Schule Programm. Der leicht überladene, sechste Kinofilm Kleinerts lässt seine Zuschauer verstört und, was die Moral von der Geschicht’ betrifft, etwas ratlos im Kinosessel zurück.

    In einer kleinen träumerischen Stadt befindet sich das Kafka-Gymnasium. Dort geht Rico Bartsch (Frederick Lau) zur Schule. Er ist recht erfolglos und zudem durch eine Schädigung seines Gehörs beeinträchtigt. Sowohl bei den Mädchen als auch im Schwimmunterricht ist ihm sein Rivale Robert (Philipp Danne) überlegen. Erschwerend hinzu kommt der Umstand, dass Robert mit der Angebeteten Ricos, Regine Weyler (Alice Dwyer), zusammen ist. Doch eines Tages hängt an Ricos Spind eine Tüte, in der ein Liebesknochen steckt. Als Robert sich diesen mit dem Recht des Stärkeren aneignet und verzehrt, stirbt er kurz darauf an dem vergifteten Gebäck. Dieses Ereignis bringt alles durcheinander, obwohl eine richtige Suche nach dem Mörder erst gar nicht eingeleitet wird. Rico geht nach dem Vorfall zunächst nicht mehr in die Schule. Seine Mutter (Dagmar Manzel), die nach dem mysteriösen Tod ihres Mannes mit dem Sportlehrer Richard Sammer (Devid Striesow) zusammenlebt, gewährt ihrem Sohn diese Sonderbehandlung. Damit er mit dem Schulstoff nicht ins Hintertreffen gerät, verschafft sich Rico Privatstunden bei seinem Lieblingslehrer – dem Deutschlehrer Martin Wegner (August Diel). Dieser wiederum wird zugleich von der Musiklehrerin Michaela Rammelow (Fritzi Haberlandt) umworben. Wegener zeigt sich dabei als recht verschrobener Kauz, der die Einsamkeit vorzieht, weil er gerade mit einer großen Arbeit über die „Stille“ beschäftigt ist. Der Unterricht von Rico, der ohne Hörgerät in der Stille lebt, übt jedoch einen Reiz auf ihn aus. Als die beiden Vertrauen zueinander gewinnen, nimmt der Privatunterricht ganz besondere Formen an…

    Die Handlung von „Freischwimmer“ ist überaus verstrickt. Jede der Figuren hat eine sprichwörtliche Leiche im Keller. Jeder hat ein Motiv und ist verdächtig. Oft geben Kleinigkeiten Anlass zu neuen Spekulationen. So ist die Mutter von Rico Besitzerin einer Apotheke. Mit ihrem neuen Lebensgefährten, dem Sportlehrer Richard, läuft es zumeist nicht ganz reibungslos. Rico sträubt sich, ihn als neue Vaterfigur anzuerkennen. Als Rico dann noch permanent im Schwimmunterricht versagt, und es nicht einmal schafft, für das Freischwimmerabzeichen seine 30 Meter zu tauchen, verkommt er in den Augen von Richard zum Versager. Nichts wäre für Richard plausibler, als sich in der Apotheke zu bedienen und Rico ein geeignetes „Geschenk“ zu machen. Einer glücklichen Beziehung mit Mutter Anita stände nach der Beseitigung Ricos nichts mehr im Wege. Wie der „Zufall“ so will, ist jedoch die Freundin des ermordeten Richard die Tochter der Bäckerei, die die Liebesknochen anbietet. Auch sie, der die Avancen von Rico auf die Nerven gehen, hätte ein passendes Motiv. So könnte man für jede Figur eine passende Gleichung aufstellen, die als Opfer entweder Rico oder Richard hätte. Mit der zunehmenden Verdichtung des Geschehens nehmen Situationen überhand, die nur unzureichend mit dem Adjektiv „surreal“ beschrieben wären. Vielmehr gerät alles in eine Schieflage, die die Geschichte aus den Angeln der Realität hebt.

    Wer von diesem Punkt aus versucht, „Freischwimmer“ einem gängigen Genre zuzuordnen, stößt auf gewisse Schwierigkeiten. Ähnlich wie auf der Handlungsebene, vermischen sich auch hier die verschiedenen Gattungstypen zu einem eigentümlichen Mix. Der Kriminalfall erscheint an der Oberfläche und ist zugleich ein wichtiger Motor, der die Handlung immer in Gang hält. Hinzu mischen sich die komischen Elemente, die zum ersten Mal in so deutlicher Form in das Schaffen von Andreas Kleinerts Eingang finden. Durch den hohen Anspielungsreichtum, den der Plot liefert, gelingen hier immer wieder grandiose Lacher, die sich allerdings schnell verflüchtigen, wenn man sich im nächsten Moment sozusagen im nächsten Genre befindet. Wie schon angedeutet, versucht Kleinert auch eine Nähe zu Kafka zu erzeugen, was er unter anderem durch viele schräge Motive umsetzen will. Die Jagd des Schuldirektors auf ein Rehkitz in einer Sparkassenfiliale ist nur eine von vielen solcher kafkaesken Einbruchstellen. Zu guter Letzt stellt sich der Film immer wieder als Modell für ein irgendwie geartetes Anderes dar. Solche Vergleiche (Modell/Wirklichkeit, Fiktion/Realität) finden sich ebenso häufig in der Filmhandlung wieder. Sei es das Eisenbahnmodell von Rico, das er als Modell der Kleinstadt, in der er lebt, konzipiert hat, oder in der Puppenmanie von Deutschlehrer Wegner – die Analogie taucht ständig auf. Mit all den negativen Vorzeichen, die das tragische Geschehen vorgibt, ließe sich „Freischwimmer“ als eine Art Antimärchen bezeichnen.

    Das Stichwort des Märchens gibt die maßgebliche Folie vor, anhand der die Bildästhetik entwickelt wurde. Bilder und Musik verraten eigentlich von der ersten Sekunde an, dass hier etwas Sonderbares gezeigt wird. An seinen Höhepunkten wartet „Freischwimmer“ optisch mit richtigen Highlights auf. Die Wahl der Drehorte, die Lichtstimmung und die blau-grünliche Einfärbung entrücken vor allem die Szenen rund um das im Wald isolierte Haus des Deutschlehrers in eine märchenhafte Sphäre. Konterkariert wird diese Strategie lediglich durch einzelne Figuren. Frederic Lau (Die Welle, Bergkristall) als Rico wirkt etwas spröde und schafft es nicht so recht, sich in die Atmosphäre des Films einzufinden. Ähnliches gilt für das Lehrerpärchen, das von August Diel (Lichter, 23, Nichts als Gespenster) und Fritzi Haberlandt (Nichts als Gespenster, Liegen lernen) verkörpert wird. Die beiden Rollen wirken derart überzogen, dass man ihre Funktion nur schwer erraten kann. Als bloße Grotesken, was sie im Wesentlichen sind, geben sie in den Hauptrollen leider zu wenig her. Einen Ausgleich dazu findet man in ausgezeichnet besetzten wie gespielten Nebenrollen. Traute Hoess (Lili Marleen, „Sonnenallee“), Devid Striesow (Yella, Lichter) und Jürgen Tarrach (Silentium, „Die Musterknaben“), die allesamt sowohl auf eine lange Erfahrung vor der Kamera und auf der Theaterbühne zurückblicken können, machen einen großen Teil des Charmes aus, der von „Freischwimmer“ ausgeht.

    Was die Dichte der Anspielungen in „Freischwimmer“ betrifft, so wird hier manchmal mit dem Hammer, anstatt mit dem Zeigestock unterrichtet. Irgendwann ist klar, dass alles einen Modellcharakter haben soll, der auf etwas Anderes verweist, ohne dass es richtig greifbar wird. Ebenso wird der Kafkabezug andauernd an prominenten Stellen ins Gedächtnis gerufen. So gut diese Einfälle auch sein mögen, so sehr erschöpft sich der Gedanke aber schnell. Denn bereits nach der zweiten Wiederholung wird klar, dass wenig hinter den Konzepten steckt und diese verurteilt sind zum Selbstzweck zu verkommen. Wer sich für einen Besuch von „Freischwimmer“ entschließt, kann auf jeden Fall sicher sein, dass er einen Film der anderen Art sehen wird, der viele Ecken und Kanten hat, an denen man sich stoßen kann. Die optisch überzeugende Verquickung aus Antimärchen, Mordfall und Komödie stellt eine interessante Kombination dar, die aber bestimmt nicht jedermanns Sache sein dürfte.
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