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    Die wilden Hühner und das Leben
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Die wilden Hühner und das Leben
    Von Andreas Staben
    Für Fortsetzungen gelten im Kino ganz besondere Regeln und Erwartungen. Einerseits soll Bewährtes aufgegriffen und an Vertrautes angeknüpft werden, zum anderen gilt es, eigene Akzente zu setzen und auch neuen Zuschauern den Zugang möglichst leicht zu machen. Die Ausgangslage wird noch komplizierter, wenn die Filmreihe auf einer erfolgreichen Buchserie basiert und sich in erster Linie an junge Zuschauer richtet. Die Macher des Jugendfilms „Die Wilden Hühner und das Leben“ sahen sich in dieser Hinsicht mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert. Natürlich muss sich der neueste und letzte Beitrag aus der Reihe an seinen Vorgängern messen lassen – angesichts eines hervorragenden ersten Teils und der sogar noch besseren Fortsetzung sicher keine leichte Aufgabe. Hinzu kommt noch, dass die Bücher, die Bestsellerautorin Cornelia Funke (Tintenherz, Der Herr der Diebe) über die Erlebnisse von Sprotte und ihren Freundinnen verfasste, in Die Wilden Hühner und in Die Wilden Hühner und die Liebe bereits im Wesentlichen verarbeitet wurden. Es galt also, eine weitgehend neue Geschichte für die bekannten Figuren zu entwickeln, wobei Funke immerhin wieder beratend zur Seite stand. Das bewährte Team um Regisseurin Vivian Naefe sowie das Produzenten-Duo Uschi Reich und Peter Zenk (Das fliegende Klassenzimmer) musste zudem einen Wechsel in der ansonsten vollständig vertretenen Stammbesetzung vornehmen. Diese Veränderungen schlagen sich in „Die Wilden Hühner und das Leben“ unverkennbar nieder. Der Handlungsverlauf ist gelegentlich etwas holprig, vereinzelt schleichen sich auch Misstöne und Oberflächlichkeiten ein, die gerade im Vergleich zur emotionalen Wahrhaftigkeit und erzählerischen Dichte von „Die Wilden Hühner und die Liebe“ unangenehm auffallen. Aber die Trilogie wird mit einem bittersüßen Film über die Unvermeidlichkeit von Veränderungen, über das Abschiednehmen und das Erwachsenwerden dennoch würdig abgeschlossen.

    Es hat sich einiges getan seit der Aufführung des „Sommernachtstraums“ am Ende des zweiten „Wilde Hühner“-Films. Wilma (Jette Hering) konzentriert sich ganz auf ihre schauspielerischen Ambitionen, während Trude (Zsa Zsa Inci Bürkle) mit Steve (Philip Wiegratz, Charlie und die Schokoladenfabrik) flirtet und Frieda (Lucie Hollmann, Mein Freund aus Faro) mit familiären Problemen zu kämpfen hat. Melanie (Sonja Gerhardt) wiederum verhält sich verschlossen und abweisend. Sie lässt weder Willi (Vincent Redetzki) noch die anderen „Hühner“ an sich heran. Sprotte (Michelle von Treuberg) und Fred (Jeremy Mockridge) können immerhin bereits auf zwei gemeinsame Jahre zurückblicken. Doch ausgerechnet zum Jubiläum kommt es zu Verstimmungen. Gemischte Vorzeichen für die Klassenfahrt der 9a, bei der neben den Lehrern Frau Rose (Jessica Schwarz, Buddenbrooks, Das Parfum) und Herr Grünbaum (Benno Fürmann, Jerichow, Nordwand) auch Sprottes Mutter Sybille (Veronica Ferres, Rossini) als Busfahrerin mit von der Partie ist. Die Jugendherberge in einem Schloss mitten in der Natur wird zum Schauplatz von Krisen, Eifersüchteleien und anderen Turbulenzen. Die Bandenehre der Mädchen wird von drei hartnäckigen Viertklässlerinnen, die ihnen als „Die Wilden Küken“ nacheifern, noch einmal herausgefordert, ehe es gilt Abschied zu nehmen.

    Die auf den ersten Blick auffälligste Veränderung gegenüber den ersten beiden „Wilde Hühner“-Filmen ist die Neubesetzung von Melanie. Paula Riemann, die die Rolle bisher spielte, stand für den dritten Teil nicht mehr zur Verfügung und wurde durch Sonja Gerhardt (Sommer) ersetzt. Diese Wahl erweist sich als etwas unglücklich, unterscheidet sich die Neue doch nicht nur in der ganzen Art ihres Auftretens von Riemann, sondern wirkt äußerlich auch spürbar älter als die anderen Mädchen. Zugleich muss sie zu allem Überfluss das unreifste Verhalten an den Tag legen. Beim Versuch, gegen die Bilder in den Köpfen der Stammzuschauer anzuspielen, steht Gerhardt angesichts ihres schlecht geschriebenen Handlungsstrangs auf verlorenem Posten. Andererseits spiegelt ihr Status als Neuling in einer eingespielten Gruppe die Situation Melanies im Film, die sich als Fremdkörper fühlt und um die Aufmerksamkeit der anderen ringt. Diese reizvolle Doppelbödigkeit kommt auch auf einer anderen Ebene zum Tragen. Wer diesen Film ohne jede Erfahrung mit den „Wilden Hühnern“ anschaut, wird sich nicht grundsätzlich an der Erscheinung Melanies stören können. Aber wenn die Unterfütterung durch die ersten Teile und die Vertrautheit mit den Figuren wegfallen, dann fehlt dem Abschluss der Reihe die Tiefendimension, die gerade im Bezug auf die zentralen Themen von „Die Wilden Hühner und das Leben“ so wichtig ist.

    Auch in „Die Wilden Hühner und das Leben“ geht es um die Dinge, die Teenager besonders beschäftigen. Kreiste der Vorgängerfilm vor zwei Jahren noch um die ersten amourösen Regungen der Heranwachsenden, stehen die älter gewordenen Protagonisten nun zögerlich an der Schwelle des Erwachsenenlebens. Die Schwierigkeit dieses Übergangs ist in vielen Details treffend eingefangen, allerdings ist der Umgang mit einem ernsten Thema wie einer Teenagerschwangerschaft sehr schematisch und oberflächlich geraten. Ein wenig Rumdrucksen in der Apotheke beim Kauf des Schwangerschaftstest und fröhliche Pläne einer der Freundinnen, Babykleidung zu stricken, werden der Komplexität der Situation nicht gerecht. Hier fehlt leider die Einfühlsamkeit, mit der das Thema Homosexualität in Die Wilden Hühner und die Liebe behandelt wurde, das im neuen Film keinen Platz mehr hat. Die genau getroffenen Zwischentöne und die Unaufgeregtheit des Erzählens, die die ersten beiden Filme so echt und natürlich wirken ließen, bleiben hier manches Mal auf der Strecke. Mit der Schwangerschafts-Krise wirkt eine wichtige Säule der Handlung konstruiert, andere Defizite zeigen sich eher punktuell. Vor allem die Dialoge der Jungen sind nicht immer überzeugend formuliert, einzelne Szenen sind einseitig umgesetzt. So wirkt Freds Drängen auf den ersten Sex beispielsweise durch die plumpen Worte selbstsüchtiger und aggressiver als nötig wäre. Es mag sein, dass Jungs in der Regel unreifer sind als Mädchen, ihre Nöte damit kommen hier aber ein wenig kurz.

    Allen Einschränkungen zum Trotz ist „Die Wilden Hühner und das Leben“ dem durchschnittlichen an das jugendliche Publikum gerichteten Film immer noch deutlich überlegen. Vor allem die Zeichnung und Darstellung der Hauptfigur Sprotte, die mit Eifersucht und Überforderung kämpfend einen Reifeprozess durchläuft, sorgt dafür. Dies ist zugleich der krönende Abschluss eines über die drei Filme entwickelten facettenreichen Porträts. Auch das Zusammenspiel der jungen Schauspieler ist weiterhin von der Selbstverständlichkeit fernab jeder Überhöhung geprägt, die diese Leinwandfreundschaften so besonders gemacht hat. Wenn die „Wilden Hühner“ am Ende übereinkommen, die Bande aufzulösen und ihr Erbe an die „Küken“ weitergeben, dann ist dieser Schritt nicht zuletzt deshalb äußerst berührend. Die Erinnerungen, die die meisten Abschiede so schwer machen, markieren nicht nur das Erwachsenwerden der Mädchen, sondern auch das Ende eines gemeinsam mit den Zuschauern zurückgelegten Weges.
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