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Dead Snow
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Dead Snow
Von Jan Hamm
Was wäre das Horror-Genre ohne seine Zombies? Sie gehören nicht nur zum Inventar, sie sind absoluter Kult. In jedem gut sortierten Buchgeschäft finden sich inzwischen Ratgeber zum artgerechten Umgang mit den stinkenden Untoten, seit Shaun Of The Dead und Fido haben sie sich gar in die Riege exotischer Haustiere eingereiht. Ihre steile Filmkarriere begannen sie einst als Allegorie auf gesellschaftliche Verheerungen, etwa in Die Nacht der lebenden Toten, wo George Romero sie sinnbildlich als fauliges Opferheer des Vietnamkrieges ins amerikanische Kernland zurückmarschieren ließ. Und die Geschichte reicht noch weiter zurück: Ursprünglich entstammt der Zombie-Mythos der afrikanischen Voodoo-Kultur und bezeichnet magisch dienstbar gemachte Scheintote. Mit „Dead Snow“ weist sich der Norweger Tommy Wirkola nun als ausgewiesener Fachmann für die Zombiehistorie aus. In der wüsten Splatter-Komödie von und für Fans findet sich einfach alles, was die muffigen Pappenheimer so zu bieten haben: Horror, Gleichnis und Spaß. Auch wenn Wirkola dabei selten über bloße Zitate hinauskommt und der Film kaum mehr als eine Genre-Revue ist, wartet „Dead Snow“ doch mit einem extrem hohen Partyfaktor auf.

Eine Gruppe Medizinstudenten macht sich auf die Socken, um ihre Ferien in den norwegischen Bergen zu verleben. Während die Truppe das winterliche Panorama genießt, eilt Vegard (Lasse Valdal) mit seinem Snowbike voraus, um die Hütte schon mal auf Vordermann zu bringen. Kaum angekommen, treffen die Youngster auf einen alten Wanderer (Bjørn Sundquist), der eine grimmige Warnung ausspricht: Einst dienten die Berge der marodierenden, vom gefürchteten General Herzog (Ørjan Gamst) angeführten SS-Truppe „Einsatz“ als Zuflucht. Als das Treiben der Nazis der Lokalbevölkerung zu bunt wurde, nahmen sie Heugabel und Fackel in die Hand und vertrieben die Besatzer in die verschneiten Berge - einem eisigen Tod entgegen. Seitdem ist das Gebirge verflucht, so die Mahnung. Die partygeilen Twens lachen den Alten aus und scheren sich nicht weiter um seine Warnung. Als Vegard auf der Suche nach seiner vermissten Freundin Sara (Ane Dahl Torp) über die verstümmelte Leiche des Wanderers stolpert, wird ihm schlagartig bewusst, dass die Schauergeschichte keinesfalls bloß ein Märchen war und dass seine Kommilitonen in höchster Lebensgefahr schweben...

Wenn fast ein ganzes Volk schlafwandelnd hinter einem irrsinnigen Schlächter herwankt, sich menschenverachtendes Gedankengut einem Virus gleich ausbreitet und die teuflische Maschinerie sich wie besessen am Niedergang ihrer Opfer labt – dann sind entweder Nazis oder Zombies am Werk. Oder beides zugleich. Angelehnt an die Naziploitation-Filme der 70er Jahre (SS Experiment Love Camp) macht „Dead Snow“ seine liebevoll trashige Stoßrichtung bereits mit dem Zombie-Design glasklar. Die vergammelten SS-Uniformen und Hakenkreuz-Armbinden sind dabei mehr als morbides Beiwerk. Somnambulanter Gehorsam, unreflektierter Blutrausch und der blinde Marsch in den Klingen- und Kugelhagel der wehrhaften Opponenten – „Dead Snow“ deckt zugleich faschistische Strukturen und den Voodoo-Mythos des gefügigen Dieners ab. Hier ist es kein fehlgeschlagenes Experiment, das zur untoten Plage führt, sondern bloß die schiere Bestialität der Nazi-Truppe. Dass Wirkola seine Zombies nebenher noch nach einer verfluchten Goldtruhe jagen lässt, erinnert an die Gruselpiraten aus Fluch der Karibik und stellt faschistische Plündermentalität als geistloses Treiben bloß. Das erreicht zwar zu keinem Zeitpunkt die Subtilität eines Romero oder die scharfen Konturen von Danny Boyles 28 Days Later. Doch darauf kommt es „Dead Snow“ ohnehin nicht an.

Die eigentliche Stärke von „Dead Snow“ ist das fröhliche Schlachtfest in der zweiten Filmhälfte. Der Streifen wütet quer durch die jüngere Horrorgeschichte und beschert seinem Publikum Gore à la carte. Wirkola kennt seine Vorbilder und huldigt ihnen ausgiebig. Seit Scream gehört es zum guten Ton jedes ironischen Schlachtfestes, die ebenso bewanderten Protagonisten über die Gefahren schwadronieren zu lassen, denen sie später dann doch zum Opfer fallen. Dabei darf das blonde Naivchen genauso wenig fehlen, wie der moppelige Filmgeek, der stilecht ein Braindead-Shirt trägt. Wer A sagt, muss auch B sagen – und so taucht auch der berühmte Rasenmäher aus Peter Jacksons Splatter-Kulthit hier in Form eines zweckentfremdeten Snowbikes wieder auf. Ebenso pflichtbewusst zitiert Wirkola Sam Raimis Tanz der Teufel 2 und lässt seine Truppe - untermalt von norwegischem Schlager - wie einst Bruce Campbell mit einer Kettensäge gegen die Zombiefront ziehen.

Bei so viel Horror-Metatext verwundert es, dass Wirkola die erste Filmhälfte doch nur als herkömmlichen Gruselstreifen inszeniert. Trotz bemühter Ironie folgt die Dramaturgie jeglichen Genregesetzen. Bis es endlich ans Eingemachte geht, durchlebt „Dead Snow“ erhebliche Längen. Der aus dem Nichts auftauchende Alte, der vor der Gefahr aus den Bergen warnt, ist dann der Erste, der ihnen erliegt, als ob er sich selbst keinen Augenblick lang zugehört hätte. Die hervorragende Zombie-Comedy Shaun Of The Dead hat gezeigt, wie ein konsequent durchgezogenes Humorkonzept auszusehen hat. „Dead Snow“ hingegen verzettelt sich in einem halbgaren Spannungsaufbau, der kaum mit dem Splatter-Ulk der zweiten Filmhälfte harmoniert.

Trotz dieser Schwäche ist „Dead Snow“ ein unterhaltsamer Partyspaß für Zombiefreunde aller Lager. Nun ja, fast aller – in der hitzigen Fan-Debatte, ob Zombies nun torkeln oder rennen sollten, ergreift Wirkola für die seit Zack Snyders Dawn Of The Dead-Remake etablierten untoten Sprinter Partei. Wirkolas Debüt „Kill Buljo – The Movie“ war übrigens eine Spoof-Version von Quentin Tarantinos Kill Bill. Und tatsächlich huldigt der Regisseur mit seinem Zombiestreifen nun einmal mehr seinem Vorbild und dessen Credo: Wenn Innovation unmöglich wird, bleibt nur das Zitat. Auch „Dead Snow“ ist ein Film über Filme. Anders als der Pulp-Meister steht Wirkola aber nicht gänzlich über den Konventionen des anvisierten Genres, sondern gibt ihnen – zumindest in der Hälfte – noch zu häufig nach. Als Rundumschlag durch die lange Geschichte des Zombiekinos bietet „Dead Snow“ dank lustvoller Verweise und blutrünstiger Nazi-Monstern dennoch zumindest trashig-vergnügliche 45 Schlussminuten.
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