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Adam - Eine Geschichte über zwei Fremde. Einer etwas merkwürdiger als der Andere
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Adam - Eine Geschichte über zwei Fremde. Einer etwas merkwürdiger als der Andere
Von Ulf Lepelmeier
Bei dem Wort „Autismus“ denken viele zunächst an Menschen, die in ihrer ganz eigenen Welt leben und nur sehr eingeschränkt in der Lage sind, mit ihrer Umwelt zu kommunizieren. Allerdings ist dieses weit verbreitete Begriffsverständnis zu eng gefasst, denn heute sind den Spezialisten vielfältige Ausprägungen und Abstufungen der angeborenen Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung des Gehirns bekannt. Zu einer der leichteren Formen des Autismus zählt das Asperger-Syndrom (AS). Bei dieser Variante der Krankheit ist insbesondere die Fähigkeit der sozialen Interaktion beeinträchtigt, und die Patienten können nonverbale Kommunikation weder deuten noch selbst nutzen, auch wenn sie oft überdurchschnittlich intelligent sind. In seiner bittersüßen Liebeskomödie „Adam“ erzählt Regisseur Max Mayer auf humor- aber trotzdem respektvolle Weise von den alltäglichen Problemen in Leben und Liebe, die mit einer AS-Erkrankung einhergehen können. Dabei umschifft er drohende Klischeestrudel größtenteils gekonnt und profitiert von seinen beiden sympathischen Hauptdarstellern, die eine scheinbar unmögliche Beziehung auf glaubhafte Weise vorstellbar werden lassen.

Adam (Hugh Dancy) leidet unter dem Asperger-Syndrom und ist gefangen in seinen zwanghaft wiederholten Alltagsritualen. Als sein Vater stirbt, bleibt ihm nur noch dessen alter Kriegskamerad Harlan (Frankie Faison, Das Schweigen der Lämmer) als Freund und Ansprechpartner. Fortan muss Adam, der als Entwickler von elektronischem Spielzeug tätig ist, jeden Abend allein seine Käsemakkaroni in der großen Wohnung in New York essen. Doch dann lernt er seine neue Nachbarin Beth (Rose Byrne) kennen und scheint in ihr einen Menschen zu finden, der mit ihm, seiner überschwänglichen Astronomiebegeisterung und seinen krankheitsbedingten Eigenheiten zurecht kommt. Langsam finden die beiden trotz ihrer unterschiedlichen Wahrnehmungshorizonte zusammen. Doch kann Grundschullehrerin Beth in dieser teils therapeutische Züge annehmenden Beziehung, in der Adam wohl niemals in der Lage sein wird, seinen Gefühlen wirklich Ausdruck zu verleihen, dauerhaft glücklich werden?

Als Regisseur und Drehbuchautor Max Mayer („Better Living“, serie,Alias) bei einer Autofahrt eine Radioreportage über das Asperger-Syndrom, das im Englischen umgangssprachlich auch „Little Professor Syndrome“ genannt wird, hörte, war ihm klar, worum es in seinem zweiten Spielfilm gehen sollte. Leicht hätte ein Film mit einem solchen Thema in übertriebener Sentimentalität ertrinken können oder die Symptome der Erkrankung hätten für geschmacklose Witze missbraucht werden können, doch Mayer geht respektvoll mit dem Krankheitsbild um und konzentriert sich auf die besondere Beziehung zwischen Adam und Beth. Natürlich sorgen das stark eingeschränkte Einfühlungsvermögen der Hauptfigur sowie ihr fehlendes Verständnis für Ironie und mitschwingende Untertöne für einige witzige Szenen. Doch trotzdem wird der von AS betroffene Protagonist ernst genommen, wird immer mit ihm, statt über ihn gelacht. Einfühlsam, mit Bedacht und mit Humor wird die ungewöhnliche Beziehung zwischen Adam und Beth entwickelt, deren besondere Probleme nicht unterschlagen werden. In den besten Momenten erinnert der im winterlichen New York spielende Film mit seinen beiden ausgefeilten Hauptcharakteren und den amüsanten Dialogen dabei an die romantischen Komödien von Michel Gondry (Vergiss mein nicht, The Science Of Sleep), auch wenn hier freilich die fantasievolle Komponente fehlt.

Als Max Mayer Hugh Dancy (Shooting Dogs, Spuren eines Lebens) das erste Mal traf, fragte sich der Regisseur, ob der vor Selbstsicherheit strotzende Schauspieler wirklich der Richtige für den Part des nervösen und auf neue Situationen verstört reagierenden Adam wäre. Doch Dancy meistert die Rolle des zwar äußerst intelligenten, aber von menschlichen Interaktionen überforderten Adam, der in den Momenten größter Unsicherheit sein weitreichendes Astronomiewissen ohne Punkt und Komma zum Besten gibt, hervorragend. Dank der bisher wohl besten Leistung in Dancys Karriere wird Adam trotz seines fehlenden Vermögens, Gefühle auszudrücken zum großen Sympathieträger, dazu harmoniert der Darsteller prächtig mit seiner Partnerin. Rose Byrne (Sunshine, Knowing) stellt die Grundschullehrerin und angehende Kinderbuchautorin als einfühlsame, sich nach Aufrichtigkeit sehnende Frau dar, der es in ihrem etwas naiven Glauben an die Liebe und die Möglichkeit der Veränderung durchaus zuzutrauen ist, dass sie sich auf eine Beziehung mit Adam einlässt. Während dieser mit Beths Hilfe etwas besser mit Veränderungen und menschlichen Verhaltensweisen umzugehen lernt, bekommt die junge Frau derweil eine etwas andere Sichtweise auf die Welt näher gebracht.

Die Subplots wirken neben der sonderbaren, aber letztlich funktionierenden Liebesgeschichte weit weniger gut ausgearbeitet und ausbalanciert. Besonders der Handlungsfaden um Beths Vater, der wegen Unterschlagung vor Gericht erscheinen muss, nimmt zu viel Zeit in Anspruch, auch wenn Peter Gallagher (serie,O.C. California, Short Cuts) den zwielichtigen Geschäftsmann herrlich schmierig zum Besten gibt. Max Mayer macht es sich zudem etwas leicht, indem er die Symptome seiner Figur Adam so auswählt, dass wohl die wenigsten wirklich Anstoß an ihm nehmen würden. Kritische Worte und negative Einstellungen zu der ungewöhnlichen Beziehung finden sich nur am Rande, wohl um die positive Grundstimmung des Films nicht zu trüben. Einzig Beths Vater darf klar sein Missfallen und seine Vorbehalte zum Freund seiner Tochter zum Ausdruck bringen. Und an Beths mit „Der kleine Prinz“-Vergleichen garniertem Off-Kommentar dürften sich die Geschmäcker scheiden. Nicht zuletzt das unkonventionelle, bittersüße Ende, das auf Empfehlung von Mayers Freund und Nachbarn Alejandro González Iñárritu (Babel, 21 Gramm, Amores Perros) entstand, sorgt dafür, dass die genannten Einschränkungen nicht übermäßig ins Gewicht fallen.

Die romantische Komödie mit dem etwas umständlichen vollständigen Titel „Adam - Eine Geschichte über zwei Fremde. Einer etwas merkwürdiger als der andere“ ist eine wunderschöne Liebesgeschichte. Mit viel Einfühlungsvermögen, charmanten Figuren und zahlreichen amüsanten Momenten wird das Entstehen einer unwahrscheinlichen, aber eben nicht unmöglichen Beziehung geschildert, in der zwei völlig unterschiedliche Wahrnehmungswelten aufeinandertreffen.
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