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This is Love
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
This is Love
Von Alex Todorov
Mit Spannung wurde erwartet, welches Kinoprojekt Matthias Glasner nach dem intimen und nervenzehrenden filmischen Kraftakt Der freie Wille, der 2006 bei seiner Premiere auf der Berlinale von einem breiten Medienecho begleitet wurde, wohl als nächstes angehen würde. Dass leichte Kost ihm nicht schmeckt, zeigt schon ein Blick in sein filmisches Schaffen vor dem Vergewaltiger-Psychogramm. „This Is Love“ nimmt das Gegensatzpaar Selbstbestimmung und Determinismus wieder auf und illuminiert darüber hinaus die Schattenseiten der Liebe - die pechschwarzen, kalten Abgründe, die sie beherbergt. Glasner, der selbst entsetzt war, wie der „Der freie Wille“ teilweise auf die Vergewaltigungsszene reduziert wurde, liefert diesmal klugerweise kein weiteres Sensationsfutter. In dem nachhallenden und beklemmenden Schauspieler-Drama rücken zwar ähnlich gewichtige Topoi wie Verlassenheit, Alkoholismus und Pädophilie in den Fokus, doch ist die Inszenierung gediegener, die Erzählung elaborierter und der emotionale Haushalt des Films ausgeglichener. Was „This Is Love“ nicht zwangsläufig zum besseren Film macht, aber die Frage gestattet, ob der Titel im smarten Sinne provokativ oder eher plakativ geraten ist.

Vor 16 Jahren verschwand ihr Mann von einem Tag auf den anderen ohne jedes Vorzeichen und ließ Maggie (Corinna Harfouch) mit ihrer Tochter allein zurück. Ein Verlust, der die Polizistin in den Alkoholismus trieb und die Beziehung zu ihrer Tochter zerbrechen ließ. Am anderen Ende der Welt in Vietnam lösen Chris (Jens Albinus) und Holger (Jürgen Vogel) die achtjährige Jenjira (Lisa Nguyen) aus einem Kinderbordell aus, um sie in Europa an Adoptiveltern weiterzuverkaufen. Monate später sitzt Chris nach einem Selbsttötungsversuch und dem Fund einer Leiche in einem Verhörraum Maggie gegenüber. Zwischen den Versehrten entspinnen sich verständige Bande, über die sich beide ihre persönliche Hölle vergegenwärtigen…

„Es wurden Grenzen überschritten, hinter denen Abgründe lauern.“

Das Verhörgespräch rekapituliert, was geschah, nachdem Chris mit Jenjira zurück in seine Heimat Dänemark kam, wobei die Verhörsituation sich stetig zum Schicksalsdialog wandelt, in dem nun auch Maggie das Verschwinden ihres Mannes ergründet. Ausnahmslos jede Figur, die diesen Film betritt, ist auf ihre Weise innerlich kaputt - alle sind sie Beschädigte oder Gezeichnete. Wo „Der freie Wille“ noch zwischen der Sprachlosigkeit der beiden Hauptfiguren und den Eruptionen Jürgen Vogels changierte, nimmt der Dialog nun mehr Raum ein, doch fehlen die heftigen emotionalen Entladungen. Das macht den Film vordergründig leichter verdaubar, doch lauert das Perfide in den unscheinbaren Bildern des Glücks. Denn dieses angedeutete Glück, diese Liebe, darf/kann es nicht geben. In die Ruhe hinein bricht sich die Hölle Stück für Stück Bahn. Einmal bezeugen sich Jenjira und Chris auf der Couch sitzend ihre Liebe wie Vater und Tochter, ohne sich jedoch Vater und Tochter zu sein. Ein andermal löst sich eine gespannte Situation zwischen Maggie und ihrem Liebhaber erst in wohliges Beieinander auf, nachdem die beiden Alkoholiker sich ihren ersten Kurzen hinter die Binde gekippt haben. Auch das scheinbar hoffnungsvolle Schlussbild kann da kaum mehr als ein verlockendes Trugbild sein.

Trotz der raumgreifenden Corinna Harfouch (Whisky mit Wodka, Basta. Rotwein oder Totsein), die in wenigen Szenen Gefahr läuft, zu viel zu machen, ist Jens Albinus (The Boss Of It All, Dancer In The Dark, „Idioten“) der unbestrittene Mittelpunkt des Films. War es in Glasners Vorgängerfilm Jürgen Vogel, den es zwischen der verbotenen Begierde und dem Wissen um diese Anomalie zerreißt, trägt diesen Part nun der Lars-von-Trier-erprobte Jens Albinus. Im Gegensatz zu Vogel ist Albinus’ Charakter ein in sich gekehrtes Kind, eine liebevolle, sympathische Figur, deren Bemühungen, sich zu beherrschen und zu kontrollieren, sich tief in den eigenen Körper gefressen haben. Jeder schleppt einen bleischweren Rucksack seiner Vergangenheit mit sich herum und Chris’ geduckte Körperhaltung macht diese Last sichtbar. Augenscheinlich nicht mehr als ein Häufchen Elend erinnert er so an Sabine Timoteos (Gespenster, Das Vaterspiel) geschundene Haltung in „Der freie Wille“. Wo Vogels Vergewaltiger Theo Stör, wenn er sich selbst als Gefahr begriff, dies physisch ausagierte, fällt Chris noch ein Stückchen mehr in sich zusammen. Und doch tragen seine schmalen Schultern und der lebensmüde Blick den Film.

Devid Striesow, in dessen Liga - was Ausdrucksfähigkeit und Vielseitigkeit angeht - im deutschsprachigen Raum höchstens noch der Deutsch-Bulgare Samuel Finzi oder Christoph Waltz spielen, darf erst nach 80 Minuten in einer neuralgischen Dialogpassage mit seiner präzisen, emotionalen und doch unaufdringlichen Eindringlichkeit glänzen. Jürgen Vogel ist in seiner Nebenrolle sehr zurückgenommen, was nach seinem Wahnsinnsauftritt in „Der freie Wille“ dem Film nur gut tut.

Die mit Rückblicken beginnende Erzählstruktur, die zunächst Chris‘ und Maggies Vergangenheit jeweils für sich aufrollt, bevor die beiden Schicksale an einem Schnittpunkt zusammengeführt werden, ist geradezu klassisch und für den Film absolut schlüssig. Wie in „Der freie Wille“ ist die Kamera sehr nah an den Darstellern dran, dabei jedoch zurückhaltender und weniger intim eingesetzt. Die Blässe der Stadtbilder und Landschaften kippt in teils warme Pastelltöne, die ein mögliches Entkommen aus der argen Ausweglosigkeit suggerieren. Auch lässt sich der Film weniger Zeit und verliert sich nicht in der Bebilderung beklemmender Zu- und Umstände.

Ein Leitmotiv der Geschichte Chris’ ist ein ihm immer wieder erscheinendes Bild. In diesem steht ein kleines Mädchen in Rot mit dem Rücken zum Zuschauer verloren in einem dunklen Wald. Allein dieses Bild birgt zahlreiche Deutungsebenen und veranschaulicht die komplexe Gefühlsmalaise, an der Chris zu Grunde zu gehen droht. Über die bloße Farbe als Signum der Lust, Gefahr und Liebe hinaus, weist die Szene das Mädchen selbstredend als Rotkäppchen aus, auf das es der böse Wolf abgesehen hat. Weiterhin trägt das Bild Züge des Alptraumhaften und findet sich in ähnlicher Form in zahlreichen Horrorfilmen, in denen die Kamera sich langsam dem Kind nähert, bis dieses sich rasch der Kamera zuwendet und Erschreckendes zu erkennen gibt. Indes ist die Wirkung hier aufgrund der assoziationsschwangeren Ruhe subtiler, doch deshalb nicht weniger alarmierend.

Was „This Is Love“ fehlt, sind die Reibungen und knallharten Konfrontationen, die „Der freie Wille“ so unerträglich und ergreifend gemacht haben. Man erinnere sich an die sämtliche psychische Dysfunktionalitäten bündelnde Szene, in der Nettie im Dojo härter und härter auf Theo einschlägt. Glasner umschifft diesmal die handfesten Eskalationen. Das bringt zum einen die oben erwähnten ruhigen Trugbilder mit sich, unter deren Oberfläche es wütet. Andererseits nimmt dieser Mangel an Ausbruch dem Film teils die Spitzen, an denen der Zuschauer sich abarbeiten kann. Selbst ein Totschlag im Film ist in seiner übermittelten Indifferenz dem ruhigen Erzählfluss untergeordnet. Das funktioniert ohne Abrede als Stilmittel zur Veranschaulichung von Abgestumpftheit und Ohnmacht, greift aber eben auch in einem geringeren Maße auf den Zuschauer über.

Wie schon „Der freie Wille“ ist auch Glasners Nachfolgefilm – wenn auch unter Vorbehalt - unbedingt sehenswert. Glasner löst die eingeführten Beklemmungen nämlich auch diesmal nicht auf. „This Is Love“ ist ein Lazarett psychisch Versehrter. Trost gibt es nicht, ein Entrinnen ebensowenig und die warmen Momente sind Katalysator der fortschreitenden Zerrüttung. Liebe ist immer ein „aber“ und „trotzdem“, ist immer ambivalent, wie die bitterschöne Schlusseinstellung bezeugt. Wo der Titel Eindeutigkeit impliziert, zeigt der Film Abweichung und Anormalität. So bietet allein schon der Titel nach Sichtung des Films großartigen Stoff zur Diskussion. Auch wenn Matthias Glasner definitiv nie der Mann für den entspannten Sonntagabendfilm sein wird, muss er sich trotzdem vor Wiederholungen hüten, denn gerade Extreme bringen die erhöhte Gefahr von Abnutzungserscheinungen mit sich.
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