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    Fasten auf Italienisch
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Fasten auf Italienisch
    Von Lars-Christian Daniels
    Nein, Olivier Barouxs heitere Komödie „L'Italien - Der Italiener" ist nicht verwandt oder verschwägert mit Nanni Morettis satirischer Tragikomödie „Der Italiener", wenngleich der deutsche Titel durchaus zu Verwechslungen mit der bitterbösen Berlusconi-Schelte aus dem Jahr 2008 einlädt. Italienisch ist im Eröffnungsfilm der 27. Französischen Filmtage Tübingen-Stuttgart eigentlich nur die Hauptfigur (oder eben auch nicht). Baroux inszeniert ein amüsantes Versteckspiel eines Immigranten in Frankreich, dem sein Doppelleben langsam aber sicher über den Kopf wächst, und bringt die Lachmuskeln seines Publikums dabei immer wieder an die Grenzen der Belastbarkeit. Erst auf der Zielgeraden muss der französische Regisseur seiner lockeren Herangehensweise an die sozialpolitische Problematik, die das Schicksal seines Protagonisten aufwirft, einen kleinen Tribut zollen.

    Der lebenslustige Italiener Dino Fabrizzi (Kad Merad) genießt ein unbeschwertes Leben in der französischen Hafenstadt Nizza. Sein teures Strandhaus bietet einen traumhaften Blick auf die Cote d‘Azur, mit der hübschen Hélène (Valérie Benguigui) hat er seine absolute Traumfrau gefunden und auch beruflich läuft alles wie geschmiert: Dino steht kurz vor der Beförderung zum Leiter eines schnieken Maserati-Autohauses. So weit, so gut, doch Dino Fabrizzi trägt seit Jahren ein Geheimnis mit sich herum: In Wirklichkeit heißt er Mourad Ben Saoud, stammt aus Algerien und hat in seinem ganzen Leben noch nie einen Fuß auf italienischen Boden gesetzt. Selbst seine Familie, die im 200 Kilometer entfernten Marseille eine neue Heimat gefunden hat, ahnt nichts von seinem falschen Spiel, denn seinen Verwandten gaukelt Dino vor, in Rom Karriere zu machen. Als sein herzkranker Vater ihn am Krankenbett bittet, an seiner Stelle den Ramadan zu begehen, droht seine Lebenslüge aufzufliegen...

    Gleich in der Eröffnungssequenz braust Dino zu den Klängen von Toto Cutugnos berühmter Italo-Pop-Nummer „L'Italiano" mit seinem schicken italienischen Sportwagen durch Nizza, trägt ein goldenes Jesus-Kettchen zum Designeranzug und verkörpert auf den ersten Blick einen Klischee-Italiener aus dem Bilderbuch. Doch der Eindruck täuscht: Der falsche Italiener spricht lupenreines Französisch und hat auch noch andere Dinge im Kopf als Espresso und Spaghetti. „Der Italiener" ist keine klassische Culture-Clash-Komödie im Stile von „Maria, ihm schmeckt's nicht". Nur vereinzelt rekrutieren sich die Pointen aus den unvermeidlichen Problemen, die Dinos angeblich italienische Wurzeln im französischen Alltag mit sich bringen. Olivier Baroux, der mit Hauptdarsteller Kad Merad („Willkommen bei den Sch'tis", „Paris, Paris") früher ein erfolgreiches Comedy-Duo bildete und mit dem gebürtigen Algerier schon häufiger für französische Filmproduktionen zusammenarbeitete, macht sich vielmehr einen Spaß daraus, den Zuschauer immer wieder mit witzigen Details zu füttern: Den Desktop von Dinos Bürorechner ziert ein Mannschaftsfoto der Squadra Azzurra, während seine temperamentvolle Mama stolz eine grün-weiß-rote Kochschürze trägt, die Dino wahrscheinlich im Internet geordert und seiner gerührten Mutter als angebliches Mitbringsel aus der ewigen Stadt untergejubelt hat.

    Das Drehbuch, an dem mit Olivier Baroux, Jean-Paul Bathany, Stéphane Ben Lahcene, Eric Besnard und Nicolas Boukhrief gleich fünf Autoren gebastelt haben, lässt Dino mithilfe seines Ratgebers „Islam für Dummies" den eigenen Glauben wiederentdecken, statt müde Italo-Vorurteile abzuarbeiten. Nicht nur die steile Karriere bei Maserati, sondern vor allem Dinos hungriger Magen und die kriselnde Beziehung zu seiner sexhungrigen Partnerin Hélène werden durch die körperliche Enthaltsamkeit auf eine harte Probe gestellt. Das Autorenteam nutzt diese Steilvorlage erfolgreich für das Abfeuern einer grandiosen Gagsalve, die phasenweise fast im Zehn-Sekunden-Takt Treffer landet, ohne sich dabei ein einziges Mal zu wiederholen. Zu den köstlichsten Sequenzen zählt neben der improvisierten Tiramisu-Analyse auf der Veranda der angehenden Schwiegereltern die desillusionierende Diskussion mit einem islamischen Geistlichen, der Greenhorn Dino mit todernster Mine erklärt, dass Gucken zwar erlaubt, Anfassen aber verboten ist – und nebenbei wie selbstverständlich erwähnt, dass Dino Tipps & Tricks zur Fastenzeit ja auch einfach hätte googlen können.

    Dass Olivier Baroux letztlich zwar ein sehr guter, aber kein überragender Film gelungen ist, liegt in erster Linie an der mangelnden Ausarbeitung der sozialkritischen Ansätze, die im letzten Filmdrittel an Bedeutung gewinnen. Denn erst nachdem der Schwindel aufgeflogen ist, erfährt der Zuschauer erstmalig etwas über Dinos Beweggründe: omnipräsenter Rassismus gegenüber Nordafrikanern, ständige Vorurteile, mangelnde Zivilcourage und die Schwierigkeiten, die ein algerischer Nachname bei der Job- und Wohnungssuche in Frankreich mit sich bringt. Statt seinem Publikum Denkanstöße mit auf den Weg zu geben, begnügt sich Baroux mit einer bloßen Aufzählung der Probleme. Dieser kleine Wermutstropfen ändert jedoch wenig daran, dass der Filmemacher mit „L'Italien - Der Italiener" eine ebenso charmante wie großartige Komödie abliefert, die mit treffsicheren Dialogen und sympathischen Charakteren aberwitzige Situationen am Fließband produziert.
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