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In ihren Augen
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
In ihren Augen
Von Roger Förster
„Ein Mann wird immer seiner Leidenschaft folgen" heißt es in einem zentralen Moment von „In ihren Augen", dem Oscargewinner 2010 für den besten nicht-englischsprachigen Film. Und genau diese persönlichen Passionen, jene Angewohnheiten und individuellen Eigenheiten, ohne die niemand auskommt und die uns alle unverwechselbar prägen, sind ein zentrales Motiv in Juan José Campanellas düsterer Kriminalgeschichte vor zeithistorischem Hintergrund. Anders formuliert ließe sich auch sagen: „Niemand kann aus seiner Haut" - egal wie sehr er dagegen ankämpft, er wird stets derselbe bleiben und bestimmte Dinge immer wieder tun. Und so ist das argentinische Drama auch ein Film über den Fluch und den Segen der Erinnerung, über die Unvergänglichkeit der großen Liebe sowie über Freiheit und Unfreiheit in einem Land im Umbruch.

Benjamin Esposito (Ricardo Darin) möchte ein Buch über einen Kriminalfall schreiben, der ihn seit Jahrzehnten nicht zur Ruhe kommen lässt. Rückblende in die damalige Zeit, 1974: Esposito ist Justizbeamter und in seine hübsche Vorgesetzte Irene Menéndez (Soledad Villamil) verliebt. Eines Tages wird er an einen Tatort gerufen, eine junge Frau wurde brutal vergewaltigt und ermordet. Schnell wird nach einigen politischen Ränkespielen hinter den Kulissen ein Täter präsentiert, dessen Geständnisse unter Folter entstanden. Esposito verspricht dem trauernden Witwer Ricardo Morales (Pablo Rago), den wirklichen Mörder zu finden. Tatsächlich spürt er in der Vergangenheit des Opfers einen neuen Hauptverdächtigen: Die Fußball-Leidenschaft dieses möglichen Täters bringt Esposito und seinen Mitarbeiter Pablo Sandoval (Guillermo Francella) auf diese neue Fährte...

„In ihren Augen" mit seiner komplexen Rückblendenstruktur ruht zu einem wesentlichen Teil auf den Schultern von Hauptdarsteller Ricardo Darin („Der Sohn der Braut"), der bereits zum vierten Mal mit Regisseur Campanella zusammenarbeitet. Darin verleiht seiner Rolle etwas Erhabenes, sein Esposito ist ein idealistischer Einzelkämpfer, der sich nur auf sich selbst verlässt und sonst höchstens noch seinem dauerbetrunkenen Mitarbeiter Sandoval (ebenfalls exzellent: Guillermo Francella) traut. In der Rahmenhandlung, in der Esposito ein Buch über den Mordfall Morales schreibt, ist es aus dem selbstbewussten Nonkonformisten ein einsamer Mann geworden, dem das Scheitern ins Gesicht geschrieben steht. Nicht nur der ungeklärte Mordfall lastet auf ihm, er hat es über all die Jahre auch nicht über sich gebracht, sich selbst und seiner damaligen Vorgesetzten Irene, seine Liebe einzugestehen. Ricardo Darin schafft es, alle diese delikaten Regungen spürbar werden zu lassen, ohne jemals ins Klischeehafte abzurutschen. Auch seine Mitstreiter verkörpern ihre Rollen glaubwürdig, vor allem Pablo Rago, der in der Rolle des trauernden Witwers Morales zwischen absoluter Traurigkeit und seltsam wirkender Kühle changiert, ist großartig. Einzig Javier Godino als potentieller Mörder Gómez fällt gegenüber seinen subtil agierenden Kollegen etwas ab: Er blickt stets grimmig drein und wirkt deshalb unabhängig von der Sachlage immer wie ein Schuldiger.

Juan José Campanella bleibt stets nah bei seinem Protagonisten Esposito und zeigt großes Gespür für die Nuancen dieses komplexen Charakters, der in seinem Idealismus oft genug an den äußeren Umständen scheitert. Der Regisseur, der auch schon Episoden von „Dr. House" und „Criminal Intent" inszenierte, setzt meist erfolgreich auf die innere Spannung zwischen den Figuren und verzichtet auf oberflächliche Effekte, ohne den großen Bogen der Krimihandlung aus den Augen zu verlieren. Nur einmal wechselt er für eine längere Sequenz die Gangart: In einer genialen fünfminütigen Verfolgungsjagd ohne sichtbaren Schnitt finden Esposito und Sandoval den Verdächtigen während eines Fußballspiels und versuchen ihn zu stellen. Hier wird das ruhige Erzähltempo vorübergehend aufgegeben und es folgt eine virtuose visuelle Achterbahnfahrt durch das Stadion. Selten wurde die Spannung und Anspunnung einer Verfolgung so unmittelbar und direkt vermittelt.

„In ihren Augen" hat neben der persönlichen und der investigativen Ebene auch eine markante politische Dimension. Campanella und sein Co-Autor , der auch die Romanvorlage zu „In ihren Augen" verfasste, zeichnen wie nebenbei ein überzeugendes Porträt einer Gesellschaft in der Krise. Die Verstrickung von Justiz und Politik, die willkürlichen Methoden eines autoritären Staates, in dem die Folter an der Tagesordnung ist, das alles lässt die folgenden Umwälzungen und den Militärputsch von 1976 fast unausweichlich erscheinen. Diese Zeit, in der tausende Menschen verschwanden, ist bis heute ein argentinisches Trauma, was durch die Schwierigkeiten Espositos, den Mord an der jungen Frau vollständig aufzuklären und den Mörder gerecht zu bestrafen, gespiegelt wird. Und so erzählt Campanella auf ganz unterschiedlichen Ebenen von den offenen Wunden der Vergangenheit und vom schwierigen Prozess der Heilung. Mehrmals wird im Laufe des Films die Frage gestellt: „Wie lebt man ein Leben voller Leere?" Sie richtet sich an den Witwer, an den Verliebten, an seine große Liebe und an den Säufer, letztlich wird jeder einzelne Zuschauer angesprochen, der zur Auseinandersetzung mit den Themen des Films eingeladen wird und dazu, auch seine eigene Biographie zu hinterfragen.

Eine Kriminalgeschichte, die vergleichsweise klassisch-konventionell erzählt wird, eine Rahmenhandlung, in der die Hauptfigur natürlich auf ihre große Liebe trifft: Wieso hat gerade dieser Film den Oscar gewonnen und sich unter anderen gegen „Das weiße Band" sowie „Ein Prophet" durchgesetzt? Weil der etwas trivial klingenden Grundidee auf jeder Ebene Substanz hinzugefügt wurde, so dass „In ihren Augen" zu einem komplexen Ganzen geworden ist, in dem Bedrückendes und Bezauberndes wundersam ausbalanciert sind. Der ruhige und dennoch stets spannende Film lebt vor allem von seinen Darstellern und von der grandiosen Kameraarbeit. Und von einem Regisseur, der es versteht, auch die kleinen Momente und das Unausgesprochene zur Geltung zu bringen.
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