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Mad Circus - Eine Ballade von Liebe und Tod
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Mad Circus - Eine Ballade von Liebe und Tod
Von Michael Kohler
Als Spanien nach beinahe vierzigjähriger Franco-Diktatur 1977 demokratisch wurde, hatte sich in der jungen Generation ein gewaltiger Nachholbedarf angestaut und es entstand die stürmische künstlerische Bewegung Movida. Ihr prominentester Vertreter war Pedro Almodóvar, der in seinen frühen Filmen vor allem westliche Einflüsse gierig aufsaugte und in grellen Farben auf die Kinoleinwand warf. Almodovar war es auch, der „Aktion Mutante", den ersten Film von Álex de la Iglesia, produzierte und damit dem Mann zum Durchbruch verhalf, der es ganz im Geist der Movida bis heute am tollsten treibt. „Mad Circus" ist sein bislang bester Film, weil sein durchgeknallter, gelegentlich etwas blindwütiger Stil mit dessen Ursprung, der bleiernen Zeit des Franco-Regimes, verknüpft ist. Im Finale stellt de la Iglesias sogar eine der berühmtesten Szenen der Filmgeschichte nach, die nächtliche Kletterpartie auf Mount Rushmore in Alfred Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte" - und kommt mit dieser Frevelei glänzend davon.

Im Jahr 1937 unterbricht ein Kommandant der Spanischen Republik eine Zirkusvorstellung, um die Artisten in die Schlacht zu schicken. Der Dumme August (Santiago Segura) tut sich im folgenden Gemetzel besonders blutig hervor und wird von den siegreichen Faschisten erst ins Gefängnis gesteckt und später vom Pferd eines Soldaten zu Tode getrampelt. 37 Jahre später versucht sein Sohn Javier (Carlos Areces) als trauriger Clown in die Fußstapfen des ermordeten Vaters zu treten. Am ersten Tag verliebt er sich in die Trapezkünstlerin Natalia (Carolina Bang), die aber bereits an den brutalen Sergio (Antonio de la Torre) vergeben ist. Um seinem Nebenbuhler eine Lektion zu erteilen, wirft Sergio den schwächlichen Javier auf einen Jahrmarkts-Hau-den-Lukas und lässt den Hammer so lange auf ihn niedersausen, bis er halbtot ins Krankenhaus gebracht werden muss. In derselben Nacht rächt sich Javier an Sergio, indem er ihm mit einer Trompete das Gesicht zerfetzt und ihn grässlich entstellt. Javier flieht in einen Wald, wo er nach Wochen ausgerechnet vor die Flinte jenes Colonel (Sancho Gracia) getrieben wird, der einst seinen Vater tötete und der durch Javiers Eingreifen ein Auge verlor...

Jeder Versuch, die ausufernde Handlung des Films einigermaßen maßvoll zu beschreiben, kann angesichts der immer grotesker werdenden Verwicklungen nur scheitern. So wird Javier im Wald von einem Wildschwein aufgespürt und anschließend als Militärgefangener zum Jagdhund (!) abgerichtet, was ihm immerhin Gelegenheit gibt, General Franco beim Apportieren in die Hand zu beißen. Später taucht er dann sein Gesicht in ätzende Bleiche und brennt sich mit einem Bügeleisen rote Bäckchen ein, ehe er sich schwerbewaffnet auf die Suche nach Natalia macht. Álex de la Iglesias bietet seinem Publikum von allem etwas und alles mit Schlagsahne verziert: exzentrische Traumsequenzen und christliche Visionen, gelegentliche Gewaltexzesse und verblüffende Einfälle am laufenden Band, ein bisschen Sadomaso-Sex und viele Einblicke in gequälte Männerseelen.

Die Gewalt und der Machismo der Figuren erscheinen ungebrochen als Erbe der Franco-Diktatur, was zuweilen ein wenig hilflos wirkt - eine differenzierte Analyse der historischen Realität sieht anders aus. Andererseits haben sich die Mittel der Groteske schon in Guillermo del Toros „Pans Labyrinth" als tauglich erwiesen, um den unvorstellbaren Gräueln des Spanischen Bürgerkriegs auf Umwegen nahe zu kommen. Im Übrigen ist „Mad Circus" nicht nur grandios überkandidelt, sondern auch großartig inszeniert, und dann muss man erst einmal auf die wunderbare Idee kommen, das Finale von „Der unsichtbare Dritte" auf Francos „Monument des Heiligen Kreuzes im Tal der Gefallenen" zu verlegen. In den schwindelerregenden Höhen des 150 Meter in den Himmel ragenden Kreuzes wird die geradezu obszöne Allianz zwischen Katholizismus und Faschismus greifbarer als an jedem anderen Ort.

Fazit: Álex de la Iglesias‘ bislang bester Film ist eine wüste Groteske, teilweise jenseits des guten Geschmacks, dafür aber auch immer wieder faszinierend und in seinen Widersprüchen erhellender als die meisten „seriösen" Filme über den Spanischen Bürgerkrieg und das faschistische Franco-Regime.
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