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    Gasherbrum - Der leuchtende Berg
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Gasherbrum - Der leuchtende Berg
    Von Carsten Baumgardt
    „Gasherbrum - Der leuchtende Berg": Für dieses Dokumentarfilm-Projekt haben sich zwei Extremisten, Brüder im Geiste, gesucht und gefunden. Die Münchner Autorenfilmer-Legende Werner Herzog begleitete Reinhold Messner, den wohl besten Bergsteiger aller Zeiten, im Sommer 1984 auf einer wahnwitzigen Expedition. Gemeinsam mit seinem Landsmann Hans Kammerlander wollte der Südtiroler das schaffen, was zuvor noch niemand gewagt hatte: die Besteigung von zwei Achttausendern als Überquerung direkt hintereinander.

    Herzog, der mit Spielfilmen wie „Aguirre, der Zorn Gottes", „Jeder für sich und Gott gegen alle", "Fitzcarraldo" oder Dokumentationen wie „Mein liebster Feind" zu Weltruhm gelangte, ist in seiner Arbeitsweise und Hingabe zum Projekt ähnlich extrem wie Messner, der stets an seine Grenzen und weit darüber hinaus geht. Bei „Gasherbrum - Der leuchtende Berg" reizte Herzog weniger die klassische Dokumentierung einer außergewöhnlichen Kletter-Expedition. Er wollte erfahren, warum sich Menschen dererlei Strapazen aussetzen, sich in akute Lebensgefahr bringen und einen Sinn in der Sinnlosigkeit solcher Unternehmen suchen. Was treibt diese Extremsportler an? Messner (Jahrgang 1944), der als erster und einziger Mensch auf allen 14 Achttausendern der Erde stand, sucht immer neue Ziele, Herausforderungen, die noch keiner gewagt hat. Die Aussichten, eine Doppelbesteigung des 8.068 bzw. 8.035 Meter hohen Gasherbrum I und Gasherbrum II im pakistanisch-chinesischen Karakorum-Massiv erfolgreich zu gestalten, waren nicht besonders groß. Aber das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ist bei Messner ebenso ausgeprägt wie beim filmischen Extremisten Herzog. Interessant wird es, als Herzog Messner fragt, ob sein Partner Hans Kammerlander, mit dem er 1983 den Cho Oyu (8.202 Meter) erklomm, auch sein Freund sei. Ob dies eine Voraussetzung für ein erfolgreiches Team wäre. Messner verneint dies: „Eigentlich nicht". Das spiele für ihn keine Rolle. Er müsse sich zu hundert Prozent auf seinen Kletterpartner verlassen können und er suche einfach den besten Mann für seine Expedition aus.

    Während Messner eloquent über das Unternehmen und das Bergsteigen im allgemeinen philosophiert, bekommt der schüchterne Erfüllungsgehilfe Kammerlander, ein ehemaliger Maurer, kaum einen Satz geradeaus gesprochen. Messner, der Meister und Souverän, reißt das Gespräch an sich. Dass ihnen der Tod drohen könnte, ist ihm vollkommen bewusst. „Wenn wir eingehen, gehen wir ein", sagt er fast schon lakonisch. Er bezeichnet sich selbst als krankhaft Süchtigen. Süchtig nach neuen Extremen, neuen Kicks. Auf dem Weg dorthin verdrängt er den Tod. Neben der Suche nach dem psychologischen Kern Messners zeigt Herzog majestätische Bilder der grandiosen Naturlandschaft, eingefangen von Kameramann Rainer Klausmann. Es entstehen aber auch bizarr anmutende Aufnahmen. Ein Sherpa-Träger behandelt Messner mit einer speziellen Massagetechnik, reißt ihm fast jeden Knochen einzeln aus, klopft an seinem Kopf herum. „Ein Genuss", stammelt der Bergsteiger... Dann sitzen Messner und Kammerlander nackt in einer warmen Quelle. Hier bohrt Herzog nach dem Sinn des Ganzen, zieht Messner auch im Geiste aus und will seine Motivation ergründen. „Es ist die Möglichkeit, sein Maß zu finden", bilanziert Messner - seine Grenzen auszutesten und kennen zu lernen.

    So weit, so souverän. Der unerschütterliche, kontrollierte Draufgänger Messner hat immer alles Griff - bis Herzog seinen wunden Punkt trifft und den gesamten Film innerhalb von Sekunden auf den Kopf stellt. Er fragt ihn nach seiner schwärzesten Stunde. 1970 verlor Messner bei der Besteigung des Nanga Parbat seinen Bruder Günther. Und hier schießt bei dem Südtiroler auf einmal ein Schmerz hervor, wie er existenzieller nicht sein könnte. Er kauert in seinem Zelt, gibt klare, präzise Antworten auf die quälenden Fragen Herzogs und bricht plötzlich in Tränen aus. Bittere, schmerzhafte Tränen. Die scheinbar undurchdringliche Schale Messners bricht spektakulär zusammen. Und Herzog ist gnadenlos. Er bohrt nach: „Wie bist du deiner Mutter vor's Angesicht getreten?", will er wissen. Sie habe es besser verstanden und verkraftet als er es jemals tun werde.

    Diese menschliche Tragödie, die Herzog emotional greifbar macht, den Zuschauer zum Mitleiden zwingt, macht die Größe von „Gasherbrum - Der leuchtende Berg" aus. Keine Kompromisse. Ein intensiver, ein exzellenter Film. Er hat Messner gefordert und ihm psychologisch alles abverlangt, um diesem Menschen auf den Grund zu gehen. Und der Vorzeige-Bergsteiger musste ähnlich an seine Grenzen gehen, wie bei der Expedition selbst. Ach ja: Messner und Kammerlander gelingt die Doppelbesteigung des Gasherbrum I und II am Ende tatsächlich. Mit viel Glück und unter Todesgefahr schaffen sie das nie Dagewesene und widersetzen sich damit Herzogs immer wiederkehrenden filmischen Leitmotiv: dem großen Scheitern.

    Anmerkung:. Die Dokumentation „Gasherbrum - Der leuchtende Berg" ist sehr rar. Das PAL-Video ist über die Internetseite von Werner Herzog (www.wernerherzog.com) erhältlich oder auf DVD im Bonusmaterial von „Herz aus Glas".
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