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The Normal Heart
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
The Normal Heart
Von Michael Meyns
Gäbe es die allgegenwärtigen „Kondome schützen Plakate“ nicht mehr, AIDS wäre wohl kaum noch ein größeres Thema in der deutschen Gesellschaft. Dabei ist es kaum 30 Jahre her, dass ein damals noch unbekannter Virus auftrat, der binnen kürzester Zeit zum Tod führte und anfangs despektierlich als „Schwulenkrebs“ bezeichnet wurde. Wie die HIV-/AIDS-Epidemie Anfang der 80er Jahre die New Yorker Schwulenszene veränderte zeigt Ryan Murphy in seinem sehenswerten, für den renommierten US-Pay-TV-Sender HBO (u. a. TV-Serie „Game Of Thrones“) entstandenen Film „The Normal Heart“, der starke Schauspieler und einen tollen Soundtrack zu bieten hat, wobei der selbst offen homosexuelle Regisseur auch vor einem Infragestellen des schwulen Selbstverständnisses nicht zurückschreckt.

New York, 1981. Der homosexuelle Autor und Aktivist Ned Weeks (Mark Ruffalo) ist hautnah dabei, als eine unbekannte Seuche zu grassieren beginnt. Wie die Seuche verbreitet wird, ist noch unklar, doch die Ärztin Emma Brookner (Julia Roberts) ahnt, dass sie nicht zuletzt durch sexuellen Kontakt übertragen wird. Vehement setzt sich Weeks fortan dafür ein, dass öffentliche Gelder zur Forschung bereitgestellt werden, versucht aber auch die schwule Gemeinschaft zu einem Umdenken ihrer hedonistischen Lebenseinstellung zu bewegen. Während der US-Präsident Ronald Reagan sich lange Jahre ziert, das Wort „AIDS“ in den Mund zu nehmen, sterben immer mehr von Weeks Freunden und schließlich ist auch sein Lebensgefährte Felix Turner (Matt Bomer) infiziert.


Anfang der 80er Jahre war in den Großstädten Amerikas die sexuelle Freiheit auf ihrem Höhepunkt. Gerade für die Gay-Community bedeutete das libertäre, hedonistische Leben mit ausschweifenden Partys, Alkohol, Drogen und viel Sex eine neue Form des Selbstbewusstseins. Da zu fordern, aus Vorsichtsgründen auf Sex zu verzichten, musste wie ein Affront empfunden werden, ja geradezu als Versuch, das schwule Selbstverständnis zu unterminieren. Es ist die große Stärke von Ryan Murphys „The Normal Heart“, dass er diese Ambivalenz der schwulen Gemeinschaft so drastisch schildert und in den Mittelpunkt seines biographischen Film stellt.

Im Mittelpunkt steht dabei Autor und Aktivist Ned Weeks, Alter Ego von Larry Kramer, der im gleichnamigen Theaterstück eigene Erfahrungen verarbeitete. Dass nun ausgerechnet Ryan Murphy den Stoff so gekonnt verfilmt, ist auf den ersten Blick durchaus überraschend: Als Erfinder von TV-Serien wie „Glee“ und „American Horror Story“ hat Murphy zwar ein Gespür für oft sehr schwulen Camp bewiesen, als Regisseur von Filmen wie „Eat Pray Love“ aber auch ein Faible für schwer zu ertragenden Kitsch. Mit „The Normal Heart“ gelingt es ihm jedoch, einen gelungenen Mittelweg einzuschlagen. Das Ergebnis ist ein gleichermaßen berührender wie polemischer Film.

Darin werden viele Reden gehalten, viele Debatten und Gesprächsrunden gezeigt, oft agitatorisch agiert, doch über Gebühr redselig wirkt „The Normal Heart“ nie. Dass liegt nicht zuletzt an der Emphase, mit der Mark Ruffalo seine Figur spielt, ihre Wut deutlich macht, angesichts der langen Ignoranz der Behörden, aber auch des Unwillens von weiten Teilen der schwulen Gemeinschaft, den Tatsachen ins Auge zu blicken. Obwohl früh bekannt wurde, dass die bald AIDS genannte Krankheit vor allem durch ungeschützten Sex übertragen wird, weigerten sich viele Schwule, ihr Sexualverhalten zu ändern. Als Aufgeben von all dem, für das sie Jahrelang gekämpft hatten, wurde dies betrachtet, als Zugeständnis an die heterosexuelle Gesellschaft.

Diesen Aspekt der Anfänge von AIDS aufzuzeigen, wurde Murphy in Amerika schon zum Vorwurf gemacht. Doch „The Normal Heart“ ist weit davon entfernt, auf unterschwellige Weise dann doch schwulenfeindlich zu sein. Im Gegenteil: Mit einem Soundtracks, in dem kaum ein Klassiker der Gay-Bewegung jener Zeit fehlt, und der Möglichkeit zur Darstellung von freizügiger Nacktheit und Sex, die die Ausstrahlung auf dem Pay-TV-Sender HBO ermöglichte und die bei einer Kinoproduktion so deutlich schwerer möglich gewesen wäre, evoziert er das Lebensgefühl der schwulen Szene, die Verletzlichkeit im Angesicht einer tödlichen Seuche, aber vor allem das Selbstbewusstsein einer Generation von Männern, die sich nicht mehr unterdrücken lassen will. Doch die Erfolge brauchten ihre Zeit: Erst 1985 nahm Ronald Reagan widerwillig das Wort „AIDS“ in den Mund und erst im Jahre 2010 (!) hob Amerika offiziell ein Einreiseverbot für HIV-Infizierte auf.

Fazit: In seinem HBO-Film „The Normal Heart“ zeichnet Ryan Murphy anhand des Aktivisten Ned Weeks die Anfänge der AIDS-Epidemie im New York der frühen Achtziger Jahre nach und evoziert dabei auch berührende, mitreißende Weise das Lebensgefühl der Schwulenszene dieser Zeit.
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