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Die Truman Show
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
5,0
Meisterwerk
Die Truman Show
Von Carsten Baumgardt

Das Risiko war enorm hoch. Meisterregisseur Peter Weir („Der Club der toten Dichter“) besetzte die Hauptrolle für seine ambitionierte Mediensatire „The Truman Show“ ausgerechnet mit Kindskopf Jim Carrey, der vorher mit Debilitäten wie „Die Maske“ oder „Dumm und dümmer“ zum modernen Superclown aufstieg - sehr erfolgreich zwar, aber immer jenseits irgendeines Anspruchs. Die Kritiker rümpften stets verärgert die Nase, das sollte sich bei Weirs brillantem, intelligentem Geniestreich ändern. Carrey kann die tragisch-komische Suche des Truman Burbank auf der Suche nach dem wahren Ich überraschend souverän meistern und lässt „The Truman Show“ zu einem Triumph für alle Beteiligten werden.

Truman Burbank (Carrey) hat alles, was er braucht. Eine schöne Frau (Laura Linney), einen echten Kumpel (Noah Emmerich) und eine Mutter (Holland Taylor), die sich um ihren 30-jährigen Sohn sorgt. Sein Job als Versicherungsagent ist nicht aufregend, aber krisenfest und angesehen. Auf der von der Außenwelt fast völlig isolierten Insel Seahaven ist die Welt noch in Ordnung. Jedenfalls für Truman. Was er nicht weiß: Er ist der berühmteste TV-Star des Erdballs und unfreiwilliger Hauptdarsteller in der Reality-TV-Serie „The Truman Show“. 5000 Kameras, die auf der ganzen Kleinstadtinsel verteilt sind, beobachten Truman auf Schritt und Tritt. Alles ist unecht, alle sind eingeweiht. Seine Freunde, das Leben auf der Straße - alles von Schauspielern und Statisten dargestellt. Fast drei Jahrzehnte kam ihn nie ein Verdacht, dass etwas nicht stimmt. Erst als sich Pannen und Zufälle häufen, wird Truman misstrauisch ("Ich bin in irgendwas verwickelt ... aber ich weiß noch nicht was!") . Ein Scheinwerfer fällt von der Decke des monströsen TV-Studios direkt vor seine Füße, ein Regenguss erwischt ihn, obwohl zwei Meter weiter kein Tropfen vom Himmel fällt. Truman stellt Nachforschungen an... Der exzentrische Regisseur und Produzent Christof (Ed Harris) ist außer sich. Der Perfektionist will unter allen Umständen verhindern, dass Truman seinem wahren Leben auf die Spur kommt...

Der Australier Peter Weir („Der einzige Zeuge“, „Green Card“, „Fearless“) schuf mit „The Truman Show“ - genau wie sein Film-Pendant Christof ("Es ist keine Show ... es ist das Leben!") - eine eigene Welt. Truman Burbanks Seahaven ist für den Betrachter durch und durch künstlich, nicht aber für seinen Protagonisten – er kennt es nicht anders. Seit seiner Geburt verfolgen täglich Millionen an den Bildschirmen jeden Schritt, den er macht. Sie fiebern mit ihm, leiden mit ihm. Big Brother total quasi. Aus dieser starken Ausgangsidee, die Andrew Niccol (Regisseur von „Gattaca”) in ein brillantes, pointiertes Drehbuch packte, kreierte Weir ein tragisch-komisches Opus, das den Balanceakt zwischen feiner, aber beißender Medienkritik und dem Ansatz zu philosophischen Fragen des Seins mit Bravour meistert.

Jim Carrey gibt seinen Tor durchaus naiv, aber im Kern ist Truman clever - nach und nach kommt er der Sache auf die Spur. Der ehemalige Grimassenschneider ist erstmals in einer ernsten Rolle zu sehen und überzeugt in jeder Szene. In den komischen Momenten nutzt Weir das bekannte Talent Carreys, aber er hat weit mehr zu bieten und verleiht seinem Charakter eine Tiefe und zunehmende Tragik, die in seiner stärksten Szene gipfelt. Als der wasserscheue Truman in den Orkan segelt und beinahe in den tosenden Fluten ertrinkt, brüllt er Richtung Himmel - als wolle ich Gott anschreien, dabei ist sein Appell an den tobenden Christof gerichtet – „und mehr hast du nicht zu bieten!“. Das ist tragisch, dramatisch, bewegend. Großes Kino. Seine Mitstreiter unterstützen Carrey exzellent. Ed Harris („Apollo 13“) überragt als machtbesessener feingeistiger Exzentriker Christof, der sich mit allen Mitteln gegen das Scheitern seines Lebensprojekt wehrt – obwohl er dabei ohne es wirklich zu wollen, über jede Grenze geht. Noah Emmerich, Laura Linney und Natascha McElhone runden den exquisiten Cast mit starken Leistungen ab.

Der große Verdienst von Weir ist es, das Puzzle richtig zusammenzusetzen. „The Truman Show“ ist anspruchsvoll, regt zum Nachdenken an, wirkt aber nicht verquast oder moralisch überladen. Kino für den Kopf, aber nicht ausschließlich für’s Programmkino, sondern auch für die großen Säle. „The Truman Show“ spielte weltweit 260 Millionen Dollar ein (Deutschland steuerte knapp 3 Mio. Besucher bei), kam beim Mainstream-Publikum ebenso an wie bei anspruchsvolleren Besuchern. Die komödiantischen Elemente sorgen für eine unbeschwerte Leichtigkeit, die die tragische und dramatische Tiefe der Geschichte auffängt. Alles bleibt immer im perfekten Gleichgewicht. Der Film ist nicht eins zu eins zu übernehmen, sondern als Parabel auf unsere Gesellschaft zu verstehen. Zwar sind wir in Zeiten von „Big Brother“, „Inselduell“ und „Outback“ nicht mehr allzu weit davon entfernt und ein Format wie die „Truman Show“ wäre nur eine logische Konsequenz der derzeitigen Entwicklung, aber dieser letzte Schritt ist noch nicht getan. Peter Weir hat uns in meisterhafter Art schon einmal vorexerziert, wie diese schöne neue Welt aussehen würde. Großartig - ein moderner Klassiker.

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