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Saiten des Lebens
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Saiten des Lebens
Von Andreas Staben
In einer vielsagenden Szene von Yaron Zilbermans Musiker-Beziehungs-Drama „Saiten des Lebens" erzählt der von Christopher Walken gespielte Cello-Professor Peter Mitchell seinen Schülern eine Anekdote: Er habe einmal dem großen Pablo Casals ein Stück aus einer Bach-Suite vorgespielt und fand sich selbst ganz fürchterlich. Doch die Cellisten-Legende rief: „Bravo!", was der Jüngere überhaupt nicht verstehen konnte und für Unehrlichkeit hielt. Der Meister war indes nicht vom ganzen Vortrag beeindruckt, sondern „nur" von einigen spieltechnischen Einzelheiten. Diese positiven Aspekte waren Casals aber wichtiger als alle Schwächen und Fehler – daher das Lob. Es ist fast, als wollte Regisseur und Autor Zilberman den geneigten Betrachter dazu einladen, genau diese optimistische Sichtweise auf seinen Film anzuwenden, denn der ist als Ganzes auch nicht überzeugend, hat aber dank seiner Darsteller einige denkwürdige Momente zu bieten. So wird der erwähnte kleine Schwank vom Promi-Cellisten erst durch Christopher Walkens Darbietung zur überzeugenden Lektion und die abgeschmackte Kalenderweisheit „Denke positiv!" zur sympathischen Verhaltensmaxime. Nicht immer gelingt es den Schauspielern Zilbermans offensichtliche und überbetonte Analogien zwischen Kunst und Leben so zu veredeln, dafür ist der Film zu bemüht und eintönig inszeniert. Doch wenn sie es schaffen, dann bekommt „Saiten des Lebens" etwas von einer inspirierten Interpretation eines vielgehörten Musikstücks: neu und vertraut zugleich.

Seit 25 Jahren bereits spielt das New Yorker Fugue String Quartet zusammen, es zählt längst zu den führenden Kammermusikensembles der Welt. Doch nun erhält der Cellist und Gründer des Quartetts, Peter Mitchell (Christopher Walken), eine ernüchternde Diagnose: Parkinson! Er will sofort die Konsequenz ziehen und sich aus dem Quartett zurückziehen – eine Nachfolgerin wüsste er schon. Bei der Diskussion um die Zukunft des Ensembles brechen dann aber lange unterdrückte Spannungen hervor: Der zweite Geiger Robert Gelbart (Philip Seymour Hoffman) ist mit seiner Rolle unzufrieden und möchte im Wechsel mit dem etatmäßigen Primgeiger Daniel Lerner (Mark Ivanir) die erste Violine übernehmen. Der weist eine solche Rotation jedoch von sich und auch Roberts Ehefrau Juliette (Catherine Keener), die in dem Quartett die Viola spielt, hält von der Idee ihres Mannes nicht viel. Der flüchtet sich schließlich frustriert in die Arme der Tänzerin Pilar (Liraz Charhi). In die Krise wird schließlich auch Roberts und Juliettes Tochter Alexandra (Imogen Poots) hineingezogen, denn sie spielt auch Geige und wird ausgerechnet von Daniel unterrichtet. Als sich Lehrer und Schülerin schließlich näher kommen, droht die Situation zu eskalieren und selbst das letzte gemeinsame Konzert des Quartetts in der alten Besetzung steht auf der Kippe...

„Saiten des Lebens" ist so etwas wie eine Seifenoper unter Intellektuellen, was der kuriose deutsche Verleihtitel aus dem Poesiealbum noch unterstreicht – die Eifersüchteleien und Machtspielchen, die Liebeswirren und Konflikte unterscheiden sich im Kern nicht wesentlich von „Gute Zeiten, schlechte Zeiten", nur dass es hier etwas gediegener und geschliffener zugeht. Regisseur Yaron Zilberman nimmt die Sache allerdings todernst und bebildert den Reigen von kultivierten Konfrontationen mit symbolschweren Aufnahmen des New Yorker Winters. Nahezu jede Einstellung ist auf eine bestimmte klare Bedeutung hin inszeniert und die Dialoge sind mit Doppelsinn (ich rede über Musik, meine aber etwas anderes) förmlich überladen. So wird aus der grundsätzlich reizvollen Betrachtung des Innenlebens eines Streichquartetts, bei dem wie bei jedem musikalischen Spitzenensemble hochindividuelle Künstlerpersönlichkeiten zu einer gemeinsamen Stimme finden müssen, eine meist recht platte Darstellung von Gruppendynamik und Hierarchiegerangel ohne großen Musikbezug. Die konkrete künstlerische Arbeit nämlich kommt sehr kurz (immerhin sind die Schauspieler an ihren Instrumenten recht überzeugend) und die Musik wird nie zum glaubhaften Lebensmittelpunkt dieser Figuren, auch wenn oft von Leidenschaft und Besessenheit die Rede ist.

Wie in Klischees meist ein Körnchen Wahrheit steckt, so treffen auch Zilbermans Aphorismen und Metaphern zuweilen ins Schwarze. Die Wahl von Beethovens für Mitwirkende und Zuhörer aufreibendem Streichquartett Nr. 14 cis-Moll op. 131 als zentralem Musikstück macht sich spätestens in der Schlussszene bezahlt, in der ohne viel Worte mehr über die komplexen Beziehungen zwischen den vier Hauptfiguren zum Ausdruck kommt als in vielen langen Gesprächen vorher. Aber auch da gibt es Ausnahmen: Wenn Alexandra als Außenstehende (und Leidtragende) bei einer Autofahrt mit Daniel die Rollen im Quartett analysiert und charakterisiert, dann ist das dank der erfrischenden Imogen Poots („Fright Night", „Jane Eyre") eine ebenso einfühlsame wie glaubwürdige Beschreibung der Gruppe und wenn Robert und Daniel versuchen sich über ihr (musikalisches) Verhältnis zueinander zu verständigen, wird dies zu einer selten schmerzhaften Szene. Hätte Regisseur Zilberman sein eigenes Drehbuch beim Wort genommen, in dem es unter anderem darum geht, einmal die Noten beiseite zu lassen – sprich ein Wagnis einzugehen -, und so wie seine Darsteller gelegentlich mehr Eigensinn gezeigt, dann wäre aus „Saiten des Lebens" sicher ein lebendigerer Film geworden.

Fazit: Das eintönig inszenierte Drama über ein Streichquartett in der Krise plätschert gediegen vor sich hin, nur die Darsteller sorgen mit der Unterstützung von Beethovens Musik für einige individuelle Farbtupfer.
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