Die wilde Zeit
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Kritik der FILMSTARTS.de-Redaktion Die wilde Zeit

4,5


Von Michael Meyns

„Macht Filme über das, was ihr kennt“ wird Filmstudenten gerne mal gepredigt. Wenn es einen zeitgenössischen Regisseur gibt, dessen Werk diese Regel bestätigt, dann ist es Olivier Assayas. Mit Filmen wie „Demonlover.com“ oder zuletzt dem herausragenden „Carlos – Der Schakal“ erreicht er zwar ein breiteres Publikum, doch bei vielen Cinephilen genießen vor allem seine Werke mit autobiografischem Bezug den höchsten Stellenwert: „L‘eau Froide - Kaltes Wasser“, „Irma Vep“, „Ende August, Anfang September“ und nun „Die wilde Zeit“. In gleichermaßen epischem Bogen und intimer Nähe beschreibt Assayas in seinem neuen Drama wie seine Generation, die noch zu jung war, um den legendären Mai 1968 aktiv mitzugestalten, Anfang der Siebziger Jahre ihren Platz zwischen Politisierung, Beruf und der Liebe suchte.


1971, eine Kleinstadt in der Nähe von Paris. Gilles (Clément Métayer) ist bald mit der Schule fertig und in linken Gruppierungen politisch aktiv. Seine Passion ist jedoch die Kunst, genauer die Malerei – und eine Frau: Laure (Careole Combes). Doch ganz den Diktaten der freien Liebe folgend, will sich Laure nicht ganz auf Gilles einlassen, der stattdessen bald mit Christine (Lola Créton) zusammenkommt. Zwischen politischen Diskussionen, rauschhaften Zuständen und der Unbestimmtheit der Zukunft bewegt sich Gilles durch eine Welt im Umbruch. Die Notwendigkeit einen Platz im Leben zu finden, gepaart mit dem zunehmenden Zweifel an den linken Idealen führt ihn auf einen eigenen Weg, der ihn immer weiter von seinen Freunden entfremdet.


„Après Mai“, also „Nach dem Mai“, heißt Olivier Assayas „Die wilde Zeit“ im Original, ein Titel, der deutlich besser zur Unbestimmtheit der frühen Siebziger passt. Die vom Mai 1968 versprochenen Revolutionen sind ausgeblieben, der Enthusiasmus der vielfältigen Bewegungen ist dabei zu verblassen, die radikaleren Elemente werden sich bald dem Terrorismus zuwenden. In dieser Zeit wuchs der 1955 geborene Assayas auf, in dieser Zeit siedelt er seinen unverhohlen autobiographischen Film an. Sein Alter Ego heißt Gilles, ist zu Beginn des Films ausschließlich an der Malerei interessiert und driftet langsam, aber unaufhaltsam, ja geradezu schicksalhaft zum Film hin.


Doch welche Art von Film soll oder gar darf man als engagierter, politisch aktiver Künstler machen? Reicht es, die Ungerechtigkeiten der Welt abzubilden oder braucht ein revolutionärer Film auch einen revolutionären Stil? Solche und ähnliche Fragen werden immer wieder angesprochen, von Trotzkisten, Maoisten, Situationisten ist die Rede, wichtige Bücher der damaligen Zeit werden erwähnt, ohne dass Assayas mit „Die wilde Zeit“ je auch nur einen Moment Gefahr läuft, bloßes historisches Ausstattungskino a la „Baader Meinhof Komplex“ zu machen.


Dass liegt zum einen an der bisweilen unglaublichen Leichtigkeit, mit der der ehemalige Filmkritiker Assayas noch nicht mal eine Handlung schildert, sondern Situationen einfängt, die sich ganz beiläufig zu einer Geschichte, einem Generationenporträt formen. Obwohl dieses zwar aus zahlreichen Verweisen auf das Zeitgeschehen und die intellektuellen, sozialen Debatten besteht, dreht sich im Zentrum aber alles um die Liebe. Mit französisch-typischer Melancholie ist von der ersten großen Liebe die Rede, von Hoffnungen und Erwartungen, vom Begehren und dem unvermeidlichen Auseinanderdriften.


Es sind keine radikalen Brüche, von denen Assayas erzählt, sondern ganz unscheinbare Entwicklungen. Nicht unbedingt aus eigener Tatkraft, sondern angetrieben vom Lauf der Dinge, kommen Menschen zusammen und entfernen sich wieder. Anfangs noch ansatzweise radikal (da werden zum Beispiel Scherben in Leim gemischt, damit die angeklebten Protestplakate schwerer zu entfernen sind) entwickelt sich Gilles zunehmend anders als seine Freunde. Je wichtiger ihm das Filmemachen wird, je mehr er die oft plakativen Parolen seiner Zeitgenossen durchschaut, desto mehr entfremdet er sich von den beiden Frauen, die sein junges Leben bestimmten. „Die wilde Zeit“ ist allein schon ein herausragender Film durch die Art und Weise wie beiläufig und doch emotional Assayas diese kaum mögliche Entscheidung zwischen Revolution und Liebe inszeniert.


Fazit: Einmal mehr greift Olivier Assayas für „Die wilde Zeit“ auf eigene Erlebnisse zurück, die er mit seiner bekannten stilistischen Klasse und einer Riege meist junger, unerfahrener Darsteller zu einem packenden Generationenporträt formt. Doch nicht politische Parolen, sondern persönliche Erfahrungen stehen im Mittelpunkt des Films, getreu dem Motto, dass das auch und gerade das Private politisch ist.

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