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Klitschko
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Klitschko
Von Stefan Geisler
Vitali Klitschko und Wladimir Klitschko sind Brüder, Boxer, Schwergewichts-Weltmeister und Werbe-Ikonen. Bis zu 14 Millionen Zuschauer verfolgen allein in Deutschland regelmäßig die Boxkämpfe der beiden Muskelberge aus der Ukraine und geschätzte 99 Prozent der deutschen Bevölkerung kennen die Klitschkos - kein Wunder, sind die beiden nicht nur bekannte Faustkämpfer, sondern auch fähige Selbstvermarktungsstrategen. Neben Auftritten in großen Kinoproduktionen wie „Ocean's Eleven" oder „Keinohrhasen" sind die Klitschkos besonders in deutschen Webeblöcken omnipräsent, so verbindet man die beiden markanten Männergesichter nicht nur mit der beliebsten Milchcremeschnitte Deutschlands, sondern auch mit einer bekannen Fitnesskette oder seit neuestem auch mit alkoholfreiem Bier. Da man die Brüder hierbei in den meisten Fällen nur im Doppelpack zu Gesicht bekommt, ist es kaum verwunderlich, dass die Persönlichkeiten dabei verschwimmen. Die Klitschko-Brüder wieder einzeln greifbar zu machen, ist die Aufgabe von Regisseur Sebastian Dehnhardt („Der Kniefall des Kanzlers – Die zwei Leben des Willy Brandt"). Das Ergebnis ist ein Dokumentarfilm, der in erster Linie durch seine hervorragenden Box-Aufnahmen zu beeindrucken weiß, aber die interessante Hintergrundgeschichte der beiden Sport-Asse kaum besser als ein Wikipedia-Artikel beleuchtet.

1971 kam Vitali in Kirgistan als Sohn eines ukrainischen Offiziers und einer Pädagogin zur Welt, fünf Jahre später sollte dann Bruder Wladimir folgen. „Klitschko" zeigt die Erfolgsgeschichte des Fäuste schwingenden Brüderpaares – eine Jugend hinter dem Eisernen Vorhang, sportliche Anfänge im Amateurbereich, erste Erfolge im Boxgeschäft, Krisen und Rehabilitation. Bekannte Sportgrößen wie Chris Byrd, Lamon Brewster und Lennox Lewis kommen ebenso wie die engsten Familienmitglieder zu Wort, um das Phänomen Klitschko zu erklären. Regisseur Sebastian Dehnhardt begleitete Vitali und Wladimir Klitschko, oder wie sie auch genannt werden Dr. Eisenfaust und Dr. Steelhammer, rund um den Globus, um Eindrücke außerhalb des Rings zu sammeln und einen Einblick in das Privatleben der beiden Stars zu geben. So erzählen die Brüder über die Einberufung des Vaters ins atomare Krisengebiet Tschernobyl, über den ersten gemeinsamen USA-Trip, wo sie sich wie Aliens in einer fremden Welt wiederfanden, oder über die Erlebnisse beim Besuch des dubiosen Box-Promoters Don King.

Diese persönlichen Erlebnisse zählen hierbei zu den interessantesten, teilweise etwas zu kurz geratenen Passagen. Der Fokus ruht allerdings auf dem heroischen Aufstieg der Brüder in der Boxszene, wobei auch die zwischenzeitige Schaffenskrise thematisiert wird, aus der jeder für sich - einem Phönix gleich – gestärkt hervorging. Dabei fallen wichtige Aspekte unter den Tisch. So erfährt man etwa mit keinem Wort, dass beide Klitschkos einen Doktortitel innehaben und zu den erfolgreichsten Werbegesichtern Deutschlands gehören, womit sie auch außerhalb der Stadien einen ganzen Batzen Geld machen. Auch der politische Kampf Vitalis um Demokratie in der Ukraine kommt viel zu kurz. Warum? Möglicherweise war man der Ansicht, eine tiefere Auseinandersetzung mit den klugen, berechnenden Köpfen hinter den Fäusten würde der Erwartungshaltung des Publikums zuwiderlaufen. Und so bleibt, was ohnehin geläufig ist: die größten Erfolge der Schwergewichtsweltmeister.

Im zweiten Teil der 110-minütigen Dokumentation bestechen besonders die Super-Zeitlupen-Aufnahmen, die zweifelsfrei auf die große Leinwand gehören. So werden Auswirkung und Kraft eines jeden Schlages auf den menschlichen Körper erst richtig greifbar, wenn gezeigt wird, was mit Gesichtern passiert, wenn eine der Eisenfäuste mit voller Wucht ins Schwarze trifft. Dass Boxen ein exklusiver Sport für Leidensfähige ist, wird spätestens klar, wenn noch einmal auf die beeindruckenden Bilder vom Kampf Vitali Klitschkos gegen Lennox Lewis aus dem Jahre 2003 zurückgegriffen wird. Dieser musste damals in der achten Runde wegen einer stark blutenden Platzwunde am linken Auge Vitalis abgebrochen werden. Wer diese Bilder gesehen hat - und diesen zweifelhaften Genuss beschert Dehnhardt seinem Publikum zur Genüge -, der bekommt eine Ahnung davon, welche Gefahren dieser Sport birgt.

Abseits der Ring-Aufnahmen überzeugt der Film nur selten. Zu oberflächlich werden die Lebenswege der beiden Boxer behandelt. Zeitweilig erinnern die Statements der Boxgrößen zu stark an einen Imagefilm. Dieser Eindruck wird verstärkt, wenn die eisernen Trainingssequenzen nach den sportlichen Krisen der Brüder und ein platt-symbolisches Schachspiel ins rechte Licht gerückt werden. „Klitschko" ist ein Film für Fans der Klitschkos und Freunde des Boxsports. Einen tieferen Blick hinter die Kulissen, hinter das Scheinwerferlicht und den dicken Zigarrenqualm gibt es hier nicht. Wer sich aber noch einmal an den großartigen Karriereweg der beiden Spitzensportler erinnern möchte, der bekommt mit „Klitschko" die Vollbedienung.
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