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The Sessions - Wenn Worte berühren
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
The Sessions - Wenn Worte berühren
Von Carsten Baumgardt
Wenn jemand nach 18 Jahren Pause aus dem Kinoruhestand zurückkehrt, muss er schon triftige Gründe haben - so wie der in Polen geborene australisch-amerikanische Filmemacher Ben Lewin. Dessen Tragikomödie „The Sessions - Wenn Worte berühren" ist eine Herzensangelegenheit für den Regisseur, geht es in ihr doch um eine bemerkenswerte Episode aus dem Leben des Journalisten und Poeten Mark O'Brien, der wie Lewin an Kinderlähmung erkrankte. Während letzterer sich so gut erholte, dass er zumindest mit Gehhilfen laufen konnte, musste sein Protagonist einen großen Teil seines Daseins in einer Eisernen Lunge fristen. „The Sessions" basiert auf O'Briens Artikel „On Seeing A Sex Surrogate", in dem er beschreibt, wie er im Alter von 38 Jahren von einer Sex-Therapeutin entjungfert wurde. Lewin macht daraus einen so optimistischen und warmherzigen Film frei von jeglichem Zynismus, dass die berührende Geschichte die erzählerischen Schwächen größtenteils überdeckt.

Mark O'Brien (John Hawkes) ist seit seinem sechsten Lebensjahr unterhalb des Kopfes bewegungsunfähig, seine Muskeln versagen ständig ihren Dienst. Um überhaupt überleben zu können, muss Mark die meiste Zeit des Tages in einer Eisernen Lunge verbringen, die eine ausreichende Beatmung ermöglicht. Alles unterhalb des Halses ist dort luftdicht abgeschlossen unter einer schweren Röhre. Die „Ersatz-Lunge" darf Mark nur für einige Stunden am Tag verlassen, seine Pfleger schieben ihn dann auf einer Rollbahre umher. Diese Zeit genießt der gehandikapte Dauerpatient sehr. Sein eiserner Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen, färbt auch auf seine Mitmenschen ab. Als er sich allerdings in seine neue Pflegerin Amanda (Annika Marks) verliebt, überfordert er die junge Frau, die postwendend die Flucht ergreift und durch die wesentlich nüchternere Vera (Moon Bloodgood) ersetzt wird. Diese Erfahrung motiviert Mark, an der Umsetzung seines geheimsten Wunsches zu arbeiten: Er möchte einmal Sex haben! Der 38-Jährige nimmt seinen gesamten Mut zusammen und begibt sich in die Hände der Sex-Therapeutin Cheryl Cohen Greene (Helen Hunt). Sie hat sich darauf spezialisiert, gegen Geld auf behutsame Weise Sex mit ihren Patienten zu praktizieren. Mark holt sich bei seinem Freund, Pfarrer Brendan (William H. Macy), das Okay von ganz oben und dann kann es auch schon losgehen...

Auf den ersten Blick verwundert es ein wenig, dass sich Regisseur und Drehbuchautor Ben Lewin („Lucky Break", „Der Gefallen, die Uhr und der sehr große Fisch") gerade einer weniger bekannten, kleinen Episode aus O'Briens ereignisreichem Leben annimmt. Dessen Karriere als Journalist und Poet hätte einiges an hochkarätigem Stoff hergeben, doch alles das dient in „The Sessions" nur der Ausstaffierung am Rande. Der Regisseur konzentriert sich ganz auf die Geschichte um O'Briens Sex-Wunsch, hier geht es eben nicht um künstlerische oder politisch bedeutsame Glanzleistungen eines außergewöhnlichen Individuums, sondern um zutiefst persönliche, intime Aspekte seines von Krankheit geprägten Lebens. Ben Lewin hält sich nicht lange mit grundsätzlichen Erwägungen zum Thema Glück und Liebe auf, sondern macht die Sex-Therapie seines Protagonisten auf handfeste, aber auch entwaffnend charmante Weise zum Zentrum seines Films – und wenn man so will, verschafft er dem mitfühlenden Publikum damit eine ebenso befriedigende Erfahrung wie Mark.

So einfühlsam Lewin auch von den sexuellen Erfahrungen Marks erzählt, so eng gewählt wirkt zuweilen auch seine Perspektive. Er weiß nur zu gut, welche Knöpfe er drücken muss, um ganze Fluten von Empathiewellen auszulösen und geht dabei letztlich auf Nummer sicher. Möglicherweise ist Mark O'Brien tatsächlich so durch und durch sympathisch, so gar nicht zynisch und so unerschütterlich positiv gestimmt, wie er hier erscheint, aber Lewin entzieht seiner Hauptfigur geradezu den erzählerischen Boden, indem er ihr jeden größeren charakterlichen Widerhaken versagt. Wenn Mark eine Sex-Lektion nach der anderen bekommt, dann ist nicht nur Lewins Inszenierung statisch, sondern es fehlt auch die innere Spannung. Hier kämpft niemand gegen Verzweiflung und Sinnlosigkeit, sondern er möchte schlicht den Verlust der Jungfräulichkeit. Der Verzicht auf eine Überhöhung von Marks Wunsch ist eine durchaus sympathische Entscheidung, sie ist allerdings in gewisser Weise auch antidramatisch. So schleicht sich angesichts des doch sehr monotonen äußeren Ablaufs der Ereignisse doch irgendwann eine gewisse Ermüdung ein und wer ein etwas umfassenderes Bild von der Persönlichkeit O'Briens erhalten möchte, der muss sich Jessica Yus Oscar-prämierte Kurz-Dokumentation „Breathing Lessons" von 1996 anschauen.

Die genannten erzählerischen Einschränkungen fallen angesichts der überragenden darstellerischen Leistungen nur noch wenig ins Gewicht. John Hawkes („Winter's Bone") macht trotz seiner motorischen Limitierung überzeugend die Gefühlswelt des Mark O'Brien greifbar, ihm ist es zu verdanken, dass die so einseitig angelegte Figur dennoch lebendig und echt wirkt. Auch die furchtlose Helen Hunt („Besser geht's nicht"), die selbst durchaus heikle Nacktszenen mit größter Selbstverständlichkeit meistert, spielt mit großer Ernsthaftigkeit über einige Untiefen hinweg, denn auch ihrer Figur fehlt in der Anlage die doch so naheliegende Ambivalenz: Lewin porträtiert Cheryl Cohen Greene etwas leichtfertig als ernsthafte Wissenschaftlerin, die Marks sexuelle Fortschritte auf Band spricht und fein säuberlich notiert. Dabei ist es in den USA äußerst umstritten und woanders gar verboten, dass eine Sex-Therapeutin als Surrogatpartnerin selbst Hand anlegt und in den Nahkampf zieht. Der einzige, der sich hier wirklich an den moralischen Aspekten der Situation abarbeitet, ist der unkonventionelle Pfarrer Brendan und so avanciert der großartige William H. Macy („The Cooler", „Fargo") zum heimlichen Szenendieb des Films. Aber auch die weiteren Nebendarsteller wie die von Moon Bloodgood („Terminator: Die Erlösung") und Annika Marks („Mona Lisas Lächeln") gespielten Pflegerinnen passen sich wunderbar in das hervorragende Ensemble ein.

Fazit: Mit der warmherzigen Tragikomödie „The Sessions - Wenn Worte berühren" nähert sich Regisseur Ben Lewin ausgesprochen leichtfüßig einem schwierigen Thema. Die optimistische Ode an das Leben profitiert von einem vorzüglichen Ensemble und einer Menge feinen Humors, hat aber mit einigen strukturellen Problemen zu kämpfen.

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