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    Zero Dark Thirty
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Zero Dark Thirty
    Von Björn Becher
    Als Drehbuchautor Mark Boal und Regisseurin Kathryn Bigelow damit begannen, an einem Film über die Jagd der USA auf Terroranführer Osama Bin Laden zu arbeiten, lebte dieser noch – wie wir heute wissen – versteckt in Pakistan. Im Mittelpunkt des Films sollte daher die Schlacht um Tora Bora stehen, ein Angriff der Alliierten Streitkräfte auf einen Höhlenkomplex im Osten Afghanistans nur drei Monate nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Der amerikanische Geheimdienst vermutete damals, dass Bin Laden sich dort aufhielt – ein Trugschluss. Bigelow wollte diese sinnlose Schlacht als Sinnbild für die fast zehn Jahre dauernde ergebnislose Suche der größten Militärmacht der Welt nach einem einzelnen alten Mann nutzen. Kurz vor Beginn der Dreharbeiten wurde Bin Laden dann von Navy Seals in Pakistan getötet. Boal und Bigelow reagierten schnell, erarbeiteten ein neues Skript und begannen zehn Monate später mit einem Film über die nun erfolgreiche Jagd. Doch die Grundidee ihres Konzepts blieb unverändert und trotz des vermeintlich gelungenen Abschlusses erscheint die Hatz auf den al-Qaida-Führer in ihrem Film in einem zutiefst ambivalenten Licht. In „Zero Dark Thirty" wird nicht etwa ein großer Sieg von Geheimdienst und Militär gefeiert, stattdessen zeigt Bigelow in ihrem hochklassigen Thriller-Drama den unermüdlichen Kampf einer Frau gegen die zögerlichen Institutionen und setzt damit den um die Welt gegangenen Nachrichtenbildern eine menschliche Dimension entgegen.

    Zwei Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA wird die junge CIA-Agentin Maya Lambert (Jessica Chastain) nach Pakistan versetzt, wo sie in einem kleinen Agenten-Team unter Führung des Ex-Soldaten Daniel Stanton (Jason Clarke) Terroristen aufspüren und Terroranschläge verhindern soll. Bei zahlreichen, mit Foltereinsatz geführten Verhören von al-Qaida-Anhängern und Verdächtigen kommt Maya dabei mehrfach ein Name unter: Abu Ahmed al-Kuwaiti, der ein Kurier von Osama Bin Laden, dem Drahtzieher hinter den Terroranschlägen, sein soll. Maya glaubt über Abu Ahmed könne man Bin Laden aufspüren, doch der CIA-Chef in Islamabad, Joseph Bradley (Kyle Chandler), hält nicht viel von der fixen Idee. Als Stanton zurück in die USA geht, wird statt auf Mayas Spur lieber alles auf die Idee ihrer erfahreneren Kollegin Jessica (Jennifer Ehle) gesetzt. Die glaubt, einen mit viel Geld bestochenen Arzt in den inneren Zirkel der Terroristen einschleusen zu können. Als Jessicas Plan in einem brutalen Terrorschlag endet und Maya am selben Tag erfahren muss, dass „ihr Mann" Abu Ahmed schon lange tot sein soll, scheint die Jagd nach Osama Bin Laden endgültig in einer Sackgasse zu stecken. Doch Maya gibt nicht auf...


    Das Duo Kathryn Bigelow und Mark Boal erzählt mit „Zero Dark Thirty" nicht einfach die Chronik der Jagd auf Osama Bin Laden, sondern vor allem die Geschichte einer Frau, die wie Don Quijote gegen alle Widerstände darum kämpft, diese Jagd fortzuführen. Die erste Stunde des Films ist daher bisweilen zäh, besteht sie doch aus einer Aneinanderreihung von Vernehmungen, Folterungen und Besprechungen, doch die ist notwendig um Jessica Chastains Maya ein Profil zu geben. Als junge Nachwuchsagentin stößt sie in Pakistan zum Team von Daniel Stanton und sieht gleich am ersten Tag dessen Foltermethoden: Waterboarding zum Einstieg. Sie ist sichtlich angewidert von dem Vorgang, doch sie zwingt sich hinzusehen und erteilt später selbst den Folter-Befehl. Für sie ist die Folter letztlich schlicht ein Mittel zum Zweck. Dafür wurden Bigelow und Boal in der amerikanischen Öffentlichkeit teilweise massiv kritisiert. Der Film erwecke den Eindruck, Bin Laden wäre ohne Folter nicht geschnappt worden. Abgesehen davon, dass sich die Dinge bei genauer Betrachtung längst nicht so eindeutig präsentieren, verkennen diese Kritiker, dass sich die Filmemacher die Haltung ihrer Figuren, wo sie denn klar ist, keineswegs zu Eigen machen. Der Einsatz von Folter gehört eindeutig zu den Fakten dieser Geschichte, er wird hier aber weder verteufelt noch legitimiert. Bigelow zeigt die volle Abscheulichkeit des Prozesses und zugleich wie man sich bei der CIA damit arrangiert hat. Alles weitere bleibt dem Zuschauer überlassen.

    Schon bei der brillanten Auftaktszene ihrer ersten Zusammenarbeit, dem oscargekrönten Irak-Kriegsdrama „Tödliches Kommando - The Hurt Locker", zeigten Boal und Bigelow im perfekten Zusammenspiel von Drehbuch und Inszenierung wie man pure Spannung erzeugt. In „Zero Dark Thirty" knüpfen sie an diese Hochdrucksequenz am ehesten mit dem herausragend in Szene gesetzten Finale an, in dem die Navy Seals unter Führung von Teamleiter Patrick (Joel Edgerton) das Anwesen stürmen, auf dem sich Bin Laden versteckt hält. Von den nachtdunklen Totalen der herannahenden Hubschrauber wechselt Bigelow beim Zugriff selbst zu den grünlichen und unruhigen Bildern der Nachtsichtgeräte der Soldaten. Raum für Raum, Tür für Tür und von mehreren Seiten kommend arbeiten sie sich zu den Klängen der sehr subtilen Musik von Alexandre Desplat („Argo", „Der fantastische Mr. Fox") auf der Suche nach dem Terrorführer vor. Obwohl man den Ausgang kennt, erschafft Bigelow mit einigen genretypischen Dramatisierungen eine zunehmend klaustrophobische Atmosphäre und eine hochspannende Sequenz, die wiederum nichts von einem triumphalen Finale hat: Hier sind Profis am Werk, die einen Job machen, bei dem sie selbst zum Teil nicht so recht wissen, was sie von ihm halten sollen.

    Im Gegensatz zu den Figuren von Jason Clarke (als Mentor und „Chef-Folterer"), Kyle Chandler (als bürokratischer CIA-Chef für Pakistan), Edgar Ramirez (als erst zögerlicher, dann umtriebiger Feldagent Larry), James Gandolfini (als leicht ahnungslos wirkender CIA-Boss, der auch einer Satire entstammen könnte) oder Joel Edgerton und Chris Pratt (als Navy Seals, die Bin Laden schließlich töten), die alle nur einen Teil des Weges mitmachen, ist die herausragende Jessica Chastain („The Tree of Life", „The Help") die ganze Zeit dabei. Ihre Figur ist zugleich das emotionale Zentrum der Erzählung und dient ihr als Antrieb: Die Jagd nach Bin Laden ist für Maya ein persönlicher Kampf, dem sie alles unterordnet. Sie hat keine Freunde oder Liebhaber und mit jedem neuen Terroranschlag (die entsprechenden Szenen werden gerade in ihrer Sachlichkeit zu erschütternden Dokumenten der Macht- und Hilflosigkeit) bekommt sie stärkeren Druck von den Bossen: Sie soll aufhören, einem Phantom hinterherzujagen und besser die Terrorzellen von heute ausschalten. Selbst als sie endlich das Versteck von Bin Laden aufgespürt hat, will niemand den Befehl zum Einsatz geben, weil sie nicht mit hundertprozentiger Sicherheit beweisen kann, dass sich der Gesuchte wirklich dort befindet. Aber Maya lässt nicht locker und pinselt wie ein Sisyphus täglich aufs Neue die Anzahl der am Ende deutlich über 100 Tage, die seit Entdeckung des Quartiers tatenlos verstrichen sind, an das Fenster ihres Vorgesetzten George (Mark Strong) im CIA-Hauptquartier.

    Mit der Darstellung einzelner Soldaten, CIA-Analysten und –Agenten gibt Kathryn Bigelow der Jagd nach Bin Laden nicht nur eine individuelle menschliche Seite. Dadurch, dass sie die Alltagsarbeit von untergeordneten Einzelpersonen in den Vordergrund rückt und die strategischen und politischen Entscheidungen der höchsten institutionellen Repräsentanten meist als von dieser Wirklichkeit fatal entrücktes Geschachere erscheinen, macht die Regisseurin ganz klar: Der Militär- und Geheimdienstapparat der USA hat sich bei der Terroristenjagd nicht mit Ruhm bekleckert. Man ist in Fallen getappt, war zu unentschlossen und einigen Oberen schien es vor allem darum zu gehen, Verantwortung abzuwälzen. Passend dazu zeigt Bigelow zum Abschluss nicht etwa jubelnde CIA-Granden oder den zufriedenen Präsidenten Obama, sondern nur Maya, ganz allein und weinend. Sie hat nach acht Jahren voller Entbehrungen und Rückschläge ihr Ziel erreicht. Doch was kommt nun? Eine Frage, die sich nicht nur Maya persönlich stellt. Sie ist am Ende des Films an uns alle gerichtet: Osama ist tot – und was nun?

    Fazit: Mit „Zero Dark Thirty" gelingt Oscarpreisträger Kathryn Bigelow ein weiteres herausragendes Werk: ein intensives, spannendes Thriller-Drama über ebenso schwierige wie brennende Fragen, mit einer herausragenden Hauptdarstellerin und einer offenen, zur eigenen Auseinandersetzung und Interpretation anregenden Erzählweise.
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