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    Byzantium
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Byzantium
    Von Ulf Lepelmeier

    In den Neunzigern wurde dem dahinsiechenden Vampirfilm wieder neues Blut zugeführt, wobei Neil Jordan düsteres Epos „Interview mit einem Vampir“ (1994) eine entscheidende Rolle spielte. Fast zwanzig Jahre später wendet sich der irische Regisseur in „Byzantium“ ein weiteres Mal den Geschöpfen der Nacht zu. Angetrieben von den schwindelerregenden Erfolgen der „Twilight“-Saga sind die nach Blut dürstenden Wesen so en vogue wie noch nie, was zu zahlreichen unterschiedlichen Nachahmern führte: vom Jugenddrama „So finster die Nacht“ über das stylishe Berlin-Abenteuer „Wir sind die Nacht“ bis zur Arthouse-Tragödie „Durst“, um nur einige zu nennen. Auch Neil Jordans „Byzantium“, eine Verfilmung von Moira Buffiniaus Drama „A Vampire’s Play“, ist eine ganz eigene Auseinandersetzung mit dem Sujet. Die Erzählung der ewigen Flucht zweier vom Blutdurst getriebener Frauen, die auf äußerst unterschiedliche Weise mit ihrem Vampirsein umgehen, überzeugt vor allem durch die beiden Hauptdarstellerinnen.

    Clara Webb (Gemma Arterton) und ihre Tochter Eleanor (Saoirse Ronan) befinden sich seit Jahrhunderten auf der Flucht vor einer geheimnisvollen Bruderschaft. Nachdem die beiden grundverschiedenen Vampirdamen, die sich stets als Schwestern ausgeben, einmal mehr übereilt ihr Quartier verlassen mussten, landen sie in einer trostlosen Küstenstadt im heruntergekommenen Hotel Byzantium. Während Clara sich nur für die Gegenwart interessiert und versucht als Prostituierte Geld zu verdienen, hat Elenor das Bedürfnis ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Die ewig 16-Jährige erinnert sich daran, dass sie vor ihrer Vampirwerdung in eben diesem Küstenstädtchen in einem Waisenhaus aufwuchs. In einem Schreibkurs bringt sie ihre Lebensgeschichte zu Papier, was ihren Mitschüler Frank (Caleb Landry Jones) auf sie aufmerksam macht. Als immer mehr Menschen auf Grund von Blutverlust sterben und Eleanors Lehrer (Tom Hollander) sich mit der unglaublichen Geschichte seiner Schülerin auseinanderzusetzen beginnt, spitzt sich die Situation für Mutter und Tochter zu. In Form zweier Gesandter der Bruderschaft holt die Vergangenheit sie wieder ein...

    Lag der Fokus in „Interview mit einem Vampir“ noch auf zwei männlichen Vampiren, stehen in „Byzantium“ zwei Frauen im Mittelpunkt, die ganz auf sich allein gestellt sind. Auch wenn Regisseur Neil Jordan („The Crying Game“, „Ondine – Das Mädchen aus dem Meer“) den auf einer abgelegen Insel stattfindenden Vampirinitialritus mit wahren Blutfontänen inszeniert, schlägt er in „Byzantium“ grundsätzlich eine ganz andere Richtung ein. Jordans Vampirgestalten nutzen so keine Fangzähne mehr, um an das Blut ihrer Opfer zu gelangen, sondern verwenden stattdessen einen spitzen Daumennagel. Dieser andere Dreh spiegelt sich auch in der Inszenierung: Der genreerfahrene Regisseur liefert nur einige wenige morbid-atmosphärische Momente – wenn etwa Eleanor als Todesengel in Erscheinung tritt oder Clara nach ihrer Erweckung als Vampir in einem Wasserfall aus Blut badet. Größtenteils sind seine Bilder unaufgeregt. Jordan legt wenig Fokus auf die Erzählung einer düsteren und spannenden Geschichte, selbst für eine Entwicklung der beiden Protagonistinnen interessiert er sich kaum: Während Clara durchgehend die provokant auftretende Prostituierte bleibt, die ihre Opfer lustvoll in den Tod befördert, kann sich die introvertierte Eleanor nicht mit ihrer Unsterblichkeit arrangieren. In diesem Gegensatz, den Jordan immer wieder verdeutlicht, liegt allerdings der Reiz von „Byzantium“.

    Dass diese Reduktion auf die Beziehung der Figuren interessant bleibt, ist auch ein großer Verdienst der erstklassigen Darsteller. Saoirse Ronan („Abbitte“, „Wer ist Hanna“) überzeugt als ihren selbst auferlegten Moralvorstellungen folgende Eleanor. Diese trinkt nur das Blut von zum Tode geweihten Menschen, die sie als Engel des Todes willkommen heißen und von ihren Qualen erlöst werden wollen. Ronan spielt die ewig 16-jährige Eleanor als empfindsamen Teenager, der sich nach Stabilität und Liebe sehnt. Ihre bedächtige Annäherung an den an Leukämie erkrankten Frank erinnert dabei stark an die faszinierende Verbindung zwischen den beiden Kindern in „So finster die Nacht“ - allerdings ohne dabei dessen Tiefe zu entwickeln. Dem gegenüber steht Gemma Artertons („Prince Of Persia: Der Sand der Zeit“, „James Bond 007 – Ein Quantum Trost“) durchtriebene Clara, die ihrer Tochter die Hintergründe des Geheimbunds lange verschweigt. Ihre kraftvolle Performance steht deutlich mit dem zurückgenommenen, ruhigen Spiel Ronans im Kontrast. Jordan unterstreicht so die konträren Charakterzüge und die ambivalente Beziehung des Mutter-Tochter-Gespanns nochmals.

    Fazit: „Byzantium“ überzeugt mit einer morbid-melancholischen Atmosphäre und den erstklassigen Hauptdarstellerinnen Gemma Arterton und Saoirse Ronan, auf die der Film komplett zugeschnitten ist. Für die Erzählung einer spannenden Geschichte interessiert sich Neil Jordan daneben allerdings nicht.

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