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Lost Place
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Lost Place
Von Björn Becher

Die Macher von „Lost Place“  preisen ihren Film als ersten deutschen 3D-Mystery-Thriller an – und sie meinen natürlich „echtes“ stereoskopisches und kein erst in der Post-Produktion hochgerechnetes 3D. Sie haben schließlich mit der Red-Epic-Kamera gedreht, dem Modell, das auch Peter Jackson für seine „Hobbit“-Trilogie verwendete. Außerdem ist „Lost Place“ die erste deutsche Produktion, bei der Dolby Atmos eingesetzt wird, eine neue Surround-Sound-Technik, die eine noch bessere Verteilung von noch mehr Tonspuren auf noch mehr Lautsprecher im Raum ermöglicht - bisher gibt es weltweit noch keine 50 Dolby-Atmos-Filme und nur wenige Kinosäle, in denen der Effekt überhaupt wiedergegeben werden kann (im deutschsprachigen Raum sind es zum Start von „Lost Place“ gerade mal eine Handvoll). Debütregisseur Thorsten Klein nutzt seine beeindruckenden technischen Möglichkeiten dann auch nachhaltig, um – besonders bei einer Vorführung in entsprechend ausgestatteten Kinos - von der ersten Sekunde an eine spannungsgeladene Atmosphäre zu erzeugen, die dabei hilft, über kleinere dramaturgische Schwächen seines Thrillers hinwegzusehen.  

Die Zwölftklässler Daniel (François Goeske) und Elli (Jytte-Merle Böhrnsen) sind leidenschaftliche Geocacher. Nachdem sie sich bislang nur per Internet über ihre Schnitzeljagden mit GPS-Koordinaten  ausgetauscht haben, wollen sie nun gemeinsam im Pfälzer Wald einen „Cache“ finden, um den im Netz ein großes Geheimnis gemacht wird. Mit dabei sind Daniels Kumpel Thomas (Pit Bukowski) und Ellis ältere Freundin Jessi (Josefine Preuß), die sich allerdings beide eher widerwillig dem Trip in den Wald anschließen. Nachdem das Quartett ein paar kryptische Gefahrenschilder ignoriert hat, findet es in einem See an einem scheinbar verlassenen Campingplatz den „Schatz“, zu dem ein paar Haschkekse gehören. Doch nach einem kurzen Drogentrip wendet sich das Blatt: Jessi hat plötzlich eine Art epileptischen Anfall und ist nicht mehr ansprechbar. Dann stellt sich ihnen auch noch ein unheimlicher Mann in einem schwarzen Strahlenschutzanzug (Anatole Taubman) in den Weg. Er behauptet, dass sie sich mitten in einem offiziell ehemaligen Testgebiet des amerikanischen Militärs befänden, wo unter strenger Geheimhaltung immer noch Experimente mit Radiowellen durchgeführt würden. Ihr Leben sei in Gefahr, jedes elektrische Gerät – vom Handy bis zum Laptop – sei eine Bedrohung. Doch können die Vier dem Mann trauen oder will er sie in eine Falle locken? Und wie können sie entkommen?

Von der ersten Sekunde an ist in „Lost Place“ klar, dass sich Unheil zusammenbraut. Eine bedrohliche Soundkulisse übertönt schon die Firmenlogos am Filmanfang und auch wenn die Kamera direkt im Anschluss einen düsteren Korridor entlang gleitet, scheint Gefahr im Verzug zu sein – dass der Gang sich kurz darauf als harmloser Autobahntunnel entpuppt, unterstreicht die Effektivität dieses Beginns sogar noch. Debütregisseur Thorsten Klein versteht sich auf das Erzeugen einer unheilvollen Atmosphäre und auf genau diese setzt er auch ausgiebig. Die Gefahr manifestiert sich in „Lost Place“ nicht konkret auf der Leinwand (die einzige visuelle Wegmarke ist ein Funkturm als Quelle der Radiowellen), hier taucht nicht plötzlich eine Kannibalenfamilie, eine Zombiehorde oder eine andere monströse Schrecklichkeit auf, sondern Klein erzeugt eine unheilschwangere Stimmung der Verunsicherung, Desorientierung und Hilflosigkeit. Subtil setzt er dazu das ausgetüftelte Sound-Design ein, spielt mit Licht, Schatten und den Ängsten des Publikums. Durch die geschickte Anknüpfung des Filmszenarios an verbürgte Fakten wie an spekulative Verschwörungstheorien verstärkt er das unterschwellige Unbehagen noch: Die Amerikaner haben zu Zeiten des Kalten Krieges tatsächlich mit Radiowellen experimentiert – auch in Deutschland. Und angeblich wollten und konnten sie damit das Wetter oder sogar Menschen beeinflussen...

Wenn die Jugendlichen im Finale durch die finsteren Gänge unter dem Funkturm schleichen, gönnt uns Klein doch noch einige klassische Schockmomente und effektvollen Jump-Scare-Horror. Mit seinem feinen Gespür für Stimmungen und Wirkungen sorgt er dafür, dass der Film fast durchweg spannend bleibt, mit der starken Inszenierung macht er auch die eine oder andere Drehbuchschwäche wett. So sind etwa die Gegensätze zwischen den Figuren so stark ausgeprägt, dass nur schwer nachvollziehbar ist, warum Daniel und Thomas sowie Elli und Jessi überhaupt miteinander befreundet sind. Ebenso bleibt es rätselhaft, warum die so offensichtlich nicht daran interessierten Thomas und Jessi bei der Schatzsuche mitmachen – trotz einer angedeuteten Erklärung. Neben den Schwächen bei der Figurenzeichnung gibt es auch Defizite beim zuweilen allzu konventionellen Handlungsaufbau. Wenn etwa gleich zu Beginn Daniels panische Angst vor Insekten plump eingeführt wird, dürfte jedem Zuschauer klar sein, dass die Phobie beim Showdown überwunden werden muss.

Alle Einschränkungen - einschließlich einiger wenig lebensnah erscheinenden Dialoge und Thomas‘ übertriebenem Einsatz von Jugendsprache - tun den durchweg guten Leistungen des Darstellerquintetts indes kaum Abbruch, vor allem Ex-James-Bond-Bösewicht (in „Ein Quantum Trost“) Anatole Taubman überzeugt. Er darf dem Affen so richtig Zucker geben und legt als (durchgeknallter?) Wissenschaftler und Verschwörungstheoretiker einen eindrucksvollen Auftritt hin. Obwohl er die kürzeste Leinwandzeit hat, ist seine Figur am besten entwickelt und besitzt die meisten Facetten. Er wandelt sich vom klassischen Bösewicht mit einem denkwürdigen ersten Auftritt im Strahlenschutzanzug schnell zum vermeintlichen Retter, bleibt aber trotzdem stets eine diffuse Figur: Ist er vielleicht so verrückt, dass von ihm doch eine Gefahr ausgeht oder spielt er den anderen ganz bewusst etwas vor, gibt sich bloß als Helfer aus und will das Freundesquartett in einen Hinterhalt locken?

Fazit: Der erste deutsche Horror-Mystery-Thriller in 3D überzeugt nicht nur durch seine interessante Ausgangsidee, sondern vor allem durch die beklemmende Atmosphäre und die beeindruckende technische Umsetzung. „Lost Place“ ist so trotz dramaturgischer Schwächen sehenswert – vor allem im Kino.

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