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Staudamm
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Staudamm
Von Sophie Charlotte Rieger
Mit „Staudamm“, der den Preis der Ökumenischen Jury auf dem 9. Achtung Berlin Festival 2013 gewann, versucht sich Regisseur Thomas Sieben dem brisanten Thema Amoklauf auf unkonventionelle Weise zu nähern: Um dass Unvorstellbare in Bilder und Worte zu fassen, wählt er bewusst eine indirekte Perspektive. Mit großer Ruhe und viel Feingefühl nimmt Sieben die Geschehnisse aus den Augen eines Außenstehenden unter die Lupe, erliegt schließlich aber doch der Versuchung, Erklärungen für das eigentlich Unerklärliche zu finden.

Roman (Friedrich Mücke) verdient seinen Lebensunterhalt mit dem Einlesen von Gerichtsakten. Dabei stößt er eines Tages auf den Fall eines Amoklaufs in der bayerischen Provinz. Um an weitere Unterlagen zu gelangen, reist er an den Ort des Geschehens, wo er die junge Laura (Liv Lisa Fries) kennen lernt, die das schreckliche Ereignis selbst miterlebt hat. Gemeinsam begeben sie sich auf eine Reise in die Vergangenheit, die nicht nur Roman, sondern auch Laura dabei hilft, das Geschehene zu begreifen und zu verarbeiten.

Thomas Sieben („Distanz“) und Drehbuchautor Christian Lyra („Add A Friend“, „Jasmin“) haben sich für die Recherche zu ihrem schwierigen Thema viel Zeit genommen. Sie beschäftigten sich dabei unter anderem intensiv mit dem Attentat Robert Steinhäusers in Erfurt 2002 und konnten tiefe Einblicke in das Leben der Hinterbliebenen gewinnen. Eine wichtige Quelle stellte dabei der „Bericht der Kommission Gutenberg Gymnasium“ dar, der die Ereignisse in der Erfurter Schule in trockener Beamtensprache wiedergibt. Diese nüchterne Auseinandersetzung mit einem stark emotional aufgeladenen Ereignis spiegelt sich in den Gerichtsakten wieder, die Roman in „Staudamm“ im Rahmen seines Nebenjobs einlesen muss. Diese betont nüchterne Weise, mit der über den fiktiven Amoklauf berichtet und auf zusätzliche Dramatisierung verzichtet wird, ist dem Thema absolut angemessen. Gleichzeitig zeigt sich so auch die Schwierigkeit, sich einer solch unvorstellbaren Tat in einem dramatischen Medium wie dem Film anzunähern.

Thomas Sieben stattet seine Protagonisten gerade mit so viel Persönlichkeit aus, dass sie glaubhaft wirken, gleichzeitig aber als universelle Chiffren erhalten bleiben. Seine Hauptfigur Roman bleibt ein distanzierter Beobachter, dessen Reise zum Tatort zwar eine Art Ausbruch aus seinem festgefahrenen Leben bedeutet, dessen persönliche Geschichte jedoch nie zum Mittelpunkt des Films wird. Er bleibt das Medium, mit dessen Hilfe sich der Zuschauer mit dem Amoklauf auseinandersetzen kann. Weitaus komplexer gestaltet sich die Figur der Laura, die selbst ein Jahr nach dem Ereignis noch mit den traumatischen Folgen zu kämpfen hat. Damit widmen sich Sieben und Lyra in ihrem Film weniger dem Attentat als solchem als vielmehr dem Danach und machen deutlich, dass für Überlebende und Hinterbliebene der Albtraum eines Amoklaufs nicht mit dem Tod des Attentäters endet. Hier erinnert „Staudamm“ ein wenig an Lynne Ramsays „We Need To Talk About Kevin“, in dem es die Mutter eines Amokläufers ist, die die Tat ihres Sohnes zu bewältigen versucht. Indem Thomas Sieben mit Roman und den Gerichtsakten eine distanziertere Perspektive wählt, lässt er dem Zuschauer noch mehr Raum für eigene Interpretationen und Überlegungen. Diese Mutmaßungen werden jedoch zum Ende des Films durch eine Offenlegung der Motive des Täters untergraben. Dass Sieben und Lyra schließlich doch eine Erklärung für das vermeintlich Unerklärliche liefern, lässt ihren Film einen Teil seiner Überzeugungskraft einbüßen.

Fazit: Mit „Staudamm“ gelingt Thomas Sieben und Christian Lyra eine sensible und größtenteils glaubwürdige Annäherung an das Phänomen Amoklauf. Die große Ruhe und Distanziertheit der Erzählung macht „Staudamm“ zu keinem einfachen, aber einem eindringlichen Filmerlebnis.

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