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A.C.A.B. - All Cops Are Bastards
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
A.C.A.B. - All Cops Are Bastards
Von Robert Cherkowski
Die Polizei, dein Freund und Helfer? Das war einmal. Phrasen à la „Fuck the Police" gehören längst zum Pop-Grundwortschatz. Nach der skandalösen Misshandlung vieler G8-Demonstranten in Genua 2001 wurde mit dem der Punk- und Hooligan-Szene der 70er entliehenen Motto „A.C.A.B. - All Cops are Bastards" gleich ein gesamter Berufszweig über einen Kamm geschoren. 2009 erhob Carlo Bonini dieses Credo zum Titel eines Sachbuches und späteren Bestsellers, in dem der Journalist den italienischen Polizei-Apparat als verschworenen Männerbund auf Kriegsfuß mit dem eigenen Volk anprangerte. Stefano Sollima, der Sohn des Italo-Western-Veterans Sergio Sollima („Der Gehetzte der Sierra Madre"), nimmt sich nun des Stoffes an und liefert nach zahlreichen TV-Arbeiten und einigen Kurzfilmen einen ersten Kinospielfilm von internationaler Klasse ab. „A.C.A.B." ist dabei alles andere als ein handelsübliches Genre-Stück im Cop-Milieu wie „S.W.A.T.", „PTU - Police Tactical Unit" oder die Serie „The Shield". Stattdessen ist Sollima packendes Polit-Kino aus der Froschperspektive gelungen, das den Vergleich zum Berlinale-Sieger und klaren Vorbild „Tropa de Elite" weder in puncto inszenatorischer Brillanz noch bezüglich seiner ideologischen Streitbarkeit scheuen muss.

Die Polizisten Cobra (Pierfrancesco Favino), Negro (Filippo Nigro) und Mazinga (Marco Giallini) sind Mitglieder einer hartgesottenen Polizeieinheit, die gegen Autonome, Streikende oder Hooligans eingesetzt wird. Inzwischen ist ihnen jedoch keineswegs mehr so klar, ob sie auf der richtigen Seite stehen, warum sie sachlich argumentierende Demonstranten zusammenschlagen - und ob es wirklich die richtige Methode ist, junge Kriminelle zu jagen, anstatt das System anzuprangern, dessen Ungerechtigkeit Menschen ins soziale und rechtliche Abseits treibt. Obgleich der Burnout droht und die drei Männer ihr Leben abseits der Einsätze immer mehr zerfallen sehen, gelingt es dem Trio nicht, den physischen und psychischen Schlachtfeldern ihres Berufes zu entkommen...

Schon mit seinem Vorspann, in dem sich die Protagonisten zu den stadionseligen Klängen von „Seven Nation Army" uniformieren und sich allein mit dem Anlegen ihrer „neuen Haut" in entmenschlichte Ordnungs-Maschinen verwandeln, rückt Sollima die Ästhetik militaristischer Muskelspiele in den Mittelpunkt seines Films. Damit weckt er Erinnerungen an das skandalumwitterte „Born Free"-Video von M.I.A. und entfaltet eine ähnlich intensive Sogwirkung, die über weite Strecken des Films anhält. Schnell ist klar, dass man diese Männer nicht von außen und nicht mit klarem Kopf verstehen kann, das wird erst über eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihrem Militär-Fetischismus möglich. Cobra, Negro und Mazinga sind keine Helden, die ihren eigenen Weg gehen, sondern Fußsoldaten. Über richtig und falsch entscheiden die Polizisten nicht. Sie befolgen Befehle, von denen sie ahnen, dass sie falsch sind, die sie jedoch nicht hinterfragen. Also bekämpfen sie Demonstranten und Streikende, die gegen einen Staat auf die Straße gehen, der mit bürokratischer Kälte sein Gewaltmonopol durchsetzt und eine grausame Idee von Gerechtigkeit vorschreibt.

Sobald sie ihre Uniformen ablegen und sich wieder in Zivilisten verwandeln, wirken die Polizisten verloren und überfordert in einem System, das sie mit Gewalt aufrechterhalten, obwohl es ihnen selbst keinen Halt bietet. Als Väter, Söhne, Ehemänner und Alltagsmenschen erinnern sie an die Figuren einer Kathryn Bigelow („The Hurt Locker"), die ebenfalls nur in Extremsituationen funktionieren und nicht mehr in eine Art Normalität zurückfinden können. Die Darsteller meistern ihre schwere Aufgabe beeindruckend und überzeugen gleichermaßen in ruppigen Machoposen und in Stimmungen der Verletzlichkeit und Frustration. Für differenzierte Zwischentöne räumt Sollima ihnen wohlweislich auch hinreichend Raum ein, der Regisseur nimmt immer wieder den Fuß vom Gaspedal und inszeniert betont ruhige Strecken. Seine Inszenierung ist auch abseits dieser durchdachten und konzentrierten Schauspielerführung stark – der Film ist jederzeit packend und man kann sich der aufgeheizten Stimmung und der provokanten Akzentsetzung kaum entziehen.

Politisch heikel ist Sollimas Tuchfühlung mit den „Bastards" dabei durchaus. Ähnlich wie Jose Padilhas grimmiger Polizei-Reißer „Tropa De Elite" ist auch „ACAB" ein aufregender Höllenritt, bei dem die kritische Distanz, die beispielsweise im schockierenden Polizeigewalt-Thriller „Diaz - Don't Clean Up This Blood" noch gewahrt wurde, von Beginn an aufgegeben wird. Sollima drängt sein Publikum in die Reihen der Cops und setzt offen auf die Schauwerte seines Szenarios. Immer wieder verführt er dazu, sein Spektakel wie einen reinen Actionfilm zu rezipieren. Je nach Lesart lässt sich das durchaus als grobe Gewaltverharmlosung interpretieren. Oder aber als wohlüberlegten Verzicht auf den erhobenen Zeigefinger - und als Bericht über unpolitische Männer, die in einem nahezu sprichwörtlichen Pulverfass leben und dabei vergessen, dass auch sie Bürger sind, die hier ihr eigenes Gefängnis zu errichten helfen. Dass sie auf beiden Seiten zugleich stehen, wird in einem unprätentiös symbolträchtigen Finale offenbar, wenn ihnen im Chaos von Pflastersteinen, Tränengas und Rauchschwaden dämmert, dass sie körperlich und moralisch auf verlorenem Posten kämpfen.

Fazit: Sergio Sollimas „A.C.A.B." ist ein glänzend inszenierter, dabei aber auch ein schmerzhaft herausfordernder Kino-Bericht zu den Schlachtfeldern des heutigen Europa - und einer der besten Politfilme des Kinojahres 2012.
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