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Cinema Jenin
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Cinema Jenin
Von Sophie Charlotte Rieger
1987 wird das letzte palästinensische Filmtheater, das „Cinema Jenin", im Rahmen der ersten Intifada geschlossen – und das Kino verabschiedet sich von der krisengeschüttelten Region. Etwa 20 Jahre später beschließt der deutsche Filmemacher Marcus Vetter, das verwahrloste Lichtspielhaus wieder aufzubauen und die schwierige Durchführung dieses Projekts zum Thema eines Dokumentarfilms zu machen. Entdeckt hat er das heruntergekommene Kino im Herzen des Dorfes, das einst als Brutstätte des Terrors galt, während der Dreharbeiten zu seiner Dokumentation „Das Herz von Jenin". Doch es geht um viel mehr als nur ein Kino: „Cinema Jenin" gewährt einen ebenso informativen wie bewegenden Einblick in das Leben im heutigen Palästina. Vetters Projekt nämlich ist keineswegs nur durch die Liebe zum Kino motiviert. Er hat seine Kontakte vor Ort vielmehr genutzt, um das verlassene Gebäude in eine kulturelle Begegnungsstätte zu verwandeln. Doch längst nicht alle Bewohner Jenins befürworten seine Pläne: Im Rahmen des Wiederaufbaus werden Vetter und sein Mitstreiter Fakri Hamad mit den Zweifeln, Befürchtungen und zuweilen Aggressionen der Bevölkerung konfrontiert, finanzielle Engpässe und die politische Krise drohen das Projekt scheitern zu lassen.

Vetter ist dabei nicht nur hinter, sondern auch vor der Kamera äußerst aktiv: „Cinema Jenin" ist ein filmisches Tagebuch, das sein Engagement in Jenin dokumentiert. Dementsprechend agiert Kameramann Alex Bakri die meiste Zeit als zumindest vordergründig neutraler Beobachter. Nur selten tragen inszenierte Bilder zur Atmosphäre des Filmes bei, nur an wenigen Stellen zielt die Musikuntermalung auf emotionale Reaktionen ab. Das Ergebnis ist eine realistisch gehaltene, nie aber zu nüchterne Darstellung berührender Ereignisse, die ein gewisses Verständnis für die unmittelbaren Auswirkungen des Nahostkonfliktes auf das Alltagsleben der Palästinenser ermöglicht. Vetter lässt beeindruckende Persönlichkeiten aus seinem Arbeitsumfeld - vom israelischen Filmemacher bis hin zum ehemaligen Hamas-Kämpfer – zu Wort kommen, die ihre Sicht auf die andauernde Krise artikulieren. Dabei schafft der Regisseur eine große Nähe zwischen Publikum und Protagonisten, deren sehr persönliche Erzählungen zuweilen für Gänsehaut sorgen.

Über Vetters geduldige Auseinandersetzung mit diesen verschiedenen Perspektiven wird durchaus auch transparent, worin die Hürden einer Wiederannäherung zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen bestehen. Eine umfassende politische Konflikthistorie hatte der Filmemacher dabei jedoch nicht im Sinn. Konsequent verzichtet er darauf, der hochkomplexen Vorgeschichte der Krise nachzuspüren. Stattdessen konzentriert er sich darauf, eine substanzielle Momentaufnahme zu formulieren, in der die Geschichte des Landes fast ausschließlich über die dargestellten Personen ausgedrückt oder angedeutet wird. Etwas Vorwissen braucht man also, um Begriffe wie „Intifada" und „Hamas" einordnen zu können. Für die Botschaft des Films ist dies jedoch weniger relevant: Mit „Cinema Jenin" unterstreicht Vetter die Bedeutung der Kunst für den Friedensprozess in einer Krisenregion, ohne die Lage zu beschönigen oder seinen Film gar als Lösung der Probleme zu präsentieren – vielmehr zeigt er schlichtweg einen akuten Handlungsbedarf auf.

Fazit: „Cinema Jenin" ist ein ehrlicher und authentischer Dokumentarfilm, mit dem Marcus Vetter ein differenziertes Bild Palästinas jenseits der Nachrichtenberichterstattung zeichnet und ein tieferes Verständnis für die Sorgen der Bevölkerung ermöglicht, gerade indem er die Schattenseiten nicht verschweigt.
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