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5 Jahre Leben
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
5 Jahre Leben
Von Gregor Torinus
Kaum zu glauben, dass „5 Jahre Leben“ der Abschlussfilm von Stefan Schaller an der Filmakademie Baden-Württemberg war, so stark ist sein auf Tatsachen beruhendes Drama. Schaller schildert das Schicksal des Deutsch-Türken Murat Kurnaz, der kurz nach dem 11. September 2001 ohne konkrete Beweise als Terrorverdächtiger verhaftet und für fünf Jahre im berühmt-berüchtigten Gefangenenlager von Guantanamo festgehalten wurde. Und das, obwohl man in den USA bereits 2002 zu der Einschätzung gelangt war, dass Kurnaz unschuldig ist. Seine baldige Entlassung war jedoch aus politischen Gründen gerade von deutscher Seite nicht erwünscht - mit der Folge, dass sowohl CIA als auch BND alles daran setzen, Kurnaz zu einem Geständnis zu bringen, das ihr Vorgehen im Nachhinein hätte rechtfertigen können. Stefan Schaller blendet den größeren politischen Kontext jedoch weitestgehend aus und konzentriert sich ganz auf die persönliche Ebene, in der die Beziehung zwischen Kurnaz und einem Verhörspezialisten der CIA im Mittelpunkt steht.

Eine schwarze Kapuze behindert die Sicht der wie Vieh zusammengepferchten Gefangenen auf dem Weg zum Gefangenenlager Guantanamo Bay. Dort angekommen werden sie unter Schlägen in käfigartige Verschläge getrieben. Einer von ihnen ist der Deutsch-Türke Murat Kurnaz (Sascha Alexander Gersak). Er wurde von den Amerikanern in Pakistan festgenommen und über ein Zwischenlager in Afghanistan nach Kuba verschleppt. Im Lager sind Schikane und Folter an der Tagesordnung. Kurnaz‘ Zellennachbar hat keine Beine mehr und erzählt Murat, wie er zuerst von den Wachen brutal zusammengeschlagen wurde und ihm anschließend die Beine auf der Krankenstation amputiert wurden. Als Murat nach einem späteren Übergriff der Wachen einen gebrochenen Finger davonträgt, weigert er sich, diesen ärztlich behandeln zu lassen. Zu dem physischen kommen psychische Qualen: Stundenlange, zermürbende Verhöre, in denen ein Stakkato immer gleicher Fragen auf ihn niederprasselt. Doch Murat gibt nicht auf: Eine Besserung seiner Situation scheint nah, als der zivilisiert wirkende Gail Holford (Ben Miles) aus Washington anreist, um sich Murats Fall anzunehmen. Doch schnell wird klar, dass der abwechselnd falsche Hoffnungen weckende und sadistische Spielchen treibende CIA-Mann nicht gekommen ist, um zu helfen, sondern um mit allen Mitteln ein Geständnis von Murat zu erpressen.

Nicht nur Wolfgang Petersen hat sich mit seinem Klassiker „Das Boot“ als Experte für spannende und dramatische Geschichten vor einem klaustrophobischem Setting bewiesen, sondern viele andere deutschsprachige Regisseure haben es ihm auf höchst unterschiedliche Weisen nachgetan und dabei ebenfalls mit geringen Mitteln maximale Wirkung erzielt: Carl Schenkel mit „Abwärts“ (1984), Romuald Karmakar mit „Der Totmacher“ (1995) oder Florian Henckel von Donnersmarck mit dem oscarprämierten „Das Leben der Anderen“ (2006) um nur einige zu nennen. Stefan Schaller ist ein weiterer Name in dieser Liste. Wie authentisch er Guantanamo in Brandenburg entstehen lässt verblüfft: „5 Jahre Leben“ macht trotz des deutschen Drehorts die flirrende, kubanische Hitze auf Guantanamo fast körperlich spürbar. Wie Hunde in Zwingern sind die Insassen des Camp-X-Ray fast schutzlos den Elementen ausgesetzt und doch ist dies nur die Vorhölle. Nach der Verlegung in das neu erbaute Camp Delta sehen Murat und seine Mitgefangenen gar keine Sonne mehr. Doch auch diese Hölle ist noch erträglich im Vergleich zu der folgenden Einzelhaft, in der Murat bei durchgängig gleißender Beleuchtung abwechselnd mit Hitze, Kälte und permanenter Musikbeschallung gefoltert wird. Immer weiter wird sein Lebensraum eingeengt, bis er schließlich dem Wahnsinn nahe ist und sich nur noch den Tod wünscht – doch nicht einmal sterben darf man auf Guantanamo:  Als Murat in den Hungerstreik tritt warnt ihn sogar ein Wärter vor der unausweichlichen schmerzhaften Zwangsernährung.

Der Verhörspezialist Gail Holford hingegen nutzt die Lage, um Murat vorzuhalten, wie lange ein Mensch ohne Nahrung überleben kann und welche bestialischen Beschwerden bis zum Eintritt des Todes noch zu erwarten sind. Trotzdem ist der von Ben Miles („Ninja Assassin“, TV-Serie „Coupling“) beeindruckend vielschichtig dargestellte CIA-Mann zugleich immer noch ein Mensch, der mit der Zeit zunehmenden Respekt, wenn nicht sogar Sympathie für Murat entwickelt. Diese Ambivalenz zeigt sich auch in der Person des Gefangenen. Nie wird die Unschuld von Murat Kurnaz explizit bestätigt. Stattdessen zeigt Regisseur Schaller mit einigen Rückblicken in die Bremer Vergangenheit, dass er sich dort unter Umständen tatsächlich mit den falschen Personen eingelassen haben könnte. Zugleich verdeutlichen diese Rückblenden den Grund für Murats Bekehrung zum Islam und zeigen, dass die Annahme dieses Glaubens für ihn einen Schritt zu einem besseren Leben bedeutete. Darüber hinaus machen Bilder wie die von Murats Heirat schmerzhaft spürbar, dass hier einem jungen Menschen einfach sein Leben weggenommen wurde. Am Ende des Films  ist Murat Kurnaz erst gut 400 Tage auf Guantanamo inhaftiert. Insgesamt sollen es 1725 Tage werden, fünf Jahre im Leben eines jungen Mannes, dem im Alter von 19 Jahren alles genommen wurde, was man einem Menschen nehmen kann. Ob man an diesem Punkt von der Unschuld von Murat Kurnaz überzeugt ist oder nicht, ändert an der klaren Stellungnahme von Schaller zu Guantanamo in „5 Jahre Leben“ nichts: Der Regisseur zeigt das Gefangenenlager als verabscheuungswürdiges System.

Fazit: In seinem beeindruckenden Regiedebüt „5 Jahre Leben“, beschreibt Stefan Schaller das tragische Schicksal des Deutsch-Türken Murat Kurnaz. Neben der beklemmend realistischen Darstellung des Systems Guantanamo, wird die Frage aufgeworfen, was eigentlich noch verteidigt werden soll, wenn eine Demokratie zur Jagd auf Terroristen bedenkenlos die eigene Verfassung bricht und die Menschenrechte einfach außer Kraft setzt.

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Kommentare

  • Serkfried
    Immer noch keine Kommentare. Hat ihn denn niemand gesehen? Dann werde ich es tun, nachdem ich ihn gesehen habe.
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