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Die geliebten Schwestern
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Die geliebten Schwestern
Von Andreas Staben
Ein dreistündiger Historienfilm über Friedrich Schiller und seine Liebe zu zwei Schwestern: Was auf dem Papier nach potentiell anstrengendem und steifem Bildungs-Kino klingen mag, erweist sich in Dominik Grafs „Die geliebten Schwestern“ als vitaler, unverschämt charmanter, berührender und wunderschöner Liebesfilm. Der zehnfache Grimme-Preisträger und Polizei-Thriller-Spezialist („Tatort: Frau Bu lacht“, „Die Sieger“) ist nach acht Jahren, in denen er nur fürs Fernsehen gearbeitet hat, zum Kinofilm zurückgekehrt und sorgte mit seiner leidenschaftlichen Dreiecksgeschichte für einen frühen Höhepunkt im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele in Berlin 2014. Mit feinem Gespür für die Handlungsepoche mit ihren Umbrüchen und noch feineren Antennen für die Gefühlsregungen seiner Figuren erzählt Graf von der Utopie einer Liebe zu dritt, aber auch von der Liebe zur Sprache, zur Freiheit und zur Idee der Liebe selbst. Wie bei einem Roman, den man nicht mehr aus der Hand legen mag, entfalten die 170 Minuten der Festivalfassung über kleine dramaturgische Unebenheiten hinweg - die bei einer solch wild bewegten Geschichte nicht ausbleiben - einen ganz besonderen Sog. Einen anderen Rhythmus schlägt der Regisseur in der 138-minütigen regulären Kinoversion an, wobei er die Handlungselemente so gut wie unangetastet lässt, während es fürs Fernsehen eine zweiteilige Fassung mit insgesamt 180 Minuten Laufzeit geben wird.

Im Herbst 1787 wird die junge Adelige Charlotte von Lengefeld (Henriette Confurius) zu ihrer Patentante Frau von Stein (Maja Maranow) nach Weimar geschickt, um  dort in die feine Gesellschaft eingeführt zu werden, wobei möglichst auch ein standesgemäßer und gutbetuchter Ehemann gefunden werden soll. Sie interessiert sich aber bald nur noch für Friedrich Schiller (Florian Stetter), der eines Tages unter ihrem Fenster steht und nach dem Weg fragt. Der aufstrebende Dichter hat  mit seinem Drama „Die Räuber“ bereits einen Skandalerfolg gelandet, lebt aber weiterhin in bescheidenen bürgerlichen Verhältnissen und kommt nicht als Heiratskandidat in Frage. Charlottes Schwester Caroline von Beulwitz (Hannah Herzsprung), die ihrerseits eine Vernunftehe eingegangen ist, um nach dem Tod des Vaters den Lebensstandard von Mutter Louise (Claudia Messner) zu sichern, lädt Schiller schließlich ein, die Familie in Rudolstadt zu besuchen -  er soll das kleine Herzogtum ein wenig „durcheinanderbringen“. Als er im Sommer 1788 zu ihnen kommt, sprühen die Funken zwischen dem Dichter und den Schwestern. Charlotte und Caroline haben sich einst geschworen, alles zu teilen und nun teilen sie auch Schiller. Das Trio schließt einen Geheimpakt und will den Traum von der glücklichen Liebe zu dritt Wirklichkeit werden lassen…   

„Die geliebten Schwestern“ ist in allererster Linie eine Liebesgeschichte und als solche ein Schauspielerfilm. Gerade die berühmte Ménage à trois hat Graf schon öfter interessiert (so bei seinem Fernsehfilm „Die Freunde der Freunde“) und hier findet er für seine Dreierliebschaft nicht nur eine ideale Besetzung, sondern oft auch sehr bewegende Bilder, in denen sich die Größe des Traums und der Gefühle ganz unmittelbar manifestiert. Als Friedrich, der nicht schwimmen kann, ein Mädchen aus der Saale rettet (ein dramatischer Einschub, der geschickt als Brandbeschleuniger für das Feuer der Leidenschaft genutzt wird), ziehen ihm die Schwestern unter einem Baum die Kleider aus und wärmen ihn mit ihren Körpern. In den Gesichtern steht dabei ein wenig Erschrockenheit und Verwirrung sowie ganz viel Glück. Ähnlich ist es bei einer von Großaufnahmen dominierten „erfreulichen“ Sex-Szene, bei der die Mienen der Darsteller mindestens genauso viel sagen wie die kunstvoll formulierten Briefe und Gedanken in diesem auf beste Weise wortreichen Film. Wobei gerade das Briefeschreiben und -lesen hier eine besondere Bedeutung hat. Seit François Truffaut (durch „Die geliebten Schwestern“ weht ohnehin ein Hauch des feierlich-ernsten „Jules und Jim“) hat kaum ein Regisseur mit solcher Liebe und Sorgfalt den Austausch, das Verfassen und die Lektüre, ja selbst das Kuvertieren von Briefen inszeniert.

Über den intimen Schriftverkehr der drei Liebenden erzählt Graf, der sich als Drehbuchautor an den historischen Vorbildern orientiert, aber auch viel dazu erfindet, große Teile seiner Geschichte und über ihn erhalten die Persönlichkeiten der Protagonisten immer klarere Konturen – ob sie nun selbst Briefe schreiben, sie lesen oder darüber verzweifeln, keine Antwort zu bekommen. Einmal versucht Schiller mit beiden Händen gleichzeitig zwei (natürlich identische) Briefe an die Schwestern zu schreiben, um keine zu benachteiligen, ein anderes Mal wird mit einem denunzierenden Schreiben eine folgenreiche Intrige angezettelt, wobei die scheinbar so sanftmütige Charlotte (die von der Newcomerin Henriette Confurius mit ganz viel Herz verkörpert wird) unerwartete Facetten zeigt. Es ist geradezu eine Wonne, wie genau in diesem Film mit Sprache (und Schrift – die drei Liebenden erfinden sogar einen Code) umgegangen wird. Wenn die Darsteller Briefe oder Literatur (vor-)lesen oder ihre Gedanken aus dem Off kundtun (stellvertretend übernimmt das gelegentlich auch Graf selbst als Erzähler), dann ist das auch ein sinnliches Vergnügen. Der Dichter und Denker Schiller kommt ebenfalls zu seinem Recht und bringt seine aufklärerischen Ideale bei der Antrittsvorlesung in Jena bewegend auf den Punkt: Da erscheint für einen Moment nicht nur in der Liebe, sondern im ganzen politischen und persönlichen Leben das absolute Glück möglich zu sein – einfach weil man es sich vorstellen und in so schöne Worte hüllen kann.

Die historischen Umwälzungen und die sozialen Zwänge der Zeit (die Handlung erstreckt sich von 1787 bis 1802) blendet Graf nicht aus, sondern verknüpft sie überzeugend mit dem (Seelen-)Leben der Figuren. Da ist Schillers Begeisterung für den technischen Fortschritt beim Buchdruck und seine anfängliche Sympathie für die Französische Revolution, die in Entsetzen umschlägt, als ihm sein Freund Wolzogen (Ronald Zehrfeld) drastische Zeichnungen vom Terror in Paris präsentiert. Des Dichters prekäre Lage (ohne Mäzene kann er sich das Künstlerleben nicht leisten, zudem hat ihn der Herzog von Württemberg aus seiner Heimat verbannt) bessert sich im Lauf der Zeit, aber Caroline als Frau hat es ungleich schwerer. Hübsch ist dabei inszeniert, wie ihr anonym verfasster Fortsetzungsroman (mit Cliffhanger!) in den Salons einschlägt, das kommt einem als heutiger Zuschauer sehr vertraut vor, genauso wie der Rummel um ein Treffen zwischen Schiller und Goethe (der hier nur kurz von hinten zu sehen ist, aber als großer Abwesender eine wichtige Rolle spielt), bei dem ganz Rudolstadt an den Fenstern hängt. Die erstaunlichste Modernität steckt hier aber in den drei Hauptfiguren selbst, die in ihrem maßlosen Streben nach Selbstverwirklichung völlig natürlich und trotz aller Zwänge unerhört frei wirken. Florian Stetter („Kreuzweg“) als Schiller bringt dies mit einer fast kindlichen Art des Beharrens auf dem Glück zum Ausdruck, während Hannah Herzsprungs („Vier Minuten“) Caroline für das gleiche Ziel etwas mehr Härte zeigen muss.

Dominik Graf nimmt sich in „Die geliebten Schwestern“ immer wieder Zeit für Stimmungen und für die Dauer von Abläufen. Der sonst durchaus für einen sehr fragmentierten und temporeichen Inszenierungsstil bekannte Filmemacher (etwa bei seinem umstrittenen „Tatort: Aus der Tiefe der Zeit“), entführt uns hier in eine weniger hektische Zeit und hält sich entsprechend zurück. Das zeigt sich besonders schön in einer Szene, in der die beiden Schwestern, die Friedrich in Rudolstadt erwarten, aus dem Fenster auf die sich in die Ferne windende Saale blicken (die wunderbare Kameraarbeit besorgt Michael Wiesweg, der die Landschaftsaufnahmen ganz ohne aufgesetzte Filter- oder Beleuchtungseffekte zu dunstig-duftigen romantischen Gemälden werden lässt) und schätzen, wie lange der am Ufer entlanggehende Gast wohl brauchen wird, bis er bei ihnen ist. Die Langsamkeit der Fortbewegung und der Kommunikationsmittel ist ein schöner Kontrapunkt zur Ungeduld der Liebenden. Und auch der wundersame Überschwang der Gefühle wirkt hier ganz natürlich, auch wenn Graf dabei gelegentlich zu deutlicheren Stilisierungen greift: Beim feierlichen Schwur der Schwestern am Rheinfall etwa werden ihre Worte vom Getöse des Wassers übertönt, aber gerade dadurch kommt es einem vor, als könnten wir ihre Herzen schlagen hören.  

Fazit: Dominik Grafs historisches Liebesdrama „Die geliebten Schwestern“ ist wie seine Protagonisten: maßlos, intensiv, wortgewandt und von schönen Idealen beseelt.

Dieser Film läuft im Programm der Berlinale 2014. Eine Übersicht über alle FILMSTARTS-Kritiken von den 64. Internationalen Filmfestspielen in Berlin gibt es HIER.
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