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Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht
Von Andreas Günther

„Alles hat sei´ ei´e Zeit!“ Der Hunsrück-Dialekt ist ebenso unverkennbar wie für viele TV-Zuschauer unvergesslich. Vor knapp dreißig Jahren eroberten die herben bis bittersüßen Geschicke der Bauernfamilie Simon zwischen 1919 und 1982 in „Heimat – Eine Deutsche Chronik“ bundesrepublikanische Wohnstuben und ein weltweites Publikum. Nun geht das  legendäre Monumental-Epos mit „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ in eine neue Runde - und ist erstmals zuerst im Kino zu sehen. Marita Breuer, überragende Darstellerin der ersten Stunde, sichert dabei personelle Kontinuität. Nach Ausflügen in die Zeit der Studentenrevolte („Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend“) und des Mauerfalls („Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende“) kehrt Regisseur Edgar Reitz mit einem Sprung in die Mitte des 19. Jahrhunderts zum ursprünglichen Erfolgskonzept zurück: nostalgisch gefärbtes, gediegenes Sehnen, Hoffen, Leiden, Lieben und Sterben im Phantasie-Dorf Schabbach.

Dort verschlingt der wissbegierige und verträumte Bauernsohn Jakob Simon (Jan Dieter Schneider) alle Bücher, die von Brasilien und vor allem von den dort lebenden Indianern und ihrer Sprache handeln. Denn Hungersnöte und eine unterdrückerische Obrigkeit veranlassen im Jahr 1842 viele im kleinstaatlich zersplitterten Deutschland zur Ausreise in die Neue Welt, und auch Jakob will weg, ist es im Geiste schon – aber in der Realität hängt er in Schabbach fest. Nach einem Streit mit Vater Johann (Rüdiger Kriese) reißt er aus. Es geht zu seiner Schwester Lena (Mélanie Fouché) an den Rhein, doch er wird von Bruder Gustav (Maximilian Scheidt) schnell wieder zurückgeholt. Gustavs Techtelmechtel mit Jettchen (Antonia Bill), das später in einer Ehe mündet, macht den verliebten Jakob zudem so verzweifelt, dass er sich mit Dragonern anlegt und Festungshaft erhält. Nach der Entlassung beim ehemaligen Mithäftling und Graveur Franz Olm (Christoph Luser) wohnend, ruft ihn die Nachricht von der schweren Krankheit der geliebten Mutter Margarethe (Marita Breuer) erneut nach Schabbach zurück. Obwohl es nur eine kurze Visite sein soll, weil er die Schiffspassage nach Brasilien endlich gebucht hat, machen Gustav und Jette ihm einen Strich durch die Rechnung.

„Die andere Heimat – Chronik einer großen Sehnsucht“ zieht in eine Gemeinschaft vergangener Zeiten hinein, von der man ahnt, dass so oder so ähnlich auch die eigene Familie vor mehr als 170 Jahren gelebt hat. Diese Glaubwürdigkeit ist der größte Trumpf der fleißigen Filmschaffenden, die detailscharf spärliches Sonnenlicht in dämmrige Stuben fallen lassen, wo leise der Staub wirbelt, während draußen Wind und Wetter herrschen. In sanftem Rhythmus, punktiert von bisweilen erregtem Wortgefecht in der rheinlandpfälzischen Mundart, strömt die leicht melodramatische Geschichte dahin, die sich Edgar Reitz zusammen mit Romancier Gert Heidenreich („Vaterliebe“) ausgedacht hat.

Diese setzt wie bei den anderen „Heimat“-Projekten Gernot Roll („Nirgendwo in Afrika“) ins Bild, diesmal bis auf einige wenige Grüntupfer gänzlich in nuanciertem Schwarzweiß. Die Dorfbewohnerschaft erfasst der Ausnahme-Kameramann in seinen Plansequenzen als riesigen, unermüdlich bewegten Gruppenkörper. Doch zugleich ist er sensibel dafür, wie die Affekte jedes einzelnen den Ort und seine Umgebung aufladen. Großzügige Aufnahmewinkel geben Regisseur Reitz Gelegenheit zu komplexen Inszenierungen, von denen der fulminante Gastauftritt von Regie-Legende Werner Herzog („Fitzcarraldo“) als durchreisender Alexander von Humboldt besonders profitiert.    

Die „andere Heimat“, die der Titel verspricht und die Aussiedler suchen, bleibt allerdings außen vor. Sie ist weniger Thema als Aufhänger des Films, um sich umso tiefer in den historischen Humus der einen Heimat, Schabbach, zu graben. Der externe, kritische Blick auf die Schabbachsche Realität kommt daher zu kurz. Auch die verfremdenden, magischen Effekte des Anfangs, wenn Jakobs Lektüre Wirklichkeit zu werden droht, bleiben genauso Fremdkörper wie der amüsante Einfall, manche Details inmitten des Schwarzweiß einzufärben, um subjektive Sichtweisen zu unterstreichen.

Statt historische Bedingungen mit ihrem Unglück und ihren Hemmnissen zu kennzeichnen, frönt Reitz letztlich dem Folkloristischen, Gemütvollen und Familiären, oft um den Preis der Selbstunterdrückung des Einzelnen, die die Betroffenen geradezu abenteuerlich rechtfertigen. Große Konflikte werden wundersam hinwegversöhnt, ein Seitensprung mildert mitunter das Los einer unglücklichen Ehe. Gegen die ‚Affirmation des Bestehenden’ rannte Reitz zu Anfang seiner Karriere an, heute dient er ihr wohl eher. Unproblematisiert bleibt auch in dieser „Heimat“-Ausgabe die manchmal unheimliche Dominanz der Frauen und Mütter, die faktisch über alles entscheiden und so auch am Fortgehen hindern.

Fazit: „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ ist ein soghaftes, detailgetreu realisiertes Geschichts-Epos, das zur Beschäftigung mit der eigenen familiären Vergangenheit anregt. Trotz aller handwerklicher Finesse fehlt aber ein distanzierterer Blick zur Klasse des Vorläufers „Heimat – Eine Deutsche Chronik“.

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